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J. G. Seumes Nachleben

Rauhe Schale edler Kern?

Von Karl W. Biehusen

„Aufklärung ist richtige, volle, bestimmte Einsicht in unsere Natur, unsere Fähigkeiten und Verhältnisse, heller Begriff über unsere Rechte und Pflichten und ihren gegenseitigen Zusammenhang...“  (1) Ich kenne keine überzeugendere Definition des Begriffs „Aufklärung“, als diese von Johann Gottfried Seume, der 1763 geboren wurde und 1810 starb. Als Aufklärer wurde er und wird er bis heute beachtet und geachtet. Als ein Mann und Autor, dem die Wahrheit über alles ging, der lieber ärmlich lebte, als seine Überzeugungen zu verraten. 

Nur wenigen Zeitgenossen fiel auf, was Forscher aktuell thematisieren: Seumes Biographie ist in sich widersprüchlich und auch sein Werk weist um so mehr Widersprüche auf, je näher man sich mit ihm beschäftigt und mit Seumes Lebenslauf abgleicht. Nicht nur mir scheint, dass unser Bild von Seume weniger der Wahrheit entspricht, als der Skizze, die Seume vorzeichnete. 

Aber vielleicht sind es gerade die Widersprüche, die den Mann so interessant machen, dass man ihn seit über 200 Jahren nicht vergessen hat. Ganz sicher boten und bieten die Widersprüche vielen Interpretationen und Interpreten des Lebens- und Lebenswerks von Johann Gottfried Seume Gelegenheiten, den Menschen und Autoren zu instrumentalisieren – für An- und Absichten, die scheinbar wenige miteinander zu tun haben. 

Seume lebt

Virtuell lebt Johann Gottfried Seume noch immer – etwa so, wie Elvis Presley. Der „King of Rock and Roll“ hat vielleicht ein paar mehr Fans, aber Seume bringt mindestens ebenso viele Pilgerinnen und Pilger auf die Beine; Menschen, die ihm konkret und physisch folgen. Auf Seumes Spuren wandern und Radeln sie etwa bis nach Syrakus und schreiten in Sachsen jeden Weg ab, auf dem er vorgewandert sein könnte.Kaum zu überschauen ist auch die Zahl der Autorinnen und Autoren, die ihm auf der Spur bleiben wollten und wollen. So verzichtet kaum eine Zitaten-Sammlung, wie man sie im Internet findet, auf einen Seume-Spruch der Art „Wo man singt da lass Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“. (2) 

Gedruckt und nachgedruckt wurden Seume-Werke schon zu seinen Lebzeiten und, vor allem, nach seinem Tode. Insbesondere „Der Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ fand und findet immer neue Herausgeber und Auflagen. Groß ist auch die Zahl der Arbeiten über Seume, sein Leben und Wirken – und wird immer größer, seit sich 2002 sein „Spaziergang“ und 2010 sein Todestag zum zweihundertsten Mal jährten.

Eine willkürliche Auswahl der jüngsten Sekundärliteratur zeigt, wie breit sich heutzutage das Spektrum des Interesses an Seume fächert - und der Ansichten über ihn: 

Urs Meyer: Politische Rhetorik. Theorien, Analysen und Geschichte der Redekunst am Beispiel des Spätaufklärers Johann Gottfried Seume (Paderborn 2001) 

„Alle beisammen. Wandern mit Seume, Goethe, Heine.“ (Hg: Karin Baseda-Maass, BUCH her! Verlag, Hamburg 2002) 

„Seume: ‚Der Mann selbst‘ und seine ‚Hyperkritiker‘“ (Hg.: Jörg Drews, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2004

„Seume und einige seiner Zeitgenossen. Beiträge zu Leben und Werk eines eigensinnigen Spätaufklärers“ (Dirk Sangmeister, Ulenspiegel Verlag, Erfurt und Waltershausen 2010

„Seume und Münchhausen. Mit dem kommentierten Neudruck der "Rückerinnerungen" von 1797 (Robert Eberhardt, Wolff Verlag, Schmalkalden 2010

„.daß ich in Leipzig glücklich seyn werde .: Unterhaltsame literarische Spaziergänge durch das alte Leipzig“ (Otto Werner Förster, J.G. Seume Verlag, Leipzig 2012

Man sieht, Seume ist aus geistwissenschaftlicher Perspektive ebenso interessant, wie aus sportlicher und heimatkundlicher Sicht. Die meisten Autorinnen und Autoren schätzen ihren Seume. Etwa als Wanderer, Reiseführer, Rebell, Aufklärer, gelegentlich als Dichter. Selbst wer Seume als Autor oder Mensch kritisch gegenüber steht, kann sich der Faszination kaum entziehen, die er offenbar schon zu Lebzeiten auf seine Umgebung ausgeübt hat. Und sei es ob seiner skurrilen Persönlichkeit und seines bizarren Lebenslaufs. 

Seine Ansichten von der Welt im allgemeinen und der herrschenden Klasse im spezielle, lesen sich sehr apodiktisch – und oft genug widersprüchlich. Selbst sein Fürstenhass hat nicht daran gehindert, eine Ode auf Weimars Herzoginnen-Mutter Anna Amalia zu schreiben. Und 1798 schrieb er an seinen väterlichen Freund Johann Wilhelm Gleim: „K ich werde vielleicht gelegentlich wieder in Kriegsdienste zu gehen suchen“ (3) . Jahre später schäumte er: „Es ist ein unbegreiflicher Wahnsinn des menschlichen Geistes, wie der Name Soldat ein Ehrentitel werden konnte“. (4) 

Es mag an der Fülle seiner, meist recht apodiktisch vorgetragenen Erkenntnisse liegen, dass es Exegeten seines Werk nicht schwer fällt, Seume gegen Seume auszuspielen. Dass Johann Gottfried Seumes Leben, Handeln und Schreiben interpretierbar ist, spricht jedoch nicht gegen die Qualität des Autoren und seines Werk: unkompliziertere Literaten sind längst vergessen. 

Nachrufe

Seine Zeitgenossen kannten und schätzten ihren Seume vor allem als bemerkenswerte, eher skurrile Persönlichkeit und als guten Freund. (5) Jenseits des Kreises persönlicher Bekanntschaften war er vor allem als Verfasser weitschweifiger Gedichte und als Autor des „Spaziergangs nach Syrakus“ berühmt – und berüchtigt. Caroline Herder urteilte besonders harsch: „Seumes Spaziergang ist unerträgliches Zeug voller Arroganz, Gemeinheit, Großtun im Nichts“. (6) Sie war nicht die einzige, die sich angewidert zeigte von jemandem, der Themen wie Landwirtschaft und Hunger aufgriff, so unerquicklicher Menschen wie Straßenräuber beschrieb und über so obskure Lokalitäten wie Wirtshäuser berichtete. 

