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„Magister Überall“:

Böttiger verstörte Weimar

 © Otto Werner Förster

Seit Beginn der 1790er Jahre notierte Karl August Böttiger tiefe Einblicke in den so gar nicht »klassischen« Alltag der Großen von Weimar und ihre Eigenheiten. Akribisch, authentisch, unterhaltsam: »Nichts ist einfacher, als Goethes jetzige Häuslichkeit. Abends sitzt er in einer wohlgeheizten Stube, eine weiße Fuhrmannsmütze auf dem Kopf, ein Moltumjäckchen und lange Flauschpantalons an, in niedergetretnen Pantoffeln und herabhängenden Strümpfen im Lehnstuhl, während sein kleiner Junge auf seinen Knieen schaukelt. In einem Winkel sitzt stillschweigend der Maler Meyer, auf der andern Seite die Donna Vulpia mit dem Strickstrumpf. Dies ist die Familiengruppe ...«

Für die Zeitgenossen waren die Aufzeichnungen zunächst nicht bestimmt, wohl aber für die Nachwelt. Als Böttiger auf der Leipziger Ostermesse 1834, nach Goethes Tod, dem Verleger Friedrich Perthes seine pikanten Sammlungen als »Reliquien oder Weimarische Nächte« zur Veröffentlichung anbot, lehnte der ab:

»Sie wissen, wie ich solche Denkmäler als höchst wichtig für die Geschichte des Geistes einer Zeit halte, wie hoch ich gerade das Lebendige Ihrer Auffassung des Geistigen schätze, was hier einem bedeutenden Zeitabschnitt im Leben der Deutschen gilt ... und dennoch fühle ich mich gedrungen abzulehnen. Ihre Reliquien übernehmend würde ich Mehrere geradezu beleidigen.«

Nach Böttigers Tod veröffentlichte sie sein Sohn Karl Wilhelm unter dem Titel »Literarische Zustände und Zeitgenossen«, gekürzt, entschärft, verstümmelt. Dennoch wurde sie für den Leipziger Verleger Friedrich Arnold Brockhaus kein merkantilischer Erfolg. Die Öffentlichkeit reagierte pikiert: Inzwischen begann sich der »Mythos Weimar« zu entwickeln, Symbol für deutsche Geisteskraft und Kultur. Man schickte sich an, eine Nation zu werden, was andere längst waren. Man brauchte Helden. Da konnte man Spott und Sarkasmen, Frevel an den Heroen, nicht zulassen. Und Böttiger wurde mit zunehmendem Nationalismus zur Unperson über mehr als ein Jahrhundert. Unschuldig daran war er allerdings nicht.

»In dem verhängnißvollsten Jahre des Siebenjährigen Krieges, in der ärmsten Provinz des Kurfürstenthums Sachsen, und zwar in dem kleinen vogtländischen Städtchen Reichenbach, wurde Karl August Böttiger am 8. Juni 1760 geboren. Sein Vater, Johann Karl Böttiger, war Conrector an der Stadtschule daselbst und hatte am 12. Juli 1759 die Stieftochter des Apothekers Wendler geheirathet. Als Karl August geboren wurde, sagte der wackere Wendler seiner Stieftochter: Nun, Hannchen, du hast einen Sohn bekommen, der ist in der Schulwohnung geboren, er wird einmal auch ein Schulmann werden.«

Das bald 800jährige Reichenbach hatte um 1760 nicht einmal 3.000 Einwohner. Durch diverse Stadtbrände wurde älteres Archivmaterial weitgehend vernichtet, und damit frühe Nachrichten über die Familie Böttiger. Die alte Stadtschule am Kirchplatz, etwa dort, wo heute das Bildungszentrum der sächsischen Wirtschaft steht, wurde schon 1868 abgerissen.

Den Vater berief man bald als Diakon ins benachbarte Elsterberg. Das Gebäude der »Alten Schule« am Kirchplatz, heute Karl-Marx-Straße 49, steht noch und ist Wohnhaus.

Vater Böttiger unterrichtete den Sohn und dessen Freund Friedrich Wilhelm Döring selbst.

