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Netzwerker Seume

Johann Gottfried Seume wäre im 21. Jahrhundert in allen gängigen sozialen Netzwerken unterwegs gewesen, um sich und seine Anliegen bekannt zu machen. Er musste sich - mehr als 200 Jahre ist es her - [nbsp ]zur Aufnahme und Pflege von Kontakten mit Briefpost und Beiträgen in Journalen begnügen. Außerdem suchte und pflegte er persönliche Kontakte, auf Reisen und in Zirkeln intellektueller Zeitgenossen. Wie und mit welchem Erfolg der Netzwerker Seume vorging, das hat die Seume-Forscherin Gabi Pahnke in jahrelanger Recherche herausgefunden.

Gabi Pahnke: Spaziergang durchs papierne Jahrhundert - Das Netzwerk von Johann Gottfried Seume.  Wolff Verlag, Berlin 2018. ISBN: 9783941461246.

Auf 708 Seiten hat die Autorin den Seumologinnen und Seumologen eine nicht nur physisch schwerwiegende Fundgrube zur Verfügung gestellt. Sie überzeugt schon mit einer Fülle von Informationen über Seumes Beziehungsgeflecht. Rein technisch war dazu der Einsatz einer eigens erstellten Datenbank nötig. Die Einbeziehung soziologischer Ansätze half, den eher schwammigen Begriff "Netzwerk" zu strukturieren. Sie spezifiziert beispielsweise geographische Beziehungskreise und berücksichtigt die Art von Seumes Kontakte nach persönlichen Aspekten wie familiäre Beziehungen, Freundschaftsbeziehungen, Förderbeziehungen und Vorbildern.

Gabi Pahnke hat ein Fenster zu einer dezidierten Sicht auf Seumes Wirken und Wollen um die gesellschaftlichen Bedingungen erweitert, in dem er lebte. Er lebte in einem gesellschaftlichen Umfeld, das gerade erst begann, die Dominanz des Adels aufzubrechen. Seine bäuerliche Herkunft hat ihn behindert, aber die wachsende Fülle und Bedeutung gedruckter Periodika konnte er nutzen: "Das 'papierne Jahrhundert' brachte eine Unüberschaubarkeit, die für Autoren Freiräume und Chancen schuf, seinen individuellen Lebensentwurf abzubilden und zu profilieren" stellt Gabi Pahnke fest. "Ein wesentliches Ergebnis dieser Studie", resümiert sie "ist die Feststellung von Seumes klarem Bewußtsein für den Nutzen unterschiedlichster Medien als Instrument seiner Selbststilisierung zum eigenwilligen Autor und Denker". Gabi Pahnke hat ein grundlegendes Werk geschrieben - ihr sei gedankt.

Karl Wolfgang Biehusen, 26.07.2018, geändert 29.072018

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