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Mit Seume bis Wien

Schnorr, Selbstbildnis

Im Leben von Johann Gottfried Seume spielte der Leipziger Maler und Radierer Veit Hanns Schnorr von Carolsfeld (1764 – 1841) die Rolle des womöglich besten Freundes. In seiner Autobiographie „Meine Lebensgeschichte“ finden wir unter anderem den Bericht über den ersten Abschnitt von Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“. Bis Wien sind die Freunde gemeinsam spaziert. 

Der folgende Text darf nicht kopiert werden: Taurus Verlag Leipzig 2000 • ©Alle Rechte vorbehalten.


Der Herbst als Termin unsrer Abreise hatte begonnen. Seume hatte den Wunsch, vorher noch einmal die gefeierten Männer Weimars zu sehen; mein Freund lud mich dazu ein und wir traten im October unsre Wanderung dahin in Gesellschaft eines Engländers, Namens Robinson welcher einige Zeit in Grimma sich aufgehalten – wo er zugleich bei dem rühmlichst bekannten Mag. Töpfer Unterricht nahm – und daselbst mit Seume genauer bekannt geworden war, gesund und heiter an.

Wen wir auch besuchten, wir wurden von Ihm freundlich aufgenommen. Außer Wieland, Göthe, Schiller, Herder und Böttiger fanden wir auch den Herrn von Kotzebue – der sich nur eben zum dritten Male verheirathet hatte – desgleichen die beiden Brüder Genz. – Herr von Kotzebue war damals außerordentlich heiter. – Er tanzte fast – wie Seume meinte.

Beim Eintritt in Göthes Zimmer – begegnete meinem Blick sogleich das ”Salve!” auf dem Fußboden. – Wieland unterhielt sich viel über Politik mit dem Engländer. – Robinson. Robinson lebt noch und befindet sich wohl. Vor einigen Monaten hat er mich durch einen Reisenden, Herrn Doct. Härtel, des verstorbenen Buch- und Musikalienhändlers ältesten Sohn – herzlich grüßen lassen. Robinson ist ein Mann von ernster Haltung und Würde. Härtel traf ihn in Agrigent. – Daß durch eine thätige Vermittlung des letzteren die aus kleinen Anfängen (von Bunsen und einigen Anderen) entstandene, für die Deutschen in Rom gestiftete Bibliothek bedeutend bereichert ward – dieß ist bekannt. Härtel ist nicht nur ein feiner Kunstkenner, – er ist auch selbst im Besitz von Kunsttalenten und ein Mann von Geschmack.  R. war geistreich und von großer Wahrheitsliebe. Bei allem dem konnte er aber gelegentlich sehr sarkastisch werden. –

Seume erzählte mir, daß R. aber wegen seiner Sarkasmen über Parlamentsmänner, durch seinen Vater die Warnung erhalten, London auf einige Zeit zu verlassen. – Er mochte wohl zuweilen über manchen Uibelstand etwas zu stark gesprochen und der Vater selbst deshalb einen Wink erhalten haben. – Dieß lag bei aller Gutmüthigkeit so in seinem Wesen. –

Noch ist mir jener Moment ganz gegenwärtig. Wie Robinson – als wir den Berg von Weimar heraus auf dem Weg nach Jena zu wandeln im Begriff waren, – auf einmal, den Blick nach der Stadt wendend, stehen blieb, Seume mit der Hand auf die Schulter schlug und ausrief: ”nun, so habe ich denn die großen Bestien auch gesehen!” – Aber sogleich fügte er auch hinzu: ”vor solchen Männern muß man wirklich allen Respect haben!” – –