1772 wurde der noch nicht 12jährige Böttiger in die Landesschule Pforta aufgenommen. Die sogenannten »Fürstenschulen« Sankt Afra in Meißen, Sankt Augustin in Grimma und Pforta bei Naumburg hatte der Wettiner Moritz von Sachsen Mitte des 16. Jahrhundert gegründet. Die Matrikel von Pforta verzeichnet unter dem 11. Mai als Nummer 40 Karl August Böttiger. In jenen Jahrgängen sind die Väter der Schüler als Bauern, Weinhändler, Diakon, Gastwirt, Seifensieder, Sattler genannt, kaum niederer Adel. Das Bildungssystem im feudalen Sachsen förderte vor allem die Begabten, Unbemittelten. Zwei Jahrgänge später erscheint der Bandmacher-Sohn Johann Gottlieb Fichte aus Rammenau im Verzeichnis. Sie werden sich zwei Jahrzehnte danach in Jena wieder begegnen. In Pforta legt Böttiger die Grundlagen für seine außergewöhnlichen altsprachlichen und Antikekenntnisse.

1776 stirbt sein Vater, und die Mutter heiratet bald den Geraer Fabrikanten Oberländer. Der finanziert dem 18jährigen das Studium in Leipzig. Am 3. Juni 1778 wird er in die Universitätsmatrikel eingeschrieben, für Theologie und klassische Philologie. Böttiger wohnt in der Vorstadt am Roßplatz, hört bei berühmten Lehrern wie Clodius und Ernesti, Morus und Zollikofer. Und lernt einflußreiche Leute kennen. Als der große Brand von Gera im September 1780 auch die Fabrik des Stiefvaters zerstört und der kurz danach stirbt, muß sich Böttiger eine Einkommensquelle erschließen. Christian Felix Weiße, der Steuereinnehmer und Dichter, verschafft ihm eine Hofmeisterstelle beim jungen Herrn von Pfeilitzer aus der Dresdner Neustadt, praktischerweise in Leipzig. Böttiger schreibt: »Es war ein sauerer Beruf und wenig Freude zu erleben. Denn bald gabs ein dem Zögling gefährliches Frauenzimmer aus Leipzigs Mauern fortzumanövrieren, bald ein Duell, das bei dem Edelmann und Offizier schwer beizulegen war, wenigstens möglichst ungefährlich ablaufen zu machen, bald andern Verdruß mit dem jungen Eigensinne. Endlich befreite mich die angeordnete Rückkehr des Fähndrichs zum Regimente von diesem Zöglinge«

Diese erste Hofmeisterstelle war insofern von lebenslanger Bedeutung für Böttiger, als sie ihm Zugang zu einem europaweiten Netzwerk eröffnete: Der kurfürstliche-sächsische Kammerherr Freiherr von Racknitz führte ihn in Dresden in die Freimaurerei ein. Am 8. November 1781 wird Karl August Böttiger in der Loge »Zum goldenen Apfel« aufgenommen, die sich über Jahrzehnte in der Kreuzstraße 8 eingemietet hatte.

Die Freimaurer-Bruderschaft, demokratisch strukturiert, ohne Ansehn von Stand und Herkunft, wirkte uneigennützig, mit humanistischen Zielen. Mit ihr kam Böttiger durch Leben und Ämter. Vor diesem Hintergrund erschlossen sich zwei weitere Hofmeisterstellen: Jene beim »Geheim-Finanzdirektor« von Ferber in Dresden, und schließlich im Frühjahr 1784 im Haus des Reichsgrafen Solms zu Wildenfels bei dessen Enkel, einem russischen Grafen Mengden.

Im August 1784 wird Böttiger in Wittenberg promoviert. Im September tritt er die von Freund und »Bruder« Döring vermittelte Stelle als Rektor des Lyzeums in Guben an. Das Schulgebäude stand auf der anderen Seite der Neiße, im heute polnischen Gubin.

Guben war um diese Zeit eine Tuchmacherstadt mit etwa 5.000 Einwohnern, mit »viel Genußsucht und Kleinstädterei daselbst«. Die Stelle brachte nur 350 Taler jährlich, so daß er ein Privaterziehungsinstitut gründete, das bald 22 Kostgänger und 4 Lehrer hatte.