Seume beschrieb halt seine Welt, und nicht die feine Welt der Weimarer Elite. Und doch musste sich der Sohn eines Bauern und Gastwirts im Milieu saturierter, gebildeter Honoratioren behaupten. Womöglich hat er sich deshalb in einer großspurigen Art und Weise zum autonom denkenden und handelnden Subjekt seines Lebens stilisiert, die etlichen seiner Zeitgenossen und heutigen Lesern sauer aufstößt: „Seumes von Caroline Herder so mitleidlos verhöhntes ‚Großtun im Nichts‘ war nackte Notwehr (7) meint der Seume-Analytiker Bruno Preisendörfer in seinem lesenswerten Buch: „Der waghalsige Reisende. Johann Gottfried Seume und das ungeschützte Leben.“ (Berlin 2012) 

Seume verstand sich selber als provokanter Publizist politischer Anliegen. Als solcher war er aber zu Lebzeiten weniger einem breiteren Publikum bekannt, als den Herausgebern einschlägiger Arbeiten, die seine Texte im Zweifelsfall aus Furcht vor der Zensur nicht herausgeben wollten.(8) So erschienen zum Beispiel die meisten „Aprokryphen“ erst Jahre nach Seumes Tod. 

Entsprechend unpolitisch fielen denn auch die ersten Nachrufe aus. Die „Zeitung für die elegante Welt“ rief Seume wenige Tage nach seinem Tod nach: „Er war, wie seine Schriften, ernst, kräftig, gediegen. Unter einer scheinbar kalten und rauhen Hülle schlug ein warmes, gefühlvolles Herz voll Liebe für Wahrheit und Recht.“ (9) Immerhin die Augsburger Allgemeine Zeitung rühmte ihn gleich nach seinem Tod ausdrücklich als „ enthusiastische(n) Freund der FreiheitK“ Aber dieser Nachruf ist vermutlich von einem engen Freund des Verstorbenen verfasst worden. (10) Noch 1836 notierte der „Brockhaus“ unter dem Stichwort Seume (mit falschem Vornamen): „Seume (Joh. Gottlieb), bekannt durch seine Schriften und Schicksale, mehr noch durch seinen sonderbaren, aber kräftigen Charakter“. (11) Noch viel später, als Seumes Gesamtwerk zugänglich war, Im Jahr 1892, veröffentlichte „Pierers Konversations-Lexikon“ deutlich distanzierter unter dem Stichwort Seume: „S. war ein ehrlicher, stolzer, unabhängiger Charakter; auch in seinen Werken sucht er mehr seiner Gesinnung Ausdruck zu verleihen, als nach Vollendung der Form zu streben.“ (12) 

Seumes Qualität als politischer Denker und Aufklärer spielte auch für die „Allgemeine Deutsche Biographie“ von 1892 keine sonderliche Rolle: „S. ist, wenn auch kein Dichter im vollen Sinne des Wortes, doch ein Schriftsteller von weitgehender Bedeutung, ein Mann von Geist und Charakter.“ Und Meyers Konversations-Lexikon von 1897 (Leipzig und Wien 1897), vermerkt unter dem Stichwort „Seume“: „S. gehört zu den Schriftstellern, deren literarische Bedeutung zumeist in dem persönlichen Charakter des Autors ruht. Er war ein grundehrlicher Mensch, von stolzer Unabhängigkeit, ja bäurischer Rauheit im Denken und Schreiben; er sagte in unerschütterlicher Wahrheitsliebe was er über Menschen und Dinge dachte, und seine spartanische Genügsamkeit spiegelte sich in seiner herben und derben Lyrik, die aller weicheren Töne ermangelte.“ 

Dem systemkritischen, lettischen Autoren Garlieb Merkel (1769 – 1850), der ihn als Freund, Kollege und in gewisser Weise auch als Konkurrenten kannte, war Seume durchaus als politischer Autor in Erinnerung geblieben und als reiner, edler und fester Charakter: „aber er war zugleich derjenige, an dem mir der Unterschied zwischen Stärke und Kraft, das heißt zwischen dem Vermögen zu widerstehen, und jenem, zu wirken oder zu schaffen, am hellsten eingeleuchtet hat.“ (13) Einer, der Seume noch länger gekannt hatte, war ein gewisser Karl von Münchhausen (1759 - 1836). Und dieser Mann war unter dem Strich gar nicht gut auf seinen Ex-Freund zu sprechen. Beider Freundschaft hatte in den Jahren 1782/1783 in Halifax begonnen, wo sie gemeinsam in Garnison lagen – und endete im Grunde auch dort. Erst brach Seume sein Versprechen Kontakt zu halten, dann zeigte er dem alten Kameraden die kalte Schulter. Und als Münchhausen, angeblich erst kurz vor seinem eigenen Tod, in Seumes „Selbstbiographie“ lesen musst: „Die einzige Bedenklichkeit in unserer Freundschaft war, daß Münchhausen ein Edelmann war, der den Kopf voll alten Ritterwesens hatte, welches ich auf alle Fälle für halbe Barbarei hielt und noch halteK“ (14) da wurde er wütend. „Man wähnt oft im barocken Kopfe / Ein groß Original-Genie, / Und fällt der Deckel von dem Topfe / So kriecht darin nur Maden-Vieh.“(15)  Veröffentlicht hat Münchhausen die Abrechnung mit der„Lüg-Biographie“ und dessen Autor, aus der diese Verse stammen, nicht. Das Publikum hätte sich auch gewundert: Jahrzehnte lang hatte Münchhausen seine Dichterkarriere durch Berufung auf seine Freundschaft mit dem weitaus bekannteren Seume zu fördern gesucht.

 

Deutschnationaler Kernbursche 

Seume hat sich selber eifrig und erfolgreich selber darum bemüht, seinen Zeitgenossen und der Nachwelt als kerniger Naturbursche darzustellen. Aber auch als unbeugsamer Verkünder der Wahrheiten, mit denen die Aufklärer des 18. Jahrhunderts und die französischen Revolutionäre von 1789 gegen den europäischen Adel und seine Privilegien zu Felde zogen. 