Glücklich und vergnügt zurück gekehrt, wurde die kurze Zwischenzeit noch möglichst nach allen Richtungen hin angewendet, um dann menschlichen Ansichten nach, mit Ruhe unser Vaterland verlassen zu können. Und so wanderte ich denn nach Uibereinkunft am 5 t. December auf einem gesunden Rücken im Seehundsfelle die nöthige Wäsche und Kleidung, nebst meinem Miniaturkasten und einer Mappe (beides von mir selbst verfertiget), und auf gesunden Beinen, als ein leibhaftes omnia secum portans, begleitet von Weib und Kindern bis zum Weichbild, von Leipzig aus nach Grimma, um dort Freund Seume abzuholen * (Wir hatten nämlich 3. Hemden im Tornister, 1. Auf dem Leib; 3. Paar Strümpfe im Tornister, 1. Pr. An den Beinen, einen feinen schwarzen Frack, desgleichen seidnes Beinkleid und Strümpfe, einige Vorbindehemdchen pp. Mit einem Worte: wir konnten höchst anständig vor jedem Gesandten erscheinen. Auch wuschen wir zuweilen ein Hemd im Fluß und trockneten dieses, einer Fahne gleich an den Stock gebunden in der Luft, und war ein Paar Strümpfe untauglich geworden, kauften wir in der ersten besten Stadt ein neues). –

Daß mich der Abschied von Weib und Kindern, wie von einigen bewährten Freunden nicht wenig Anstrengung kostete, wird man mir glauben. Schweigend verließ ich die Stadt; ein Paar Raben, dießmal Apollos heilige Trabanten, nicht Unglückspropheten, flogen mir zur Rechten, und die glänzend aufgehende Sonne, die seit langer Zeit bewölkt gewesen war, strahlte Hoffnung in die bewegte Seele. Welches gläubige Gemüth nimmt nicht gerne jede neue Erscheinung bei seinem Unternehmen für ein gutes Omen! Voll Vertrauen auf die Vorsehung, gestützt auf meine gute Sache und begleitet mit Segenswünschen, schritt ich getrost vorwärts. –

Mein Genius trieb mich hinaus ins Hellere; so Manches war mir noch dunkel; meine Knaben lagen mir am Herzen; die beiden ältesten zeichneten für ihre Jahre (im 17 t. und 13 t. schon ziemlich gut, und der jüngste zeigte ebenfalls die entschiedensten Talente. Ich wollte also meiner Sache gewiß werden und sie richtig leiten; ihnen im Voraus einige Bekanntschaft machen; ihnen sagen, wie sie sich einst auf einer Reise einzurichten und was sie sonst zu beobachten hätten. –

Mein Blick war zunächst nach Wien gerichtet. Füger lag mir schon längst im Sinne. – Die erste Nacht blieb ich in Altenhayn auf dem Guthe des Herrn von Bissing. Dieses verehrte Ehepaar hatte meine Tochter Ottilie innigst lieb gewonnen. Vertrauensvoll sprach ich jetzt die Bitte aus, im Fall meines Todes und der Noth sich dieses Kindes anzunehmen. Hierauf erhielt ich wie aus einem Munde die redliche Versicherung meine Bitte zu erfüllen. Ottilie war damals 8. Jahre. – Und so verließ ich glaubensvoll dieses Haus, um baldmöglichst das nahe Grimma zu erreichen. * (Wen es intereßiren sollte von dieser Reise mehr zu wissen, der lese Seume’s Reise nach Syrakus. –)

Nachdem nun auch Seume den Tornister aufgenommen, und jeder seinen Reisestock ergriffen hatte, zogen wir von hinnen. Muthig wanderten wir über Höhen und durch die Thäler der Sächsischen und der Böhmischen Gebirge, unverdrossen durch Novemberstürme und Windwehen dahin. In Birna besuchten wir noch einige Augenblicke den Dichter Seifried. Die so freundliche Aufnahme in Prag vermehrte unsere gute Stimmung und Wien war bald erreicht.