Die Kleinstädterei brachte dem 24jährigen Rektor schon bald ungeahnte Probleme, wie sein Sohn später schreibt: »Er schien selbst bei seinen zum Theil ältern und bärtigern Primanern trotz aller Gelehrsamkeit noch nicht in rechter Autorität zu stehen. Aber alle Gelehrsamkeit würde ihm kaum das Ansehen verschafft haben, was eine einzige Veränderung in seinem Äußern ihm verschaffte. Es wurde also die Braut auf das Entsetzliche vorbereitet und eine gewaltige Perücke aus Leipzig verschrieben. Triumph! Die Bürger blieben jetzt ehrfurchtsvoll grüßend schon von weitem stehen, der Pastor Primarius eilte ihm mit Freude sogar bis an die Hausthür entgegen, und der Friseur stand halb verklärt da, als er diese Atzel zu manipuliren bekam«

Über die Brüder der Dresdner Freimaurerloge »Zu den drei Schwertern« hatte Böttiger Eleonore, die Tochter des »Geheimfinanzsekretärs« Adler, kennengelernt. Sie heirateten am 8. Juni 1786 in Loschwitz bei Dresden. Vier Söhne hatten sie; nur zwei überlebten die Eltern.

Sechs Jahre führte er das Lyzeum und sein privates Erziehungsinstitut, was ihm einen guten Ruf als Lehrer einbrachte und, über Zeitschriftenaufsätze, als Altphilologe und Altertumskundler in der Gelehrtenwelt. Bis ihn Budissin –erst 1860 Bautzen genannt – abwarb, als Rektor des Gymnasiums. Die Stadt war größer, glänzender, und vor allem näher an Dresden. Böttiger wurde am 8. Juni 1790, seinem 30. Geburtstag, im Ratsgebäude in das neue Amt eingeführt. Mit »Fackelmusik und reichen Geschenken«. Ein gutes Jahr hielt er durch, in ständigem Kampf mit seinem Stellvertreter und den auch hier »bärtigen Primanern«, und als die, wie der Sohn erzählt, »auf wiederholtes Zureden nicht gehorchen wollten, brachte er einen Stock mit und züchtigte die Ungezogensten«.

Die Erlösung brachte der Ruf aus Weimar. Die Gönner am Dresdner Hof und Weimarer »Netzwerker« wie Johann Joachim Christoph Bode vermittelten ihm über Herder und Herzog Carl August die freigewordene Stelle als Rektor der schon 1712 von Herzog Wilhelm Ernst gegründeten Schule neben der Stadtkirche. Sie steht noch immer. Die repräsentative Rektorenwohnung befand sich hinter der Kirche am Topfenmarkt.

Am 3. Oktober 1791 war die feierliche Amtseinführung. Böttiger schien es geschafft zu haben. Ein angemessenes Jahresgehalt und eine Witwenpension. Dazu Sitz und Stimme als Oberkonsistorialrat und der Hofrat-Titel, und das ganze in der Stadt Goethes.

Johann Gottfried Herder dämpfte seinen Enthusiasmus bald: »Zwei Dinge sind schändlich hier in Weimar. Der falsch erborgte Schimmer, mit dem wir auswärts Gleisnerei treiben, und die jämmerliche Geistes- und Bücherarmut, in der wir hier schmachten. Ich werde künftig Breitkopfs Druckerzeichen: Der Bär, der an seiner Tatze saugt, zur Titelvignette aller meiner Bücher nehmen, mit der Überschrift: Ich bin mir selbst die Nahrung.«

Zu Goethe bekam Böttiger zunächst wenig Kontakt. Man traf sich bei Herder im Sonntagszirkel, mit Christoph Martin Wieland befreundete er sich und mit dem Freimaurerbruder, Verleger und Multi-Geschäftsmann Friedrich Johann Justin Bertuch. Und Herzogin Anna Amalia war ihm sehr gewogen. Sie hatte 1791 einen »Gelehrtenverein« gegründet, der jeden ersten Freitag im Monat bei ihr im Wittumspalais tagte. 1794 konnte Böttiger in diesem Kreis erstmals seine populär aufbereiteten altertumskundlichen Kenntnisse vorstellen. Anna Amalia war begeistert und ermunterte ihn zu weiterem.