Nicht von ungefähr zählt denn auch die folgende Aussage Seumes zu seinen bis heute besonders häufig zitierten Merksprüchen: „Wenn man mir vorwirft, daß dieses Buch zu politisch ist, so ist meine Antwort, daß ich glaube, jedes gute Buch müsse näher oder entfernter politisch sein. Ein Buch das dieses nicht ist, ist sehr überflüssig oder gar schlecht“. Diesen Satz schrieb er in das Vorwort zu seinem zweiten großen Reisebericht (nach dem „Spaziergang“): „Mein Sommer 1805“. (16) In ihm verdammte er den russischen Despotismus und pries die aufgeklärte Regierung Schwedens. 

„Politisch“ können Autoren freilich auf mancherlei Weise sein. Konservativ genauso wie progressiv, links genauso wie rechts und liberal (um heutzutage übliche Kategorien zu verwenden). Auf den politischen Autoren Seume haben sich denn auch im 20.Jh. bundesdeutsche Linken berufen, im 19. Jahrhundert aber vor allem vaterländisch gesonnene Ideologen, die sich allenfalls als Liberale fühlten, später jedoch oft als kaiserlich-wilhelminische Nationalisten. Seume musste es sich posthum gefallen lassen, von Propagandisten aller möglichen Richtungen instrumentalisiert zu werden. 

Anfangs beanspruchten vor allem deutsche Nationalisten die Deutungshoheit: „Im 19. Jahrhundert wurde Seume als deutschnationaler Kernbursche vereinnahmt, sein politischer Scharfblick jedoch ignoriert“, meint Dirk Sangmeister, einer der eifrigsten „Seumologen“. (17) Vergessen hatte man Seume immerhin nicht. Das beweist schon die umfangreiche Liste „seumischer“ Schriften, die im 19. Jh. erschienen. Sie wurden 1995 in der Ausgabe 126 der Literaturzeitschrift „Text + Kritik“, aufgelistet. (18) 

Nach Seumes Tod bis zum Ende des 19.Jhs sind über zwanzig Veröffentlichungen verzeichnet. Von Gesamtausgaben über Anthologien bis zur Auswahl einzelner seiner Werke. Es gab also immer wieder Verleger, die sich um Seumes Nachwirken kümmerten. Dabei sind in der Liste Raubdrucke nicht berücksichtigt worden, die zumindest im unübersichtlich zergliederten Deuschland vor der Reichsgründung gang und gäbe waren – glaubt man den Klagen, die der Verleger Göschen führte. (19) 

Georg Joachim Göschen (1752 -1828) war nicht nur einer der engsten Freunde von Johann Gottfried Seume, sondern auch zeitweilig sein Arbeitgeber und Verleger. Außerdem hat er dessen Autobiographie (zusammen mit einem gemeinsamen Freund, dem Arzt Clodius) vollendet und 1813 unter dem Titel „J.G. Seume – Mein Leben“ herausgegeben. Diese Arbeit ist heute u.a. als Reclam Buch erhältlich – und zeichnet ein arg geschöntes Bild von Seume. (20) 

Nicht zuletzt diese Lebensbeschreibung liegt nach Ansicht des jüngsten Seume- Biographen, Eberhard Zänker, den bis heute verbreiteten Vorstellungen vom Charakter Johann Gottfried Seumes und seinem Anliegen als Autor zugrunde. Denn Göschen und Clodius schrieben in ihrem Teil der „Auto-“ Biographie „aus der Sicht sentimentaler Erinnerung und Verehrung und trugen dadurch zur Entstehung eines wenig differenzierten und wahrheitsgetreuen Seumebildes bei, das von den kommenden Generationen ziemlich unkritisch übernommen wurde und eine Seume-Legende entstehen ließ, an der allerdings auch Seume selbst schon zu seinen Lebzeiten mitgewirkt hat.“ (21) 

Besonders wirkungsvoll im nationalistisch-vaterländischen Sinn, hat sich Seumes erster echter Biograph, der Holzhändler, Konsul und Sammler Oskar Planer (1854 –1931) hervorgetan. Sein Werk „Johann Gottfried Seume. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften“ ist 1898 in Leipzig erschienen und nur noch antiquarisch Erhältlich. (22) So unverzichtbar diese Biographie bis heute für jeden Seume-Forscher ist, so muss sie sich doch die folgende Kritik gefallen lassen: „Planer/Reißmanns Buch ist geprägt von wilhelminischem Nationalismus, ziemlich unkritischer Seume-Verehrung und einem ebenso eifrigen wie in Details bedenklichen Sammel- und Datierungsbetrieb für Seumianer.“ Autor dieser Anmerkung ist Jörg Drews, der jüngst verstorbene Seume-Spezialist schlechthin. (23) 

Ganz in Planers Geist ist die Gedenktafel getextet, die bis heute an einem Haus in Poserna zu sehen ist, jenem Dorf (heute der Stadt Lützen zugehörig) in dem Seume geboren wurde: 

Geburtsstätte
des Dichters
Johann Gottfried Seume
geb. 29. Januar 1763
gest. 13. Juni 1810
Natur- Menschen- Vaterlandsfreund
Rauhe Schale edler Kern 

So klar, knapp und eindeutig, formal geradezu „seumig“ knapp gehalten, die Tafel beschriftet sein mag: Sie ist fragwürdig. Oder besser: hinterfragwürdig – wie so viele Dokumente, die wir von und über Seume besitzen. So ist die Tafel nicht etwa an Seumes Geburtshaus angebracht worden (wie der Text suggeriert), sondern an einem Nachfolgebau. Die Kate in der Seume geboren wurde ist angeblich im Zuge der „Völkerschlacht zu Leipzig“ verbrannt, die tatsächlich auch Poserna tangierte. Dieser Höhepunkt der deutschen „Befreiungskriege“ gegen die französisch / napoleonische Besatzung fand bekanntlich 1813 statt - mithin jubiläumswürdige 50 Jahre vor der Enthüllung der Gedenktafel. Und sicher nicht zufällig ebenso jubiläumswürdige 100 Jahre nach der Geburt von Johann Gottfried Seume im Jahre 1763. 

Noch ein zweites Denkmal gilt einem im vaterländisch, ja deutsch-nationalem Sinn instrumentalisierten Seume. Es ist das Denkmal, das 1859 im tschechischen Teplice (seinerzeit: Teplitz) enthüllt wurde. Dort in Teplitz ist Seume 1810 gestorben. (24) Sein Grab befindet sich unweit des Denkmals auf einem inzwischen aufgelassen Friedhof bei der sogenannten „Kreuzkirche“ und verdankt sich der Initiative der seinerzeit sehr bekannten Charlotte Elisabeth Konstanze (Elisa) von der Recke (1754 – 1833). 

