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Die „Brautbastion“ auf der Weserinsel war das Hindernis, das J. G. Seume mit Hilfe eines Bremers zu überwinden hatte. Abgebildet ist ein Ausschnitt eines Stadtplans von 1796: >>Grundriss der Kayserl. Freien Reichs und Handels Stadt Bremen einem Hochpreislichen Senat gehorsamst zugeeignet von Carl Ludwig Murtfeldt. G.H. Tischbein sc. 1796<< (Quelle: SuUB Bremen, V.2.a.235-250)

 

 

 

 

Seume und Bremen
Alles ganz anders?


Karl Wolfgang Biehusen, 14.8.2007 - geändert 15.07.2015

 

 

Er sei, erzählt Johann Gottfried Seume, in Bremen desertiert (1). Er habe sich (es müsste 1783 gewesen sein) „am hellen lichten Tage unter ziemlicher Gefahr“ von dem Schiff entfernt, in dem die Soldaten aus Amerika zurück nach Hessen befördert wurden, die im Solde der englischen Krone (vergeblich) ausgezogen waren, den Aufstand der britischen Ex-Kolonien niederzuschlagen. Was Seume im Zusammenhang mit dieser Desertion überliefert hat, ist fragwürdig.

Stutzen macht bereits seine Angabe, ein „Bremer Bürger“ habe den Begriff „Magistrat“ verwendet, um ihn vor der Gefahr obrigkeitlicher Verfolgung zu warnen. Schon damals waren die Bremer stolz darauf, von dem „Senat“ einer freien Hansestadt regiert zu werden. Schwerer wiegen die Zweifel an dem gesamten Ablauf von Seumes Desertion. 

 

Die Recherche in hessischen Archiven hat jedenfalls die Marburger Archivarin Inge Auerbach zweifeln lassen, dass Seume seine Abenteuer als hessisch/englischer Söldner der Wahrheit gemäß überliefert hat (2). Fragwürdig bis falsch ist auch die konkrete Schilderung seiner Flucht aus Bremen, so wie sie Seume selbst (im ersten Teil seiner Autobiographie) darstellt und wie sie indirekt, aufgrund seiner Erzählungen, Georg Joachim Göschen (1752 – 1822), in der Fortsetzung des Berichts überliefert hat, den Seume vor seinem Tode in Teplice nicht vollenden konnte. 

 

Im Grunde verblüfft vor allem die Tatsache, dass sich bisher kein Exeget seumischer Texte die Mühe machte, Seumes Angaben an objektiven Fakten zu messen: selbst der Freund und zeitweilige Arbeitgeber Seumes, der Leipziger Verleger Göschen, hat unkorrekte Angaben über die Grenzen und Grenzflüsse der selbständigen Hansestadt Bremen (seinerzeit eine freie Reichsstadt, heute ein Bundesland) ungeprüft übernommen – dabei wurde er selber in Bremen geboren, ist dort aufgewachsen und hat dort seinen Beruf erlernt. 

 

Die Recherche vor Ort, in Bremen, beginnt bei der Haltestelle „Franziuseck“ der Bremer Straßenbahn (Linie 1) in der Mitte der „Wilhelm-Kaisen-Brücke“, die Bremens Altstadt (am rechten Weserufer) mit Bremens Neustadt (am linken Weserufer) verbindet. Wer hier aussteigt, befindet sich auf einer Halbinsel – und findet rasch ein Denkmal für Johann Gottfried Seume. Auf der Vorderseite der Stele kann man den „Deserteur“ auf einer Plakette westwärts, also zur Neustadt, schauen sehen. Auf der Rückseite ist vermerkt: "1783 wurde der Dichter auf seiner Flucht von Bremer Bürgern gerettet". 

 

Dieses Seume-Denkmal (eines von dreien neben einer Büste in Teplice und einer Gedenktafel in Seumes Geburtsort Poserna) wurde 1963 unweit des Platzes aufgestellt, an dem der Heimatdichter und -forscher Hermann Allmers (1821 - 1902) im Jahre 1864 das Original der Plakette an einem Gebäude des städtischen Bauhofs hatte anbringen lassen (3). Hier, so meinte Allmers, habe sich die abenteuerliche Episode abgespielt, über deren Beschreibung Seume starb. Der Verleger und Seume-Freund Georg Joachim Göschen (1752 - 1828) hat die Autobiographie fortgesetzt - und lag, zumindest was die geographischen Angaben betrifft, falsch. 