Wieland bot ihm die Mitarbeit an seinem »Teutschen Merkur« an. Bald war er alleiniger Redakteur. Bertuch verpflichtete ihn für sein »Journal des Luxus und der Moden«. Böttiger arbeitete schließlich für dutzende gut laufende Zeitschriften in Deutschland, England und Frankreich: Information, Unterhaltung, Rezensionen, Klatsch. Zeitschriften-Projekte der Klassiker fanden dagegen weit weniger Publikum. Und Böttiger hielt sich auch in Briefen und Gesprächen selbst mit Urteilen über die Großen« von Weimar nicht zurück, kolportierte gar abschätzige Meinungen anderer:

»Goethe hatte den Wunsch, in Verbindung mit Herdern und einigen andern Weimarschen Gelehrten ein Musterjournal herauszugeben. Da dieß aber nicht ging, verband er sich mit Schillern, den er früher gar nicht ausstehn konnte, und dies umso lieber, da er von diesem die kritische Philosophie in Quintessenz vorgetragen erhielt. Göthe quetscht gern solche Citronen aus. Übrigens hat Göthe seinen frühen Cumpan und Lebebruder Merk zum Original des Mephistopheles in seinem Faust – dies ist Göthe selbst – genommen, und mehrere Szenen sind Anspielungen auf wirkliche Begebenheiten, die er mit Merk erlebt hatte, z.B. die Szene in Auerbachs Hof und das Liedchen vom Floh. Schade nur, daß dieser Faust, so wie wir ihn jetzt in seinen Werken haben, ein aus frühern und spätern Arbeiten zusammengeflicktes  Lappenwerk ist – so wie auch der Wilhelm Meister«

Im großen Dorf Weimar blieb vieles unter der Decke, aber fast nichts geheim. So  führten die Gerüchte und Böttigers Zeitschriftenartikel schon bald zu größeren Dissonanzen, zumal man am Vielschreiber Böttiger kaum vorbeikam. Und man benutzte ihn, was er aufgrund seiner weitverzweigten Abhängigkeiten von Autoren, Verlegern und Zuträgern kaum ausschlagen konnte. Auch der Leipziger Verleger Georg Joachim Göschen:

»Ich beschwere Sie mit einem Don Carlos, den ich soeben vollständig zur Welt gebracht habe und wo ich mir die Freiheit nehme, Sie zu Gevatter zu bitten. Sie sind ein viel zu stattlicher und großmütiger Mann, als daß Sie das arme Würmchen ohne alle Unterstützung lassen sollten. Sie werden im Geiste gleich nach einem helltönenden Instrumente greifen und durch die Welt, worin Sie mittelst des Modejournals und der Allgemeinen Zeitung herrschen, den Befehl ergehen lassen: Nehmt euch dieses schönen Kindes an, kauft es, bezahlt es und ergötzt euch daran nach Herzenslust!«

Böttiger rezensierte Bücher und Theateraufführungen, schrieb über Kometenkollissionen und epidemischen Raupenfraß, über Zuckerrüben, Pockenschutzimpfung und Dampfmaschinen, kommentierte pikante Gerüchte und besprach den literarischen Ertrag der Leipziger Messen. Im Neuen Teutschen Merkur war von Böttiger selbst zu lesen:

»Wäre das Jahr 1797 so überfließend reich an edlen Bacchusgaben gewesen als an einer geseegneten Romanerndte, was müßte das für ein unvergleichliches Weinjahr geworden seyn! So aber scheint vielmehr die ungeheure Fruchtbarkeit des letzgenannten papiernen Articels auf Mißwachs und Theuerung des erstern, geistigern Produktes in mehr als einer Beziehung hinzudeuten. Denn könnten es die Proletarier unter den Romanfabrikanten auch nur bis zu einer Flasche alten Rheinwein bringen, so würden sie dem erniedrigenden Gewerbe, Bier und Kaffee gegen ihre gleich bey der Geburt zum Makulaturtode reifen Sterblinge einzutauschen, irgend ein anderes Geschäft mit tausend Freuden vorziehen«.

Goethe und Schiller begegneten Böttiger zunächst unvoreingenommen und suchten seinen Rat in Antike-Fragen. Allerdings, in künstlerischen hatte Böttiger wenig Kenntnis und Einfühlungsvermögen ...