1859, bei der Enthüllung des Seume-Denkmals hielt Dr. August Sauer, damals Professor an der Deutschen Universität in Prag, die Festrede und würdigte darin Seume sowohl als Wanderer, als auch als Repräsentanten des deutschen Volkstums: „Als ein Vorläufer des Turnwesens, ein Gesinnungsgenosse von Jahn (Anm. KWB: dem nationalistisch gesinnten „Turnvater“) u.a. zählt der rüstige Wanderer zu den Erneuerern unseres Volkstums.“ (25)  Mit derartigen Interpretationen seines Werkes rückt Seume bereits in die Nähe des sogenannten Dritten Reichs. Und man hat ihn denn auch in diesem Sinne instrumentalisiert. (26) 

Nun sind Regeln (hier: die vaterländisch-nationalistische bis wilhelminische Interpretation des seumischen Werks), nur an seinen Ausnahmen als Regeln erkennbar. Eine Ausnahme bildet das Seume-Denkmal in Bremen. (27) Es ist ursprünglich 1864 eingeweiht und nach dem zweiten Weltkrieg an fast der gleichen Stelle wieder errichtet worden. Es zeigt das Portrait unseres bemerkenswerten Sachsen und trägt die Inschrift: „1783 wurde der Dichter auf seiner Flucht von Bremer Bürgern gerettet“. Gedacht wird also des Deserteurs Seume. 

Der Mann, dem wir den Bremer „Denkstein“ verdanken, war Hermann Allmers (1821- 1902). Ein reicher niedersächsischer Bauer, Dichter, Heimatforscher, Kunstmäzen und in seiner Jugend aktiver Streiter für ein demokratisches, geeintes Deutschland, das bekanntlich 1848 in der Frankfurter Paulskirche greifbar nahe schien. Angesichts der Baustelle der „unvollendeten Kattenburg“ des Kurfürsten Wilhelm I von Hessen-Kassel, war Allmers der Gedanke gekommen: „Für das Schand- und Blutgeld der verkauften zwölftausend Landeskinder sollte dieser riesige Palast gebaut werden – davon ein Würfelquader, das wäre der rechte Denkstein für Seume“ (28). 

In diesem Sinn, wenn auch aus anderem Material erbaut, gibt das Denkmal noch heute zu denken. Dass Allmers später selber ziemlich „wilhelminisch“ dachte und sein Biograph Theodor Siebs ein Erz-Nazi war, sei nicht verschwiegen.

 

Nationalsozialismus

Auch im sogenannten „Dritten Reich“ blieb Seume aktuell. Mein Zeuge ist Kurt Arnold indeisen (1883 - 1863). Engagiert und sprachlich unbedingt auf der Höhe seiner Zeit hat dieser Autor Seume für den Nationalsozialismus vereinnahmt. „Johann Gottfried Seume Wanderer, Soldat, Patriot“: so lautet sein Beitrag in der Schriftenreihe „Große Sachsen – Diener des Reichs“. Der Aufsatz erschien 1938 als Band Nr. 3 im Dresdner „Verlag Heimatwerk Sachsen“. (29) Im Vorwort schreibt Findeisen: “Es ist ein wundervolles Bewußtsein, daß das Deutsche Reich, das damals nur in Seumes Herzen lebte, heute in machtvoller Wirklichkeit dasteht“. Band Nr. 2 war übrigens „Richard Wagner, wie wir ihn heute sehen“ gewidmet. 

Weitere Hinweise auf die Instrumentalisierung Seumes‘ Werks und Lebens aus dieser Zeit habe ich bislang nicht gefunden. Das kann ihn entlasten, aber ich vermute, dass die Nazis mit den vorliegenden deutschnationalen, völkischen Arbeiten ganz zufrieden waren. Man –und ich – sollten weiter suchen. 

 

Seume in der DDR 

Verblüffender als das Fehlen seumischer Spuren im sogenannten „Dritten Reich“ ist die Tatsache, dass der erwähnte Autor Findeisen seinen Seume übergangslos auch im sogenannten „Ersten sozialistischen Staat auf Deutschem Boden“ verkaufen konnte. Fünfzehn Jahre lang hatte er nach der Veröffentlichung seines nationalsozialistischen Aufsatzes weiter an dem Seume-Stoff gearbeitet. Dann hatte sich das schmale Propaganda-Heft zum Roman gemausert. Er erschien, von der Zensur offenbar gebilligt, 1953 unter dem Titel „Eisvogel. Der Roman Johann Gottfried Seumes“ in der DDR. (30) Bis 1967 erlebte dieses Buch fünf Auflagen. 1966 erschien im Aufbauverlag Berlin / Weimar ein zweiter Roman mit Seumebezug „Zu Fuß zum Orient“. (31) Sein Autor, Ludwig Renn (eigentlich Friedrich Vieth von Golßenau, 1889 – 1979), konnte eine lupenrein kommunistische Biographie aufweisen, wurde mehrfach ausgezeichnet und später u.a. Ehrenpräsident der Akademie der Künste. Er hat die Reise, die er beschrieb, tatsächlich 1925/26 selbst unternommen, angeblich bewusst auf Seumes Spuren. (32) 

Seume war, sozusagen offiziell, im Arbeiter- und Bauernstatt angekommen – aber keineswegs vorbehaltlos willkommen. Im DDR-Kulturbetrieb konnte man nämlich kaum begeistert sein von dem Wanderer, lässt sich die Vokabel „Wandern“ doch lässig zum subversiven Begriff „Unterwandern“ erweitern. Und Seume ist, wenn schon nicht ausgewandert, so doch immerhin ins Ausland und im Ausland gewandert. Sogar in das westlichen Ausland und im westlichen Ausland. So zeichnete denn auch der (Ost-)Deutsche Schriftsteller Friedrich Christian Delius Seume in seiner Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ als Mutmacher für DDR-Flüchtlinge. (33) 

Ignorieren konnten DDR- den fragwürdigen Seume andererseits auch nicht. Schon deshalb, weil sein Andenken in seiner engeren Heimat immer gegenwärtig gewesen geblieben war. Vor allem in der Gegend von Leipzig und Grimma und im Gedächtnis der Menschen hatte er Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt als Wanderer. (34) Es galt mithin, Seume möglichst für den DDR-Sozialismus zu instrumentalisieren, zumindest aber seine Attraktivität zu kanalisieren. Für Seume sprach immerhin seine proletarische Herkunft. Seine gesellschaftspolitischen An- und Absichten waren zwar unklar, boten aber ob ihrer Vielfalt gelegentlich Anknüpfungspunkte für Lenin-Zitate. Wenn man selber die Herausgabe seiner Werke in die Hand nahm, behielt man zumindest die Interpretationshoheit. 