 

Johann Gottfried Seume hatte, so viel steht fest, als hessischer Soldat (übrigens: eher freiwillig als zwangsweise, ist er laut Auerbach in hessische Dienste getreten) auf der Seite der Verlierer am Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner teilgenommen, bevor sein Schiff ihn und seine Kameraden zurück nach Deutschland brachte. Dort, in Bremen, munkelte man munkelte zu Recht, der berüchtigte hessische Landgraf werde die Truppe an die Preußen weiterverkaufen. 

 

Um diesem Schicksal zu entgehen, sei er bei passender Gelegenheit vom Truppentransporter geflohen, schreibt Seume: "…auf und davon, am Ufer hin, über die Brücke weg, in die Altstadt hinein. Ein guter alter Spießbürger mochte mir doch wohl einige Verwirrung ansehen; er kam freundlich zu mir und fragte: 'Freund! Ihr seid wohl ein Hessischer Deserteur?' Und wenn ich denn einer wäre? sagte ich. Da muß ich Euch sagen, unser Magistrat hat Kartell mit dem Landgrafen' ". Der Bremer habe Zivilicourage bewiesen und sogar Verstärkung gefunden, setzt Göschen den Bericht fort: "Das gutmütige Volk der guten Stadt Bremen drängte sich als eine Schutzwehr um Seume herum und schob gewissermaßen den Fremdling hülfreich zum nächsten Tore hinaus". 

 

So kann sich die Geschichte nicht ereignet haben. Die Flucht "in die Altstadt hinein" wäre an sich kein Problem gewesen, aber wenig hilfreich. Konnte doch der Truppentransporter nur an der „Schlachte“ gelegen haben, an jenem Uferstreifen unweit der Martinikirche, der damals Bremens Hafen darstellte. Und die Schlachte liegt bereits in der Altstadt -  man muß sie sich nicht erlaufen. Stromaufwärts, "am Ufer hin", kam und kommt man jedoch zu einer Weser-Brücke (es war damals die einzige in Bremen). 

 

Die „Wilhelm-Kaisen-Brücke“ führt jeden, der wie Seume das Oldenburger Land im Westen anstrebt, an das andere, das „linke“ Weserufer - zur Bremer „Neustadt“. Unterwegs überspannt diese Brücke die Halbinsel, die hier die „große“ von der „kleinen“ Weser trennt und auf der die Seume-Stele steht. Hier endete zu Seumes Zeit die Brücke über die „große“ Weser in einem kleinen Festungswerk, an deren Mauern sich die Menschensperre gut vorstellen (und nachweisen) lässt. Leicht versetzt überspannte anschließend eine zweite Brücke die „kleine“ Weser, als Verbindung zur Neustadt. 

 

Über diese Brücke könnte Seume ("ein trefflicher Läufer") nach dem Zwischenfall mit dem tapferen Bremer „Spießbürger“ um seine Freiheit, wenn nicht um sein Leben gerannt sein. Durch die Straßen der damals dünn besiedelten Bremer Neustadt rannte laut Überlieferung und ausweislich des Denkmals "wie ein Pfeil" in westliche Richtung, um das neutrale Gebiet des Großherzogs von Oldenburg zu erreichen. Dieser Fürst habe, soll kein „Kartell“ gehabt haben  war also nicht verbündet – weder mit den Bremern, noch mit den Preußen. 

 

Erste Zweifel an der überlieferten Darstellung der Flucht des Deserteurs Seume tun sich beim Blick auf eine Art Stadtplan aus dem Jahr 1796 auf (4). Danach hätte er noch eine zweite Hürde überwinden müssen, um den Herrschaftsbereich des Senats der Freien Hansestadt Bremen zu überwinden: eine komplette Wallanlage mit Mauer und Graben. Verhalf ihm in Wirklichkeit  irgendwer über dieses Hindernis? Hat Seume seine Existenz und dessen Überwindung vergessen oder verwechselt? Erschien dem Fürstenfeind Seume der Bericht (oder Erfindung) eines Beweises von bürgerlichem Heldenmuts glaubwürdiger als eine Doppelung? 

