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"Meine Augen werden dunkel"

Am 13.06.1810 starb J. G. Seume

Wie er lebte, so starb Johann Gottfried Seume: unter bizarren Umständen und umsorgt von Menschen, die ihn schätzten, ja verehrten. An seinem Grab trauerten, zwei Tage nachdem er am 13. Juni 1810 starb, treue Freundinnen und Freunde – und der Philosoph Johann Gottlieb Fichte.

 

Berühmt war J. G. Seume durch seinen Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ geworden. Dessen nachhaltiger Erfolg erklärt sich unter anderem mit dem exotischen Lebenslauf des Autors, und mit seiner  „persönlichen Eigenthümlichkeit“, die ihm beispielsweise die „Realencyklopädie für gebildete Stände“, der Brockhaus von 1836, bescheinigt hat.

Eben noch war Seume Analphabet gewesen - und schon war er Student. Dann sehen wir ihn als einfachen, hessischen Soldaten, der seine Vorgesetzen in Dichtkunst unterrichtet. Den noch unfreiwilligeren Dienst für Preußen quittiert er heimlich, den Russen dient er später freiwillig – und zwar zur Niederschlagung des Freiheitskampfes der Polen. Welch Widerspruch: als Publizist sind ihm Begriffe wie Freiheit und Gerechtigkeit heilig. Als Publizist wettert er gegen Adelige allgemein und Fürsten im Speziellen. Aber er plaudert in St. Petersburg vertraut mit der Zarenmutter und verkehrt als gern gesehener Gesprächspartner am Weimarer Hof.

Als treuer Freund wird er geschildert und als Erzieher gesucht, obwohl er oft recht barsch auftrat und sich sogar selber nicht selten mürrisch fand. Geschätzt hat unter anderem die seinerzeit sehr berühmte Dichterin Elisabeth von der Recke und ihr Lebensgefährte Christoph August Tiedge. Sie waren es, die ihn bewogen, zur Heilung eines scherzhaften Blasen- und Nierenleidens das böhmische Nobelbad Teplitz (heute: Teplice) zu besuchen. Dort kurten sie gerade selber kurten. Ein weiterer Kurgast, der Leipziger Professor Christian August Clodius wechselte eigens sein Quartier, um seinem Freund Seume im „Goldenen Schiff“ nahe zu sein, wo dieser abgestiegen war.

Von Clodius stammt der Bericht über Seumes letzte Tage. Er schließt Seumes Autobiographie „Mein Leben“ ab, hier zitiert nach der Reclam-Ausgabe von 1991. „Gegen das Ende des Monats Mai 1810 traf Seume in Teplitz ein“ heißt es da. Der Kranke habe von seinem Zimmer aus „die heiterste Aussicht auf die Stadt und das Bad“ geniessen können und „ganz nahe war er hier dem Fürstenhause, wo Frau von der Recke und Tiedge wohnten“.

Nicht nur diese Beiden zeigten sich bemüht, den sichtlich Leidenden aufzuheitern, etwa mit Gitarrenklängen und Gesang. Der letzte Besuch des „Theuren“ habe drei Stunden gewährt, schrieb die baltische Adelige später einem gemeinsamen Freund (Karl August Böttiger) und fuhr fort: „Gebückt stand er auf und sagte, ich werde mich noch niederlegen müssen: er wankte nach Hause und verließ das Krankenlager nicht mehr.“ (Zitiert nach Oscar Planer: Johann Gottfried Seume. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, Leipzig 1898 S.673.). Von der Recke sorgte später dafür, dass seine Grabstelle von einem schlichten Stein bedeckt wurde, den lediglich ein Wort ziert: Seume.

An Gesellschaft hatte es Seume in seinen letzten Tagen offenbar nicht gefehlt, sondern an einem ihm verträglichen Trinkwasser. Und das geschah in einem Bad, wo seit Römerzeiten bis heute ein „natürliches, leicht mineralisiertes“ Quellwasser „vom Natrium Hydrogencarbonat-Sulfat-Typus, mit erhöhtem Gehalt an Fluoriden und mäßigem Anteil an Radon“ sprudelt, wie es im Internetauftritt des Kurorts heißt. Aber Seume war auf Selterswasser geeicht, von dem er letztlich, mühsam und unter Schmerzen suchend, einige Flaschen bei einem Krämer fand.