Was immer hinter Verlags- und Regierungs-Türen verhandelt wurde: bereits im Jahr 1954, ist in Weimar, im Thüringer Volksverlag, ein Sammelwerk arg verstümmelter Seume-Schriften erschienen. Unter dem Titel: „SEUME – Ein Lesebuch für unsereZeit“. (35) Und 1977 durfte der „Aufbau-Verlag“ (Berlin und Weimar) „Seumes Werke in zwei Bänden“ herausgeben (36), soweit ich weiß ohne inhaltlich eingreifen zu müssen. Die Einleitungen zu beiden genannten Werken zeugen in ihrer Ausführlichkeit und in der gewundenen Ausdrucksweise von den Problemen, Seume als klassenbewussten Vorläufer des Arbeiter- und Bauerstaats zu präsentieren. (37) 

1989, Im letzten Lebensjahr der DDR, kam bei Rütten & Löning in (Ost) Berlin sorgfältig editierte und kommentierte Ausgabe von Seumes „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ heraus. (38) Im Nachwort heißt es erst vorsichtig: „Man könnte Seume als einen plebejischen Demokraten bezeichnen“, ein Jakobiner sei er aber nicht gewesen. Aber immerhin ein Moralist, und „ein philanthropischer Einzelgänger, ein stolzer, vernünftiger rechtlicher Mann‘“. (39)

 

Seume im Westen 

Im Westen Deutschlands, in der BRD, schien sich anfangs niemand für Johann Gottfried Seume zu interessieren. Jedenfalls kein Verleger. (40) Das änderte sich erst in den 1960 Jahren, dann aber im Zeichen eines echten Neuanfangs der Seume-Rezeption. 1961 erschien, sozusagen als Auftakt einer Seume-Renaissance eine neue Ausgabe von „Mein Leben“ (Stuttgart 1961) als Reclam-Heft. Ein Jahr später, 1962 erschien in Köln eine bahnbrechende –Ausgabe von Seumes Prosaschrifte, editiert und kommentiert von Werner Kraft. (41) Das Verdienst dieser Ausgabe ist es vor allem, außer den eher bekannten Schriften (wie „Mein Leben“, dem „Spaziergang nach Syrakus“ und „Mein Sommer 1805“) auch fast vergessene Texte zu enthalten. Auch politische. Etwa „Einige Nachrichten über die Vorfälle in Polen 1794“, „Zwei Briefe über die neuesten Veränderungen in Rußland seit der Thronbesteigung Paul I.“ und das Vorwort zum (nie geschriebenen) Kommentar zum Plutarch. Und der merkwürdige Aufsatz „Über Prüfungen und Bestimmung junger Leute zum Militär“, mit der sich der russische Söldner Seume für seine Beförderung zum Leutnant bedanken wollte. Der Seume-Kenner Drews meinte, diese Arbeit „klingt wie eine Mischung aus Platitüden und Eisenfresserei“ (42) 

Mit dieser sorgfältigen und sauberen Edition von Seume-Werken hat der Herausgeber Werner Kraft die Tür zu einem neuen Verständnis von JGS geöffnet – ohne sie wirklich zu durchschreiten: „Durch Herauslösung aus dem historischen Kontext wird Seume zu einer moralischen Kraft stilisiert, die außerhalb der Zeit steht und deshalb auch für alle Zeiten Gültigkeit hat. Seumes Selbsteinschätzung wird nicht nur unkritisch übernommen, sondern sein Leben und seine Schriften werden darüber hinaus zu einem Exempel des sittlichen Verhaltens erhoben, aus dem die Nachwelt ‚lernen‘ soll“. (43) Diese Einschätzung trifft nicht nur für die Kraft-Edition zu. Mit ihr kann man die Sicht der meisten traditionellen Seume-Interpreten beschreiben. Diese kritische Würdigung stammt von Inge Stephan, einer Wissenschaftlerin, die mit ihrer Dissertation „Johann Gottfried Seume, ein politischer Schriftsteller der deutschen Spätaufklärung“ (44) wirklich einen neuen Weg zum Verständnis von Seume und seinem Werk beschritt. (45) 

Nicht zufällig erschien dieses Werk 1973, in einer Zeit, da die Studentenbewegung Seume zu entdecken begann. Und ich. Einer meiner einschlägigen Lieblingszitate: „Der Staat sollte die Wohlhabenheit Aller zu befördern suchen, befördert aber nur den Reichtum der Einzelnen.“ (46) Mit diesem Seume-Zitaten könnte sich auch die Partei „Die Linke“ bei Seume munitionieren. Ebenso mit der Apokryphe: „Wenn nur jeder sicher hätte, was er verdiente, so würde alles allgemein gut genug gehen.“ (47) 

Tatsächlich musste und müssen jedoch auch politisch links orientierte Exegeten Seumes Werk recht selektiv auswerten, um es in ihrem Sinn zu nutzen. Hatte doch schon Inge Stephan darauf verwiesen, dass Seume im Laufe seines Strebens zwar immer politisch argumentiert und polemisiert hat, dabei aber keineswegs konsequent war. Die Monarchie hat er meistens verteidigt und gelegentlich sogar die Religion als stabilisierendes Element in der Gesellschaft gewürdigt. (48)und Verehrung werde das Monument / Für die erhabne Fürstenfrau“. (50) 

Seume aktuell

 Mein Eindruck ist: Nie war Johann Gottfried Seume populärer als gegenwärtig. Einen Anteil an dieser Entwicklung hat nach meiner Einschätzung die Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“. (siehe Anm 33) Womöglich nicht zufällig bieten seit dessen Erscheinen im Jahr 1995 etliche Veranstalter von Bildungsreisen Busfahrten auf Seumes Spuren an, vorzugsweise nach und durch Italien. Auch die Arbeit des „Internationalen Johann-Gottfried-Seume-Vereins ‚ARETHUSA‘ e.V. Grimma“ trägt Früchte. Er hält in Grimma (im „Göschenhaus“ und im „Seume-Haus“) mit Ausstellungen und Vorträgen Seumes Gedenken wach. Seine Mitglieder haben Wanderer und Radler jeden Alters und Geschlechts schon zu schweißtreibenden Ausflügen nach Syrakus und an die Ostsee animiert und erleben alle zwei Jahre, dass ihr „Seume-Literaturpreis“ nicht nur dichtende Amateure sondern auch Profis interessiert. (51) Unüberhörbar ist der Ruf der literarischen „Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft zu Leipzig e.V.“ in der Welt der Wissenschaft. Sie sorgt mit Publikationen und Tagungen seit Jahren dafür, dass Seume als bedeutender Vertreter der Aufklärung im Gespräch bleibt. (52)

 

Zusammenfassung 

Johann Gottfried Seumes Leben und Werk lassen sich nur gemeinsam würdigen und interpretieren und eignen sich ob ihrer Widersprüchlichkeit zur Interpretationsfolie zahlreicher gesellschaftlicher Strömungen und politischer Ideologien. (53) Seume hat sich auf derart überzeugende Weise selber erfunden und inszeniert, dass die Widersprüche und Brüche lange nicht auffielen – oder sich, wie Bruno Preisendörfer meint, fast als Einheit herausstellen. Auf jeden Fall kann jeder „seinen“ und jede „ihren“ Seume wiederfinden – in der virtuellen Welt der Buchstaben und in der realen Welt der Buchen.

