Buchtipp 2017

Leitartikel von Gregorovius

Ferdinand Gregorovius: Europa und die Revolution - Leitartikel 1848-1850. Herausgeber: Dominik Fugger und Karsten Lorek. Verlag C.H.Beck,  München 2017, ISBN 9783406705922. 423 Seiten, Preis: 48,00 Euro.

Meine persönliche "Neuerscheinung des Jahres" ist mehr wert als ihren Ladenpreis. Schon um die Arbeit zu honorieren, die die Herausgeber in den 173 Seiten umfassenden Apparat investiert haben. Vor allem aber, weil sie in aufwendiger Recherche einen fast vergessenen Teil des umfangreichen Werkes von Ferdinand Gregorovius (1821 - 1891) wiederentdeckt haben. Als Leitartikler einer dezidiert "linken" Zeitung hat der junge Dr. phil. die deutsche 1848-Revolution und ihr Scheitern begleitet und kommentiert - stets mit dem Blick auf Europa. Und schon damals hat er bewiesen, welch scharfer Analyst er war und wie gut er formulieren konnte.

Am 29. Juni 1850 erschien die letzte Ausgabe der "Neue(n) Königsberger Zeitung" mit dem letzten Leitartikel von Ferdinand Gregorovius. In ihm fasste er seine Vorstellung von einem "democratischen" Staat zusammen: "Selbstregierung des Volkes", bürgerliche Selbstbestimmung und Selbstverwaltung, individuelle Freiheit, Garantie der Menschrechte, "Verbrüderung der Völker" - und Frieden. Kein Wunder, dass der preußische Gesetzgeber dem Blatt kein langes Leben ließ.

Johann Gottfried Seume hingegen hätte jedes Wort unterstrichen und den Ostpreußen als Nachfolger akzeptiert. Sogar als Nachläufer, der recherchierend weit mehr Meilen abgewandert hat, als er selber. Erfolgreicher war obendrein. Schon sein Erstling "Corsica - aus meiner Wanderschaft im Sommer 1852" wurde zum Bestseller. Mit Reisereportagen (später gesammelt in dem Werk "Wanderjahre in Italien 1856 bis 1877") bestritt Gregorovius einen guten Teil seines Lebensunterhalts in Rom, später in München. Heute wird der Privatgelehrte, vor allem von Historikern, ob seines Hauptwerks "Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter" gewürdigt.

22.08.2017 K.W. Biehusen

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