Kein Wasser, kein Arzt konnte ihm helfen und die gesellige Runde seiner Freundinnen und Freunde hat er „mal geduldig oder wunderlich, dann wieder starrsinnig und mißgelaunt“ besucht, schreibt sein bislang letzer Biograph (Eberhard Zänker: Johann Gottfried Seume. Eine Biographie, Leipzig 2005, S. 388). Am 13. Juni wurde seiner Umgebung klar: Seume lag im Sterben. Und just jetzt sollte er sein Zimmer räumen, da er es nur bis zu diesem Tag bezahlt hatte. Clodius erbot sich zwar, dem Sterbenden sein Zimmer zu überlassen, man hatte sogar bereits die Koffer zum Umzug gepackt. Da tat der gar nicht so alte Wanderer, er hatte am 29. Januar 1810 erst das 47. Lebensjahr vollendet, gegen Mittag den letzten Atemzug. Er starb „zwischen elf und zwölf Uhr“, wie sein erster Biograph, Oscar Planer, berichtet (Planer 1898 S. 667).

Christian August Gottlieb Weigel, er war auch einer seiner vielen Freunde am Ort, hatte Seume kurz zuvor aufgesucht und dabei womöglich des Sterbenden letzten Worte gehört: „Ich wollte Ihnen bloß sagen, daß Sie nicht bös sein sollen, wenn ich manches sage, was ich in einem anderen Zustande nicht sagen würde, ich nehme meine Schuld mit, ich kann Ihnen nichts vergelten. Meine Augen werden dunkel“ (zitiert nach dem Katalog der Seume-Ausstellung „Johann Gottfried Seume 1763-1810“, Bielefeld 1989). Zwei Tage später, am 15. Juni 1810, wurde der Leichnam mit offenbar großem Geleit in Teplitz zu Grabe getragen.

Dass der eher im Sog der Romantik philosophierende Professor Johann Gottlieb Fichte zu den Trauernden gehörte, die dem Aufklärer die letzte Ehre erwiesen, verwundert nur ein wenig und hätte ihn vermutlich sogar befriedigt. Verblüffender erscheint die Tatsache, dass ein katholischer Geistlicher den Leichnam eines Skeptikers geweihter Erde übergab, der in seiner Jugend protestantischer Pfarrer werden wollte und sich später als, gelegentlich rüder, Kirchen- und Religionskritiker profilierte.

So abenteuerlich wie Johann Gottfried Seume gelebt hat, so widersprüchlich sein Werk erscheint und so bizarr die Umstände seines Sterbens waren – so merkwürdig hat sich auch sein Nachleben gestaltet. Vertreter (womöglich nur scheinbar) unvereinbarer Weltanschauungen haben sich auf ihn berufen. Mit dem norddeutschen Dichter Hermann Allmers war es ein Aktivist der 1848-Revolution, der (dem Deserteur!) Seume im Jahr 1864 in Bremen das erste Denkmal setzte. Das zweite Denkmal galt eher dem Patrioten Seume. Es steht in Teplice, dicht beim Friedhof und damit bei Seumes Grab: „Dieses Denkmal, zu dem auch Kaiser Wilhelm der Erste einen Beitrag spendete, wurde am 15. September 1859 feierlich enthüllt“ schreibt Oscar Planer auf der letzten Seite seiner Seume-Biographie.

Ein drittes Seume-Denkmal harrt noch seiner Realisierung – und hätte das erste sein können: In Leipzig. Karl August Böttiger hatte die Idee, Elisabeth von der Recke griff sie sofort auf und schrieb ihm (laut Planer 1898, S. 674) am 24. Juni 1810: „Aber in Leipzig, wo er gelebt und gewirkt hat, da wünschte ich, daß dem edlen deutschen Kraftmann von den Verehrern seines Geistes und Charakters auf dem öffentlichen Spaziergang, auf einer der schönsten Stellen, ein würdiges Denkmal gesetzt würde“.

 

K. W. Biehusen

 

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