 

Fußnoten 

01) Zitat aus Seumes „Apokryphen“. Zitiert nach Jörg Drews (Hg.): Johann Gottfried Seume - Werke in zwei Bänden, Band II, Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1993, Seite 129 

02) Populäre Version der ersten Zeilen des Gedichts „Die Gesänge“, die eigentlich lauten: „Wo man singet, laß dich ruhige nieder / Ohne Furcht was man im Lande glaube, / Wo man singet wird man nicht beraubt: / Bösewichter haben keine Lieder.“ Zitiert nach: Jörg Drews (Hg.): Johann Gottfried Seume - Werke Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1993, Band II, S. 502 

03)  Brief an Gleim vom 01. Mai 1798. In: Jörg Drews / Dirk Sangmeister: Johann Gottfried Seume Briefe, Frankfurt am Main 2002. S. 156ff. Es handelt sich dabei um den dritten Band der ursprünglich auf zwei Bände angelegten Herausgabe von Seumes Werken im Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a.M. 

04) zitiert nach Jörg Drews (Hg.): Johann Gottfried Seume - Werke in zwei Bänden, Band I, DeutscherKlassiker Verlag Frankfurt am Main 1993, Apokryphen S. 32. Zu Widersprüchen und Ungereimtheiten in Seumes Leben und Werk siehe auch: Karl Wolfgang Biehusen: Kratzen am Mythos. Anmerkungen zur Rezeption Johann Gottfried Seumes. In: Jörg Drews (Hg.): „Seume:‚Der Mann selbst‘ und seine ‚Hyperkritiker‘“, Bielefeld 2004 

05) So hat sich beispielsweise Wilhelm von Kügelgen, ein Sohn des Dresdner Malers und Seume-Freundes Gerhard von Kügelgen, noch in den 1860er Jahren aus seiner Kindheit in Dresden an “den störrigen Wanderer Seume“ erinnert, „der zwar eigentlich in Leipzig wohnte, den Weg von da nach Dresden aber als Spaziergang ansah und schneller als die Post zu Fuß durchschritt“ (Wilhelm von Kügelgen (1802 – 1867): 1870 Jugenderinnerungen eines alten Mannes, Berlin 1870) Vom seinerzeit gepflegte Freundschaftskult zeugt das „Gleimhaus“ in Halberstadt, in dem auch Seumes gedacht wird. Seinen Ausdruck fand es u.a. in dem seumischen Briefwechsel (siehe Fußnote 4). 

06) Zitiert nach Bruno Preisendörfer „Der waghalsige Reisende. Johann Gottfried Seume und das ungeschützte Leben“, Berlin 1912 S. 11. 

07) ebenda S. 11 

08) Sein Reisebericht „Mein Sommer 2005“ wurde z.B. in etlichen deutschen Staaten und in Rußland sofort verboten. 

09) Zeitung für die elegante Welt, Nr. 122 vom 19.06.1810, zitiert nach Eberhard Zänker: Johann Gottfried Seume, Eine Biographie, Leipzig 2005, S. 393 

10) Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, Nr. 179, 28. Juni 1810), nach Ansicht des Seume-Forschers Kurt Seume von Karl August Böttiger (1760 – 1835) verfasst. 

11) „Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände“, Conversations-Lexikon, Leipzig F.A. Brockhaus 1836 

12) „Pierers Konversations-Lexikon“ Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1892 

13) Garlieb Merkel: Seume. In: Jörg Drews (Hg.): „Wo man aufgehört hat zu handeln, fängt man gewöhnlich an zu schreiben“, Johann Gottfried Seume in seiner Zeit, Bielefeld 1991, S. 312/313 

14) Seume: „Mein Leben“, zitiert nach Jörg Drews (Hg.): Johann Gottfried Seume - Werke in zwei Bänden, Band I, Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1993, Seite 94. 

15) Robert Eberhardt: Seume und Münchhausen, Schmalkalden 2010, S. 87 

16) Zitat aus dem Vorwort von „Mein Sommer 1805“. Zitiert nach Jörg Drews (Hg.): Johann Gottfried Seume - Werke in zwei Bänden, Band I, Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1993, Seite 544. 

17) Dirk Sangmeister: Welch ein Geist, welch ein Herz!. In: Die Zeit 50/2001 

18) TEXT + KRITIK Zeitschrift für Literatur Ausgabe 126 IV/95: „Johann Gottfried Seume“, München 1995 

19) Eberhard Zänker: Georg Joachim Göschen, Beuche 1996, S. 69ff: „Kampf gegen die Nachdrucker“ 

20) Mein Leben. Nebst der Fortsetzung . G. J. Göschen u. C.A.H. Clodius, Reclam Universal-Bibliothek Band 1060,Stuttgart 1961 

21) Eberhard Zänker: Johann Gottfried Seume. Eine Biographie. Verlag Faber & Faber, Leipzig 2005 S. 379. 

