Seume ohne Haus

Seume-Haus nach der Flut von 2013. Foto Biehusen

Wer die ehemalige Druckerei von Georg-Joachim Göschen in Grimma (Adresse: Markt Nr. 11, neben dem Rathaus) sehen will, muss sich mit einem Blick durchs Fenster begnügen. Seit dem 01. Januar 2017 ist der Seume-Verein „ARETHUSA“ nicht mehr Mieter jener Räume im Erdgeschoss, in denen einst Johann Gottfried Seume als Göschens Korrektor wirkte. Gut siebzehn Jahre zuvor hatte der Verein hier eine kulturelle Begegnungsstätte namens „Seume-Haus“ eröffnet – mit Hilfe der Stadt Grimma.

 

Am 07. Juli 2003, drei Tage nach der Eröffnung des „Seume-Hauses“ („mit Musik und einem Vortrag von Dr. Bärbel Räschke“), notierte die damalige Arethusa-Vorsitzende Annett Höhne in einem Rundbrief: „Streitbar machte sich zur Eröffnung die Literaturwissenschaftlerin über die wenigen erhaltenen, doch schicksalsschweren Liebesbriefe von Seume her“. Im Dezember 2016 vermeldete ihr kurz zuvor gewählte Nachfolger Lutz Simmler: „Die Stadt Grimma muss ihren Haushalt konsolidieren, das soll durch Einsparungen geschehen. Eine ist die Streichung des Zuschusses für den Betrieb des Seume-Hauses. Ohne diesen Zuschuss ist es dem Seume-Verein nicht möglich, die Räume weiter zu mieten und zu bewirtschaften“.

Diese Nachricht war im „Göschenhaus-Journal“ für das Jahr 2016 zu lesen. Der Herausgeber des Journals, Thorsten Bolte, gehört dem Vorstand des Vereins an und leitet das Museum „Göschenhaus“ (Grimma, Schillerstraße 25), dem ehemaligen Landsitz des Verlegers und Seume-Freunds Georg-Joachim Göschen. Auf Anfrage von „Seume.de“ teilt er mit: „Wie es mit dem Erdgeschoss des Seume-Hauses weitergeht, ist derzeit unklar, auf alle Fälle ist es für die Öffentlichkeit derzeit nicht mehr zugänglich.“

Dass es eine interessierte Öffentlichkeit gibt, zeigte sich gleich nach der Veröffentlichung der Schreckensbotschaft. Sie beschäftige die Mitglieder von „ARETHUSA“, schlug Wellen im Internet und erreichte auch „Seume.de“ – direkt und indirekt. So klagte ein Blogger (Community-der Freitag): „Eine beliebte Begegnungsstätte und ein Kunstort von europäischem Rang droht nun zu verschwinden“.

Bedroht war der „Kunstort“ Seume-Haus bereits seit Ende des Jahres 2015, als die Stadt Grimma ihr kulturelles Engagement neu strukturierte. In diesem Zusammenhang kam es zu Entlassungen im Museum-Göschenhaus. Damals „entfielen auf einen Schlag gleich 50 % der Arbeitskräfte“ klagt Thorsten Bolte. Unter den Folgen hat auch „ARETHUSA“ gelitten. Der Verein konnte das Seume-Haus nicht mehr wie gewohnt personell besetzen. Die Streichung des städtischen Mietzuschusses, seit Beginn 2017 wirksam, gab diesem Engagement des Seume-Vereins den Rest.

Immerhin wird eine „kleine Druckerei“ aus dem Seume-Haus ab dem 29. Januar 2017 (Seumes Geburtstag) in der neu eingerichteten „Bauernstube“ des Museums Göschenhaus wieder zu sehen sein. Dessen Leiter versichert: „Endlich wird auch Göschens Probedruckpresse einen festen Platz hier finden, die wir aus klimatischen Gründen nicht im Seume-Haus zeigen konnten. Alle anderen Objekte befinden sich im Archiv des Göschenhauses.“

Ungelöst bleibt freilich ein gesellschaftliches Problem: der Mangel an bürgerlichem Engagement. Dessen Träger sind in Deutschland traditionell Vereine. Und die leiden zunehmend unter dem Schwund von Mitgliedern – vor allem solcher, denen die berufliche Belastung Zeit und Kraft zur Übernahme von Ehrenämtern lässt.

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Unter dem Strich

Den Anstoß für den letzten Absatz dieses Textes gibt eine Anmerkung im oben erwähnten Internet-Beitrag aus dem Umfeld der Wochenzeitung „Der Freitag“, der schon ob seines Bezugs auf einen wunderbaren Film die Zitierung verdient:
„Nun ist das Andenken an Johann Gottfried Seume zweigeteilt, aber das Verhältnis zwischen Seume-Verein Grimma und Seume-Gesellschaft Leipzig ist ungefähr so wie das der ‚Volksfront von Judäa‘ und der ,Judäischen Volksfront‘ in Monty Pythons ‚Leben des Brian‘. Ein Hilferuf an die eher wissenschaftlich aufgestellte Seume-Gesellschaft unterblieb also“.

Als einer von mehreren Mitgliedern beider genannter Vereine habe ich einen offiziellen „Hilferuf“ nicht vermisst. Den impliziten Aufruf zu ihrer Fusion begrüße ich als Betreiber von „Seume.de“. Und als „Schatzmeister“ der Seume-Gesellschaft suche ich einen Nachfolger.

Karl Wolfgang Biehusen

 

 

 

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