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Gohlis im 18. Jahrhundert: ein malerisches Dörfchen, wenige Kilometer von Leipzig entfernt, boomte als Ziel von Spaziergängern und Sommerfrischlern. Bauern nutzen die Chance Gaststätten einzurichten und Bauland zu verkaufen: ein Leipziger Ratsherr ließ sich sogar ein „Schlösschen“ bauen (Menckestraße 23). Und ein schlauer Bauer namens Schneider nutzte die Chance, in seinen Stall Ferienwohnungen einzurichten. Der Jungdichter Friedrich Schiller hat hier den Sommer 1785 verbracht, zusammen mit dem Jungverleger Georg Joachim Göschen  (1752 – 1828).

Als „Kleinod mit Musengarten“ preist das Stadtmuseum Leipzig seine Dependance im Stadtteil Gohlis an: das „Schillerhaus“, Menckestraße 42. Diesen Namen hat dem (inzwischen ältesten erhaltenen Bauerhaus in Leipzig) der Verleger, Dichter und Mitbegründer der Leipziger Schillergesellschaft Robert Blum (1807-1848) verpasst. Nicht zufällig, hatte er doch in vielen Texten des deutschen Klassikers Friedrich Schiller Propagandamaterial für die demokratische Revolution von 1848 gefunden – die trotzdem ein Jahr später scheiterte.

Gohlis war bereits Jahrzehnte zuvor, nicht nur Schillers wegen, ein Zentrum der deutschen Aufklärung gewesen – und eng verbunden mit dem „Freiheitskrieg“ gegen Napoleon Bonaparte. Seinen aktuellen Ruf als Ort von Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen verdankt das Schillerhaus nicht zuletzt seinem engagierten Leiter, Dietmar Schulze.

Er verweist auf die Bedeutung, die dem Vater des Dichter Theodor Körner zukam, dem Leipziger Schriftsteller und Jurist Christian Gottfried Körner (1756 – 1831): als Netzwerker in der aufregenden Zeit der deutschen Aufklärung, Klassik und Einheitsbewegung. Körner bezahlte beispielsweise Schiller als dem Autor des Schauspiels „Die Räuber“ die Ferienwohnung in Gohlis – vermittelt von Georg Joachim Göschen. Der war von Bremen nach Leipzig gekommen, um dort Verleger zu werden. In seinem Verlag veröffentlichten sowohl Schiller als auch Goethe frühe Werke. Und Seume. Dauerhaft sind Göschen beispielsweise Klopstock und Wieland verbunden geblieben.

Johann Gottfried Seume gehörte, jedenfalls peripher, zum Kreis der Intellektuellen, die sich Gohlis trafen: als Göschens Freund und Korrektor. Dieser Tätigkeit ging er in Grimma nach – wo, nebenbei bemerkt, Christian Gottfried Körner einst die Fürstenschule besucht hatte. Seume ist, nach eigener Angabe, aber auch in Gohlis gewesen: „Gohlis, Raschwitz und Störmenthal waren bis jetzt das Nonplusultra meiner Fahrten gewesen“ notierte er kurz vor seinem Tod (Ausflucht nach Weimar, Leipzig den 16ten Mai 1810, zitiert nach Seume-Werke, Band II S. 381, Frankfurt am Main 1993).

Nach Gohlis zu pilgern hatte er auf jeden Fall einen guten Grund. In dem barocken „Schlösschen“, noch heute beliebt sowohl als Restaurant und Café, als auch für Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellung konnte er (und kann man noch immer) ein Deckengemälde bewundern: den „Lebensweg der Psyche“ hat Adam Friedrich Oeser (1717-1799) gemalt. Heute wird dieser Maler überwiegend mit zweien seiner Schüler in Zusammenhang gebracht: als Zeichenlehrer von Johann Joachim Winckelmann und Johann Wolfgang Goethe (damals noch ohne „von“) – und mit der malerischen Ausgestaltung der Nikolaikirche in Leipzig.

Für Seume dürfte Oeser auch eine Rolle als Lehrer seines besten Freundes, dem Maler Veit Hans Schnorr von Carolsfeld (1794 – 1872), gespielt haben. Aber auch als sein eigener Freund. „Der Neue Teutsche Merkur“ veröffentlichte 1799 nicht nur Seumes Nachruf „Über Oeser“ sondern auch das Gedicht „Oesers Manen“ („Schlummre der Seligen Schlaf! du lebtest das Leben der Edeln…“).

Ähnlich aufwendig ehrte Seume später nur seinen Mäzen Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803). In seinem Aufsatz „Einige Blumen auf Gleims Grab“ am er prompt auch auf Oeser (und sich selber) zu sprechen. Bei seinem ersten Besuch in Halberstadt, beim Betreten von Gleims berühmtem Bilderzimmer, entdeckte Seume befriedigt: „Oesers und mein Bild waren die letzten, und standen als Neulinge noch auf einem Tische an die Wand gelehnt“. (Seume-Werke Band II Frankfurt am Main 1993, S. 397).

Schiller, Göschen, Oeser: „SeumologInnen“ haben gute Gründe, nach Gohlis zu wandern (oder die Straßenbahn zu nehmen). 2017 nutzten Mitglieder der J. G. Seume-Gesellschaft anlässlich ihrer Jahresversammlung die Gelegenheit einer Sonderausstellung zu Adam Friedrich Oeser 300. Geburtstag. (14.06. bis 10.9.2017), das Schillerhaus zu besuchen.

Dort war schon 2002 das Erscheinen des dritten Bandes der Seume-Werkausgabe, dem Briefband, gefeiert worden. In den Vereinsmitteilungen „Obolen“ (Ausgabe 1 von 2002) berichtete der damalige Vorsitzende der Seume-Gesellschaft, Jörg Drews: „Am Freitag, den 22. März, abends hatte der Deutsche Klassiker Verlag das Schiller-Häuschen in Gohlis gemietet, auf daß hier die Vorstellung der Ausgabe sämtlicher Briefe von und an Seume erfolgte.“

K. W. Biehusen, 30.06.2017

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