 

Auf jeden Fall soll Johann Gottfried Seume gerannt sein. Um seine Freiheit, wenn nicht gar um sein Leben. Seine. Verfolger waren freilich offenbar auch nicht schlecht zu Fuß: Die Hessischen Jäger seien dem Flüchtling immer hart auf den Fersen geblieben, schreibt sein Göschen, wohl aufgrund von Erzählungen seines Freundes Seume. Die Verfolger trieben den Deserteur „endlich in einen Sack zwischen den beiden Flüssen der Hunte und der Weser." 

 

Freundlich ausgedrückt ist diese Angabe (Sack zwischen Hunte und Weser) irreführend. Aber der Fehler ist erklärbar. Den Fluss „Hunte“ gab und gibt es zwar, er durchquert die Residenzstadt Oldenburg, windet sich durch das flache Oldenburger Land und mündet tatsächlich in die Weser – jedoch bei dem Städtchen Elsfleth, viele Kilometer flußabwärts von Bremen und dem Ort von Seumes angeblichem Abenteuer- 

 

Sein Freund Göschen (obwohl Bremer), verwechselte die Hunte offenbar mit dem Fluss „Ochtum“. Dieser Fluss, eher ein Flüsschen, markierte tatsächlich die Grenze der Hansestadt Bremen zum Großherzogtum Oldenburg – und zwar in der Gegend, in der sich Seumes Flucht abgespielt haben muss. Der Flüchtling dürfte eine Straße unter die Füsse genommen haben, die jetzt „Friedrich-Ebert-Straße“ heißt. Vielleicht auch die heutige Langemarkstraße. Auf jeden Fall ist er (besser: wäre heute) in den bremischen Stadteil Grolland geraten. 

 

Dieser Stadtteil erinnert in seinem Namen an das einst hier gelegene „Gut Grolland“, das bis 1803 tatsächlich nicht zur Hansestadt gehörte. Es bildete eine Oldenburger Bucht in deren Gebiet. Sie schob sich streckenweise zwischen den Bremer Stadtteil „Neustadt“ und die bremische Landgemeinde (heute: Stadtteil) Huchting. Auf diese geopgraphisch und politisch sackähnliche Bucht in das Territorium Bremens könnte sich die Bemerkung in Seumes „Mein Leben“ bzw. deren Fortsetzung beziehen: „… trieben ihn endlich in einen Sack …“. Hingegen bilden weder die Ochtum noch die Hunte bilden im Zusammenhang mit mit Bremen und/oder der Weser irgendwelche Säcke. 

 

Angenommen, Seume sei nach der Rettung den Bremer (Spieß-)Bürger im Verlauf seiner Flucht am Ufer der Ochtum angekommen. Mithin an der Grenze zu dem „Sack“, den das neutrale Land Oldenburg ins Bremer Gebiet schob. Dann tut sich für Spurensucher eine weitere Verständnishürde auf: in seiner aktuellen Form würde das seichte, träge sickernden Rinnsal namens Ochtum einen Flüchtling in Lebensgefahr nicht zögern lassen, nasse Hosenbeine für die wenigen Schritte in die Freiheit zu riskieren. Ein Ruderboot, wie klein auch immer, würde hingegen vermutlich dessen beide Ufer gleichzeitig berühren. 

 

Seumes Biograph Göschen unterstellt den hessischen Häschern gleichwohl die Hoffnung, hier könnte Seume "ihnen nicht entspringen“. Mehr noch: „..er selbst hielt sich für verloren: denn, wollte er sich ins Wasser stürzen, so tötete ihn, den durch und durch Erhitzten, der Schlag; blieb er stehen, so war er das Opfer seiner Flucht.“  Zum Glück habe Seume in einem Weidenbusch am Ufer des Flusses einen Fischerkahn gesehen und sei hineingesprungen: „Der mitleidige Fischer, welcher der Menschenjagd zugesehen hatte, hieß ihn, sich gleich auf den Boden niederlegen, und stieß augenblicklich vom Land ab. Nun kamen auch die Jäger und schossen; aber die Kugeln flogen über das Schiff, und der gleichmütige Schiffer arbeitete ruhig durch die Gefahr, bis er glücklich das jenseitige Ufer erreichte". 

