Seumes neues Leben

Das Standartwerk „Mein Leben“ enthält die erste Biographie von Johann Gottfried Seume und ist seit 1813 in immer neuen Auflagen aber immer mit dem gleichen, nie überprüften Inhalt erschienen. Im Januar 2018 werden wir lesen können, was Seume wirklich schrieb.

Zu spät hat der 1763 geborene Aufklärer, Autor und „Spaziergänger“ Johann Gottfried Seume damit begonnen, die Geschichte seines wechselvollen Lebens aufzuzeichnen. Als er 1810 starb, war er nur bis zum Jahr 1783 gekommen, zur Schilderung seiner Flucht aus dem Dienst als Hessischer Soldat. „Und nun…“ lauten die letzten Worte, die er in diesem Zusammenhang geschrieben hat – und die ersten Worte, mit denen die Fortsetzung beginnt. Zusammen mit einem gemeinsamen Freund hat sie sein Verleger Georg Joachim Göschen (1752 – 1828) verfasst.

Die Fortsetzung sei „penetrant pietätvoll“ und „fast biedermeierlich sentimental“ ausgefallen fand der 2009 verstorbene Seume-Forscher Jörg Drews, als er diesen Text der Erstausgabe von „Mein Leben“ eher unwillig in den ersten Band der dreibändige Seume-Werkausgabe (Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a.M, 1993) integrierte. Verdächtig ähnlich ist der erste Teil des Werks ausgefallen, bei dem es angeblich um eine wortgetreue Transkription der handschriftlichen Aufzeichnungen von J. G. Seume handelt.

Dr. Dirk Sangmeister kann den Verdacht bestätigen. Der „WortMelder“ der Universität Erfurt verrät im Internet, dass dieser Seume-Experte begonnen hat, den Originaltext zu sichten: „Seumes Freund und Verleger Georg Joachim Göschen (hat) für den Erstdruck 1813 aus Furcht vor Zensur und Kritik den freimütigen Text punktuell gekürzt und durchgängig geglättet…“. Die erste, von Sangmeister „umfangreich kommentiert“, Edition von Seumes „Mein Leben“ soll im Januar 2018 im Wallstein Verlag (Göttingen) erscheinen.

Dirk Sangmeister kennt seinen Seume: ihm verdanken die „Seumologen“ unter anderem den dritten und letzten Band, den Briefband, von Seumes Werkausgabe (Frankfurt a. M. 2002 und eine textkritische Ausgabe seiner „Apokryphen“ (Verlag Lumpeter & Lasel, Eutin 2013). „Als Gastwissenschaftler und Mitglied des Forschungszentrums Gotha der Universität“ habe er die Genehmigung der „Bodmeriana“ einer textkritische Edition von Seumes Handschrift erhalten, heißt es im Erfurter „WortMelder“. Die Reemstma-Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur (Hamburg) und der Arbeitskreis selbständiger Kulturinstitute (Bonn) unterstützen das Projekt.

Lange galt das Manuskript als verschollen. Jörg Drews wusste immerhin, wo es zu finden sei: in der Schweiz, in Coligny bei Genf, im Literaturmuseum „Bibliotheca Bodmeriana“, gegründet von dem Schweizer Sammler Martin Bodmer (1899 – 1971). Doch die Schweizer verweigerten ihm die Einsicht in das Manuskript. Sie hüteten, vermutete der Bielefelder Professor und Seume-Experte, das Vermächtnis „seines“ Seume, um es selber auszuwerten.

Woher hatte Martin Bodmer das lange verschollene Manuskript? Wikipedia weiß, dass der Bibliophile 150.000 „Exponate“ gesammelt hat. Darunter befinden sich zahlreiche Autographen, einige aus der legendären Sammlung von Stefan Zweig (1881-1942), die der Dichter 1935 zur Finanzierung seines Lebens im Exil verkaufen musste. Bei dieser Gelegenheit soll sich die fragliche Seume-Handschrift befinden, die sich zuvor vermutlich im Besitz des Lützener Seume-Biographen Oskar Planer (1853-1931) befunden hat. Das war ein Holzhändler, der sich als Heimatforscher u.a.  für König Gustav II Adolf und den Dichter Johann Gottfried Seume interessierte. Beides aus gutem Grund: Der Schwedenkönig fiel 1623 in der Schlacht von Lützen, der Dichter Seume wurde 1763 im Dorf Poserna geboren – heute ein Ortsteil der Stadt Lützen. Deren „Museum im Schloß“ ist nach eigenen Angaben „im Besitz der größten handschriftlichen Seumesammlung“. Deren Zweitwohnsitz ist (in digitalisierter Form) das Internet.

Karl Wolfgang Biehusen, 27.03.2017

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