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Der Verbrechertisch

"Verbrechertisch", Holzschnitt, R. Wolff ca. 1880


Dieser Beitrag von Georg Meyer-Thurow und Otto Werner Förster ist erstmals unter dem Titel >>Leipzig, Brühl 42 - Ehemaliger Wohn- und Gedenkort für Seume<< 2013 in der Ausgabe 24 der "Obolen", den Mitteilungen der Seume-Gesellschaft zu Leipzig e.V. , erschienen.

 

»Bei den Juden im Brülle im Weißen Rosse« schreibt Seume im Sommer 1808 unter einen Brief an den Verleger Hartknoch. Bis 1809 hat er im Brühl 42 (damals Haus- Nr. 514) beim Kaufmann Christian August Haussner gewohnt. Dieser erst 1797 erneuerte und um zwei Stockwerke erhöhte Gasthof aus dem 16. Jh. gehörte zu diesem Zeitpunkt Johanna Caroline Schumann, Witwe Johann Christoph Schumanns, und in Nachfolge ihres Mannes Inhaberin einer Firma, die mit »Rauchwaaren« handelte und »dahin einschlagende Speditions- und Commissionsgeschäfte« besorgte. In diesem Hause befand sich damals auch das im Adressbuch der Stadt Leipzig für 1808 als »Bierschenke« ausgewiesene »Weiße Roß«, das in den Adresskalendern der Folgejahre allerdings nicht mehr angeführt wurde, also möglicherweise geschlossen worden war. 1856 wurde dieses Haus vom Pelzhändler Heinrich Lomer erworben, der es in den Jahren 1857 (Hinterhaus) und 1867 (Vorderhaus) abreißen und neu erbauen ließ.

Die im Neubau eingerichtete Gaststätte erhielt den Namen »Gute Quelle«. Diese Gaststätte ging in die Annalen der Stadt Leipzig ein, weil sich in ihr am heute noch im Stadtgeschichtlichen Museum zu besichtigenden sog. »Verbrechertisch« Männer regelmäßig trafen, die zu den entschiedensten Vorkämpfern für Freiheit und Demokratie nicht nur in Leipzig zählten: wegen revolutionärer Umtriebe verurteilte 48er, angehende Sozialisten. Sie waren nach vielen Jahren Festungshaft und Zuchthaus entlassen oder begnadigt worden. Auch »Zugelassene«, die nicht im Gefängnis waren, durften hier sitzen, wie der »Gartenlaube«-Verleger Ernst Keil oder der ehemalige Wagner-Freund Theodor Apel. August Bebel, der 1860 nach Leipzig gekommen war, schreibt in seinen Erinnerungen:

»In der einen Ecke jenes Lokals stand ein großer runder Tisch, der der Verbrechertisch hieß. Das besagte, daß hier nur die ehrwürdigen Häupter der Demokratie Platz nehmen durften, die zu Zuchthaus oder Gefängnis verurteilt worden waren oder die man gemaßregelt hatte. Öfter traf beides zu. Da saßen Roßmäßler, Dolge, der wegen seiner Beteiligung am Maiaufstand zum Tode verurteilt worden war, nachher zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt wurde und dann acht Jahre in Waldheim gesessen hatte. Zu den »Verbrechern« gehörten weiter Dr. Albrecht, der in unserem gewerblichen Bildungsverein Stenographie lehrte, Dr. Burckhardt, Dr. Peters, Friedrich Oelkers, Dr. Fritz Hoffmann, Gartenlaube-Hoffmann genannt usw. Wir Jungen rechneten es uns zur besonderen Ehre an, wenn wir an diesem Tisch in Gesellschaft der Alten ein Glas Bier trinken durften ...«

Zu den »Jungen« gehörte auch Alfred Brehm, der vier Jahre in Leipzig lebte und arbeitete und im Arbeiterbildungsverein Vorträge hielt. Ein paar Schritte weiter, im Eckhaus an der Reichsstraße, hatten im Gasthof »Zum Roten Löwen« schon Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte zuvor die Dichter Christian Reuter, Johann Christian Günther, Christian Dietrich Grabbe gewohnt. Auch solche aufmüpfigen Selbstdenker wie Seume. Ein Zug dieser Stadt spätestens seit dem Aufklärungs-Jahrhundert.

Kein Wunder, dass in diesem Lokal auch Seumes ehemaligem Aufenthalt an dieser Stätte gedacht wurde. Hans Vollmer hat in einem Artikel mit dem Titel: »Leipzig und der Dichter Gottfried Seume«, der in der »Leipziger Illustrirten Zeitung« (Nr. 3493, S. 1095) am 9. Juni 1910 erschienen ist, auf Seumes Wohnung aufmerksam gemacht. Darin heißt es:

»Die Erinnerung an Seume ist in Leipzig bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben; tritt man in die ›Gute Quelle‹ am Brühl ein, so liest man folgenden Reim:

Respekt: In unserm Haus
Ging Seume ein und aus.
Sein Geist ist noch zur Stelle;
Ei, wie er selig winkt,
Wenn ihr auf Deutschland trinkt
In dieser »Guten Quelle«.

Kurz nach 1900 kam der Tisch aus Eiche mit den eingeschnittenen Namen der Stammgäste ins »Bräustübel«, dem Ausschank der Brauerei im Stadteil Gohlis (vgl. Der »Verbrechertisch im Bräustübel«. In: Willy Ebert, Gohlis. Aus der Geschichte eines Leipziger Vorortes, Leipzig 1926) und stand dort bis in 60er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Die Brühlbebauung wurde im 2. Weltkrieg weitgehend zerstört. Auf den Grundstücken »Weißes Roß« (der »Guten Quelle«) und des »Roten Löwen« steht seit den 1970er Jahren ein großer Neubau, ehemals »Brühlpelz«.

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