 

So unwahrscheinlich nach der Ortsbesichtigung der überlieferte letzte Teil der Flucht Seumes aus Bremen auch erscheint: Es ist durchaus möglich, dass er dennoch wie geschildert verlief - der inkorrekten Nomenklatur der Flüsse und der Fehlinterpretation des Begriffes „Sack“ ungeachtet. Denn zur Tatzeit 1783 mäanderte der Grenzfluß Ochtum, unkanalisiert durch die sumpfige Marschlandschaft. Vielleicht war er ja, damals und gerade dort wo Seume ihn erreichte, breiter und tiefer als gegenwärtig. Immerhin überspannt noch heute eine Fußgängerbrücke auf Seumes mutmaßlichem Fluchtweg vorsorglich eine breitere Zone, als eigentlich für die Überquerung des schmalen Flüsschen nötig wäre. Nach heftigen Regenfällen konnte der Einsatz eines Bootes zu seiner Überquerung womöglich sinnvoll gewesen sein – und wäre es ohne Brücke vielleicht noch immer. 

 

Festzustellen bleibt, dass die Einsätze der Bremer und des Fischers – wie immer sie verlaufen sein mögen - letztlich vergeblich waren. Und daran trug Seume selber Schuld. Er versäumte es offenbar, sich Zivilkleider zu besorgen, verließ Oldenburg einige Tage nach den geschilderten Ereignisse in seiner hessischen Uniform, wurde von preußischen Soldaten als Deserteur identifiziert und an die Nordseeküste verschleppt, nach Emden, der Hauptstadt des an das Großherzogtum Oldenburg grenzenden preußischen Ostfrieslands. Erst vier Jahre später, nach etlichen vergeblichen Fluchtversuchen, entkam Seume (die Kaution freundlicher Bürger mißbrauchend) nach Leipzig. 

 

Man kann Seumes Bremer Episode als Prahlerei eines kleinen Mannes werten, der sich gerne groß und mutig gebend von Fakten nicht irritieren ließ. „Aber es spricht manches dafür, 'Mein Leben'  nicht als Autobiographie mit dem Anspruch auf relativ wahrheitsgetreue Schilderung tatsächlichen Begebenheiten, sondern als Tendenzliteratur im Gewande von Lebenserinnerungen, als literarische Fiktion, zu interpretieren“, schreibt Inge Auerbach. Als Seume seine „Flucht“ beschrieb, ging es ihm womöglich um nicht mehr und nicht weniger, als um die Illustration der Schrecken des Menschenhandels im Zeitalter des Absolutismus. Seine Rezipienten sind es womöglich, die den Text fehlinterpretieren, wenn sie ihn als simple Wiedergabe banaler Tatsachen lesen.

Fußnoten:
1. Johann Gottfried Seume: Mein Leben. Nebst Fortsetzung von G.J. Göschen und C.A.H. Clodius. Hier Jörg Drews (Hg.), Stuttgart 1991 (Reclam jun.)

2. Inge Auerbach: Seume und die Hessen. In Jörg Drews (Hg.): Seume: „Der Mann selbst“ und seine Hyperkritiker, Bielefeld 2004. Die Autorin liefert u.a. Indizien für die Annahme, dass Seume absolut freiwillig hessischer Soldat geworden ist und seinen Dienst zwar auf illegale Art und Weise, aber nicht heimlich beendet hat - sondern mit der Unterstützung seiner Vorgesetzten.

3. Karl Wolfgang Biehusen: Drei Männer und ein Denkmal (www.Seume.de)

4. Grundriss der Kayserl. Freien Reichs und Handels Stadt Bremen einem Hochpreislichen Senat gehorsamst zugeeignet von Carl Ludwig Murtfeldt. G.H. Tischbein sc. 1796, Quelle: SuUB Bremen, V.2.a.235-250

 

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