22) Oskar Planer und Camillo Reißmann: Joann Gottfried Seume. Geschichte seines Lebens uns seiner Schriften. G. J. Göschen’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1898

23) Jörg Drews [Hg.]: Johann Gottfried Seume, Werke, Deutscher Klassiker Verlag, Band I, Frankfurt am Main1993, Seite 71. Nicht zu bestreiten ist freilich, dass in Johann Gottfried Seumes Schriften der Begriff „Vaterland“ durchaus vorkommt. „Ein Vaterland – mich schaudert, es zu sagen – ein Vaterland haben wir nicht mehr; der Fremde hat uns gänzlich in seiner Gewalt, hat uns unterjocht, zu Sklaven gemacht.“ Diese Worte lesen wir in seinem (in lateinischer Sprache verfassten) Vorwort zu „Ein Bändchen Bemerkungen und Konjekturen zu zahlreichen schwierigen Stellen des Plutarch“ – einem Spätwerk, für das er seit 1808 bis zu seinem Tod keinen Verleger fand. Darin schrieb er allerdings auch die Worte: „Jetzt haben wir Haufen von Fürsten und Scharen von Edelleuten, während es auf der Welt nichts Unedleres als diese geben kann: das Vaterland ist dahin“ (Jörg Drews [Hg.]: Johann Gottfried Seume, Werke, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1993 Band II, S. 348ff). Das klingt genauso wenig deutschtümelnd wie seine „Apokryphe“: „Die Bedingung der Vaterlandsliebe ist Freiheit und Gerechtigkeit“ (Jörg Drews [Hg.]: Johann Gottfried Seume, Werke, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1993 Band II, S. 136) – ein Satz, der schon fast nach Text aus dem Umkreis der Literaten des „jungen Deutschlands“ (etwa: Heinrich Heine) klingt. 

24) Zu den Umständen von Seumes Tod siehe Frank Seume: „Johann Gottfried Seume, Krankheit, Tod und letzte Ruhe in Teplitz“. In: Mark Reichel (Hg.): „Und nun“ Johann Gottfries Seume (1763-1810) aus Poserna – der eigenartige Kosmopolit und berühmte Spaziergänger nach Syrakus“, im Eigenverlag herausgegeben 2012 von der Stadt Lützen als Träger des Museums Lützen. Zur Beantwortung der oft gestellten Frage nach Seumes Todesursache zitiert Frank Seume (der übrigens kein Nachfahre von Johann Gottfried Seume ist) in diesem Aufsatz einen Urologen, der 1931 auf der Grundlage zeitgenössischer Quellen als Todesursache „Harnblasentuberkolose“ annahm. 

25) August Sauer: Johann Gottfried Seume. Festrede zur Enthüllung seines Denkmals in Teplitz am 15.Sept. 1895. In: „Sammlung gemeinnütziger Vorträge“, herausgegeben vom Verein zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse (im Verlag gleichen Namens), Nr. 208, Prag im Januar 1869 

26) Sauers „Auffassung von einem auf Volks- und Stammestum basierenden ‚Nationalgeist‘ wurde von völkischen und NS-Literaturhistorikern K. aufgegriffen“. Zitat: Stefan Jordan, Beitrag: „Sauer, August Rudolf Josef Karl“. In: Neue Deutsche Biographie 22 [2005], S. 451-452 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118605747.html 

27) Zur Geschichte des Seume-Denkmals in Bremen siehe: Karl Wolfgang Biehusen: „Drei Männer und ein Denkmal: Seume, AIlmers, Meyenburg“ in Männer vom Morgenstern, Heimatbund an Elb- und Wesermündung, Jahrbuch (Nr. 83) für 2004, Bremerhaven 2005 

28) Zitiert nach Theodor Siebs: Hermann Allmers, Sein Leben und Dichten unter Benutzung seines Nachlasses, Berlin 1915 S. 170. 

29) „Im Oktober 1936 wurde auf Initiative des sächsischen Gauleiters Martin Mutschmann und der sächsischen Staatskanzlei das ‚Heimatwerk Sachsen - Verein zur Förderung des sächsischen Volkstums e.V.‘ gegründet. Seine offiziellen Ziele waren die zentrale Steuerung aller regionalkulturellen Bestrebungen in Sachsen und ihre Einbeziehung in den politischen Erziehungsauftrag der NSDAP. Damit wurde das ‚Heimatwerk Sachsen‘ dem Anspruch nach zur kulturellen Vorfeldorganisation der sächsischen NSDAP, die auch Nicht-Parteimitglieder über ein spezifisches regionales Identifikationsangebot für das Dritte Reich mobilisieren sollte.“ (Dr. Thomas Schaarschmidt, Kolloquium 28.4.1999, zitiert nach www.uni-leipzig.de)  

30) Kurt Arnold Findeisen: Eisvogel. Der Roman Johann Gottfried Seumes, Verlag der Nationen, Berlin 1953. Der Verlag stand der DDR-Blockpartei „Nationale Partei Deutschlands“ nahe, die 1990 von der FDP geschluckt wurde. 

31) Ludwig Renn: Zu Fuß zum Orient, Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1966. Eine Art Fortsetzung erschien unter dem Titel „Ausweg“ 1967 am gleichen Ort. Später erschienen mehrere Ausgaben beider Romane in einem Buch. Zitate in dieser Arbeit beziehen sich auf eine derartige Doppel- Ausgabe (Berlin und Weimar 1981). 

32) „So werde ich den Leuten erzählen, ich wollte eine Reise nach Syrakus mach. Das werden sie als Sport auffassen und richtig finden. Dabei ist es nicht einmal originell. Das hat schon einer gemacht, Johann Gottfried Seume. Er gehörte zu denen, die eine Freiheit erstrebten, die im damaligen Deutschland der Fürstenherrschaft nicht erreicht werden konnte.“ (ebenda S. 8) 

33) Friedrich Christian Delius: „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“, erschienen 1995 bei Rowohlt in Reinbek bei Hamburg. Erst kürzlich hat mir ein ehemals in Bautzen inhaftierter DDRDissident erzählt, dass er sein Überleben als Häftling unter anderem der Lektüre des oben erwähnten Romans „Eisvogel“ verdanke. Das Vorbild Seumes habe in moralisch den Rücken gestärkt. 

34) Das „Göschenhaus“ in Grimma-Hohnstädt spielte eine große Rolle. Nicht zuletzt der privaten Initiative der bemerkenswerten Frau Renate Sturm-Franke ist es zu verdanken, dass dieses Landhaus des Verlegers, Seume-Freundes und Seume-Arbeitgebers G. J. Göschen der Öffentlichkeit in der DDR und darüber hinaus bis heute zugänglich ist. Siehe: http://www.goeschenhaus.de 

35) Peter Goldammer und Heinz Pietsch (Hg.): Seume. Ein Lesebuch für unsere Zeit, Weimar 1954. 

36) Anneliese und Karl-Heinz Klingenberg (HG. Und Einleitung): Seumes Werke in zwei Bänden, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1977 

37) „Seumes politischen Anschauungen sind – wie die vieler führender Geister jener Zeit – unklar und voller Widersprüche.“ So heißt es etwa im „Lesebuch“ (Goldammer/Pietsch S. 16). Der Aufbauverlag nahm später die gleiche Kurve eleganter: „Er war ein politischer Publizist und Historiker der Zeitgeschichte von hohem Rang“ (A. und K.H. Klingenberg S. 30). Diese Ausgabe kann sich übrigens sehen lassen und findet zum Glück noch heute Käufer. 