Seumes Widerwillen gegen das Benehmen der meisten Polizeibüreau’s ist bekannt; in seinem Spaziergang nach Syrakus hat er sich darüber ausgesprochen. Und doch mußten wir auch hier vor die Schranken treten. Der Expedient war bereits mit Angekommenen beschäftiget. Er that nun unter der Hand zunächst einige Fragen an Seume und dann später auch an mich. Meinen Paß hatte ich in der Hand. Auf die Frage: Woher? Was? u.s.w. sprach er, etwas lebendiger werdend: ”Schauns, da sind sie wohl der Künstler, nach dem die Vignette hier gestochen ist? – Er hatte in diesem Augenblick ein so eben aus Leipzig angekommenes Heft von Mozarts Werken ergriffen, zu welchem ich eine Zeichnung: ein an einem Rosenbusch knieendes Mädchen, beschäftiget einen Kranz zu binden, verfertigt hatte (der Stich war von unserm trefflichen Wilhelm Böhm). Auf meine Bejahung wurde der Mann auf einmal recht freundlich und so entließ er uns auch. – Als wir nun das Büreau verlassen hatten, machte Seume einen Augenblick ”Halt!” und sprach ganz humoristisch gestimmt ”Mon cher, es ist doch gar nicht übel, wenn schon einiger Ruf voraus gegangen ist! – – –”

In meinem Notizbuch fand ich die Worte: ”Herr von Berks – höfliche Polizei”. – – –

Indeß traf Herr von Berks selbst noch in Wien mit unserm Seume und mir bei Schreivogel und Straus zusammen und wir lernten hier einander näher kennen. –

Nach 30. Jahren erkannte mich der – jetzt als k.k. österreich. Consul nur erst angekommene Herr Legationsrath von v. B. hier im Garten des Hrn. v. Freigang – nachdem ihm mein Name genannt worden – auf der Stelle wieder, jenes beschriebenen Moments im Büreau zu Wien u.s.w., sich zugleich erinnernd. Seitdem sind wir einander öfters nahe gekommen, und ich habe Hr. v. B. nicht nur als einen sehr gebildeten, sondern auch stets gefälligen und wohlthätigen Mann erfunden. –

Mein erster Gang war nun zu Füger. – Ein unbekanntes Etwas zog mich zu diesem Manne; ich übergab ihm meinen Brief von einem seiner besten Jugendfreunde, dem verstorbenen redlichen Kupferstecher Geyßer in Leipzig. Füger aber widerrieth mir, – dem Mann’ und Vater von 6. Kindern und ohne alles Vermögen – bei den jetzigen so großen Unsicherheiten auf den Straßen, meinen Weg nach Italien fortzusetzen. Der Mann sprach so herzlich, so ernst, daß es mir zu Herzen ging. Was sollt’ ich thun? Wagen? – durft’ ich nicht! Ich entschloß mich endlich nach vielem Kampf in Wien zu bleiben.

Seume selbst war bang’ um mich; denn ihm war Ähnliches von den Gefahren, Räubern in die Hände zu fallen, berichtet worden. ”Weit ruhiger werd’ ich gehen ohne sie”, sagte er gerührt. Durch mich wird niemand unglücklich, fügte er hinzu, wenn ich ja umkomme, u.s.w. Vierzehn Tage blieb mein Freund noch in Wien, dann – ging er alleine weiter. –

Wie schwer mir es wurde ihn allein gehen zu lassen, kann ich nicht beschreiben. Ich begleitete ihn zwei Stunden weit. Bei der Spinnerin am Kreuze trennten wir uns. Hier reichten wir einander die Hände und Seume sprach: ”mon cher, wir wollen einander nicht weich machen”. –

* * *

Auszug aus:
Veit Hanns von Carlosfeld: „Meine Lebensgeschichte, Zugleich als ein Sonst und Jetzt in einem Zeitraum von 55 Jahren“. Von Otto Werner Förster herausgegeben, transkribiert und kommentiert nach der Handschrift,
erschienen im Taurus Verlag, Leipzig 2000. (Anmerkungen und Hervorhebungen wie im o.g. Buch, Seiten 262 bis 266)

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