»Mit meinen Kranichen ist Böttiger sehr zufrieden gewesen, und Zeit und Lokal, worüber ich ihn consultierte, hat er sehr befriedigend dargestellt gefunden. Er gestand bei dieser Gelegenheit, daß er nie recht begriffen habe, wie sich aus dem Ibycus etwas machen ließe. Dieses Geständnis hat mich sehr belustigt, da es seinen Mann so schön characterisiert«

Der Brief Schillers an Goethe vom September 1797 kennzeichnet die sich zuspitzende Situation treffend. Böttiger hatte an Schillers Arbeiten einiges auszusetzen. Er war und blieb ein Schulmeister, der sich nicht verkneifen konnte, auch die Klassiker zu schulmeistern:

»Nirgends weht in Schillers Geistesproducten die leichte genialische Muse, die es uns ganz vergessen läßt, daß dem Dichter seine Erzeugnisse Anstrengung und Arbeit gekostet haben. Auch rächt sich der Mangel an Schulkenntnissen und einer gebildeten Erziehung sehr oft an ihm. Der Vorwurf, daß er nicht einmal den Strada zu seiner Niederländischen Geschichte habe lesen können, ist vielleicht sehr treffend«.

Zur verqueren Besserwisserei kam Vertrauensbruch. Der gehetzte Journalist Böttiger, im Zwang, möglichst schnell, authentisch und noch vor anderen in den Zeitschriften zu berichten, hatte die ihm von Goethe anvertrauten Druckbögen von »Hermann und Dorothea« heimlich an den Berliner Verleger Friedrich Vieweg vermittelt. Und Goethes »Jahrmarkt von Plundersweiler« gab er an den Schriftsteller Johann Daniel Falk, der Passagen daraus in eine seiner Arbeiten übernahm. Schließlich griff Böttiger ein wenig unverschämt in Goethes geheiligte Theaterbelange ein: Goethe inszenierte Schillers »Wallenstein« am Hoftheater. Böttiger überredete einen Schauspieler, ihm über Nacht das Manuskript zu geben, ließ es abschreiben und schickte es nach Kopenhagen. Goethe erfuhr davon aus einem Schillerbrief vom März 1799: »Auch erfuhr ich durch einen Brief von Schimmelmann, zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß Wallensteins Lager in Coppenhagen ist. Ich wüßte keinen andern Weg als von Weimar aus, und fürchte daß Magister Ubique auch hier seine Hand wieder im Spiel habe. Magister Überall hat neuerlich in Copenhagen Mäckeley getrieben, und von seiner Indiskretion ist alles zu erwarten«

Böttiger schreibt ausführlich über Ifflands Auftritte am Weimarer Theater, über Inszenierungen von Stücken des Romantikers Friedrich Schlegel. Sehr zum Mißfallen Goethes. Diese und andere ähnliche Vorfälle bringen nicht nur Goethe und Schiller in Rage und Böttiger in Verruf. Die Vertrauensbasis ist zerstört. Garlieb Merkel, Schriftsteller und Zeitschriftenherausgeber in Berlin, notiert später über Böttiger:

»Der mercantilische Gewinn von dieser Thätigkeit war die Klippe, an der er scheiterte. Die Herausgeber der Zeitschriften zahlten ihm sehr hohe Honorare. Um diese verdienen zu können, durfte er nicht ekel in Rücksicht der Materialien und der Correspondenten sein, mußte er der Eitelkeit der Letzteren öffentlich schmeicheln, ihre literarischen Pläne befördern. Er konnte doch die Erwartung der aufmerksamen und freigebigen Spender nicht täuschen! Er mußte das Übersandte loben, mochte es auch noch so mittelmäßig sein – und so sank denn die ganze Literatur für ihn zu einem Fabrikgewerbe hinab«

Karl August Böttigers Weimarer Zeit neigte sich ihrem Ende zu, obwohl Herzog Carl August ihn zu halten suchte. Böttiger wägte Angebote aus Schulpforta, Berlin, Kopenhagen ab. Seine Freunde und Freimaurer-Brüder in Dresden, vor allem Freiherr von Racknitz und der Oberhofprediger Franz Volkmar Reinhard, organisierten inzwischen für Böttiger – und ließen mit Genehmigung des Kurfürsten eine neue Stelle schaffen: Studiendirektor des Pageninstituts, das später mit dem Kadettenhaus zur Ritterakademie vereinigt wurde. Am 19. Mai 1804 wurde er offiziell eingesetzt. Böttigers Sohn: »Das Institut der kurfürstlichen Silberpagen bestand aus einem adeligen Pagenhofmeister, einem Professor, acht Maitres und zwölf jungen Herren von altem Adel, die dann, wenn sie die Anstalt verließen, entweder als Kammer- oder Jagdjunker zum Hofe, oder als Offiziere zur Armee traten. Im Allgemeinen oblag ihm die Aufsicht über den wissenschaftlichen Teil des Unterrichtes, sowie bei ausfallenden Stunden eines Lehrers die Beschäftigung der Pagen durch Unterricht oder Aufgaben. Aber die ganze Anstalt war an und für sich mangelhaft, obgleich die zwölf jungen Herren über 30.000 Thaler, so viel als eine der beiden Universitäten, kosteten«.