38) Gotthard Erler unter Mitarbeit von Therese Erler (Hg.): Johann Gottfried Seume, Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, Berlin 1989, mit einem Nachwort von Gotthard Erler. 39 Ebenda S. 493

40) Ich (KWB) bin Seume erstmals über ein zerlesenes Exemplar des DDR-“Lesebuchs“ von Goldammer Pietsch begegnet, dass irgendwie den Weg in ein westdeutsches Antiquariat gefunden hatte. 

41) Werner Kraft (Hg. und Einleitung): „Seume, Johann Gottfried: Prosaschriften“, Köln 1962, erschienen im Joseph Melzer Verlag. Dessen Anliegen war es laut „Wikipedia“, den „deutschen Lesern die von den Nationalsozialisten verbotenen Bücher wieder zugänglich zu machen.“ (Wikipedia, Stichwort Joseph Melzer Verlag). Bei dem Herausgeber Werner Kraft handelte es sich um einen „deutsch-israelischer Bibliothekar, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller jüdischer Herkunft“ (Wikepedia, Stichwort: Werner Kraft). 

42) Jörg Drews (Hg.): Johann Gottfried Seume - Werke Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1993, Band I, S. 639 

43) Inge Stephan: Johann Gottfried Seume, Ein politischer Schriftsteller der deutschen Spätaufklärung. Stuttgart 1973, S. 11 

44) Inge Stephan: Johann Gottfried Seume, Ein politischer Schriftsteller der deutschen Spätaufklärung. Stuttgart 1973 

45) Eine Art Vorläufer war in gewisser Weise Hermann Schweppenhäuser, der 1966 die „Apokryphen“ neu herausgegeben und mit einem Essay versehen hatte, in dem er Seume als „Citoyen in Deutschland“ (titel-)würdigte. (Hermann Schweppenhäuser: Johann Gottfried Seume: Apokryphen, Frankfurt am Main 1966) 

46) Jörg Drews (Hg.): Johann Gottfried Seume - Werke Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1993, Band II, S. 71 

47) Ebenda S. 54 

48) Seumes „Kurzes Pflichten- und Sittenbuch für Landleute“ war selbst seinem Auftraggeber Göschen nicht geheuer, weshalb es erst1811 von M. J. S. Vertraugott Schiek (in Leipzig) herausgegeben, unter dem Titel: „Ein Nachlaß moralisch religiösen Inhalts.“ Es passt so gar nicht zu dem Mann, der sich im „Spaziergang nach Syrakus“ gar nicht genug über „Möncherei“ und „Pfafferei“ echaufieren konnte und andernorts auch den Protestantismus nicht schonte „Die Pfaffen haben die Erbsünde geschaffen, und der Adel verewigt sie: die Despotie verewigt alles zusammen“. Zitiert nach Jörg Drews (Hg.): Johann Gottfried Seume – Werke, Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1993, Band II, Apokryphen, S. 135 

49) Jörg Drews (Hg.): Johann Gottfried Seume - Werke Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1993, Band II, S. 99 

50) Zitat aus dem Gedicht „Amalia“, Jörg Drews [Hg.]: Johann Gottfried Seume, Werke, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main1993 Band II, Seite 515 

51) Liste der bisherigen PreisträgerInnen:
2001: Götz-Ulrich Coblenz ”Mein Spaziergang von Arkona nach Pisa“
2003: Wolfgang Büscher ”Berlin - Moskau Eine Reise zu Fuß“
2005: Andreas Altmann ”34 Tage, 33 Nächte - Von Paris nach Berlin zu Fuß und ohne Geld“
2007: Andreas Reimann ”Und Rotwein rauscht an meiner Seele Süden“ (Italien-Sonette)
2009: Helga M. Novak „Wo ich jetzt bin“
2011: Peter Winterhoff-Spurk:„Unternehmen Babylon. Wie die Globalisierung die Seele gefährdet“
2013: Constanze John: „Gelber Staub. Eine Reise nach Armenien“ 

52) Einige Beispiele von Aufsätzen, die in Publikationen der Seume-Gesellschaft aufgrund von Tagungen erschienen sind:

Rupert Gaderer: „auf einer neuen Wanderung begriffen“. Literarische Raumkonzeptionen in Johann Gottfried Seumes Spaziergang nach Syrakus und Mein Sommer 1805. In: Jörg Drews (Hg.):

In Polen, Palermo und St. Petersburg, Bielefeld 2008

Gabi Pahnke: Johann Gottfried Seume: Die Kommunikation eines Sonderlings als sonderbare Kommunikation? In: Jörg Drews (Hg.): In Polen, Palermo und St. Petersburg, Bielefeld 2008

Lois Musmann: Seumes Observations on music. Reflections of an Enlightened Poet. In: Jörg Drews /Gabi Pahnke (Hgg.) „Weimar ist unser Athen.“ Mit Seume in Weimar, Bielefeld 2010

Albert Meier: Polemisches Reisen. Über die Unzuverlässigkeit von Johann Gottfried Seumes Beschreibung seiner Reise durch Italien und Frankreich. In: Jörg Drews (Hg.): „Seume:‚Der Mann selbst‘ und seine ‚Hyperkritiker‘“, Bielefeld 2004.

Karl Wolfgang Biehusen: Kratzen am Mythos. Anmerkungen zur Rezeption Johann Gottfried Seumes. In: Jörg Drews (Hg.): „Seume:‚Der Mann selbst‘ und seine ‚Hyperkritiker‘“, Bielefeld 2004

Georg Meyer-Thurow: Erfundene Geschichten aus Seumes Leben. Eine Anmerkung zur Monographie von Oskar Planer und Camillo Reißmann. In: Jörg Drews (Hg.): „Seume:‚Der Mann selbst‘ und seine ‚Hyperkritiker‘“, Bielefeld 2004 

53) Das Seume-Denkmal in Bremen bildet ebendort seit den 1970 Jahren immer wieder den argumentativen Ansatzpunkt von Auseinandersetzungen. Auf der einen Seite stehen Mitglieder der Friedensbewegung, die sich ein Denkmal für den „unbekannten Deserteur“ wünschen und ihren Gegnern zurufen: „Warum zögert Ihr? Ihr duldet doch sogar ein Denkmal für einen sehr bekannten Deserteur!“ Die pfiffige Antwort aus dem Rathaus: „Eben darum. Wir brauchen nicht noch ein zweites Denkmal zu diesem Thema.“

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