1.000 Taler Jahresgehalt – sehr üppig im Vergleich zu den Durchschnittsverdiensten jener Zeit –  und 200 Quartiergeld, dazu ein Holzdeputat und die Umzugskosten waren Böttigers Verhandlungsergebnis. Er wohnte mit Familie standesgemäß im Coselschen Palais am Neumarkt, unweit der Frauenkirche. Schnell ist er in die Kulturszene der Kursächsischen Residenz integriert. Er hält, neben seinem Amt und der ausufernden Tätigkeit für Journale, populärwissenschaftliche Vorträge über altertumskundliche Themen

Er verkehrt im pseudoromantischen »Dichterkreis« von Friedrich Kind, Theodor Hell und Graf von Nostitz und Jänkendorf, der sich als Dichter Arthur von Nordstern nennt. Sie treffen sich in Privatwohnungen, sitzen aber auch gemeinsam am Stammtisch bei »Chiaponne« in der Schloßgasse, nahe der Ecke zur Wilsdruffer Gasse. Max Maria von Weber, Sohn des Komponisten, erzählt darüber in seiner Biographie des Vaters:

»In das Zimmerchen hinter dem Laden tritt Weber ein und wird von einer Gesellschaft Grauköpfe und ernster Männergesichter begrüßt, die hier sokratisch heiter ihre Falten durch die verjüngende Kraft des Hochheim und Burgunders, des Kaviars und der Austern glätten. Da sitzt im Schatten, selten seine sonore Stimme erhebend, Ludwig Tieck, gebeugt, hinter einem Austernberg fast verschwindend, ein Bild bewußten Lebensgenusses. Unter der Lampe spielt ein rötlicher Reflex auf der imposanten Glatze Böttigers, der behaglich schmunzelnd eine zierliche, kleine Skandalgeschichte erzählt. Hinter dem Tisch am Ofen lehnt sich der jederzeit verkannte Friedrich Kind in seiner Dichterwürde zurück und schlürft sparsam den Rheinwein«

Auch Carl Gustav Carus, Leibarzt des Königs und Maler, lebte zur gleichen Zeit in Dresden und erinnert sich an seine Begegnung mit Karl August Böttiger beim Malerfreund Caspar David Friedrich:»... Seine Bilder waren damals sehr gesucht, und er erhielt viele Besuche hoher und geringer Kunstfreunde. So führte der weltbekannte Gelehrte Hofrat Böttiger, mit dem auch ich damals öfters in Berührung kam und von dessen überall behäbiger Gefälligkeit viele Geschichten kursierten, einst einige aristokratische Damen bei ihm ein, als eben ein neues Bild, eine weite neblige Gebirgsferne mit einem einzigen darüber schwebenden Adler, auf der Staffelei stand. Der blinzelnde Archäolog stellte sich alsbald halb mit dem Rücken davor und entwickelte in fließender Rede den etwas erstaunten Beschauerinnen die Schönheit und tiefe Bedeutsamkeit dieses Seestücks, bis Friedrich verdrießlich auf die Gebirge zeigte und das Bild wegnahm ...«.

Karl August Böttiger starb am 17. November 1835 als Oberinspektor des Antikenkabinetts, geachteter Altertumskundler und Gründer des sächsischen Kunstvereins. Er wurde auf dem Dresdner Eliasfriedhof neben seiner Frau, seiner Mutter und einer Pflegetochter begraben. Seine Aufzeichnungen aus der Weimarer Zeit gelten heute als wesentliche Quelle.

Er war vielleicht der Prototyp des modernen Überall-Journalisten und beklagt das, wenige Jahre vor seinem Tod: »Wir konnten uns auch bei vorgerücktem Alter nicht dazu verstehen, den gefräßigen und unersättlichen Käfer, Publikum genannt, dem unsere ins Unendliche verzweigte und zum Verderben aller gründlichen Forschung jämmerlich zerstückelte Journal- und Tageblätter-Fabrikation so willig frönt, abzuwehren ...«

 

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