Zurück

Filmemacher sucht Seume

Venedig: Der Autor als Seume (Foto Nepaschink)
Der Autor als Seume in Venedig (Foto Nepaschink)

Von Bremen nach Syrakus auf der Suche nach Motiven und Ideen, nach „Locations“, also nach Drehorten. Für einen Fernseh-Film über Johann Gottfried Seume und seinen Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“. Hin und zurück 10.000 km in sechs Wochen, mit Ruhepausen aber ohne Panne. Seume lobte am Ende der Wanderung seinen Schuhmacher. Ich erlaube mir, ebenso absichtslos (wenn es denn so war), das Volkswagenwerk zu preisen.

Der Weg nach Italien

Sachsen ist eine Reise, das Göschenhaus einen Besuch wert. Nicht nur als Startplatz für eine Seume-Tour. Doch die eigentlichen Überraschungen erhoffen wir uns zumeist im Ausland.

Bereits in Petrovice (Seumes Peterswalde) wartet eine von ihnen: Die ersten Tschechen jenseits der Grenze waren vietnamesische Verkäufer von (vermutlich chinesischen) Gartenzwergen. Die machen sich gut im Film. Usti/Aussig fand ich trostlos aber in das urbane Litmorice/Leitmeritz habe ich mich verliebt. Das erschüttende Terezin/Theresienstadt darf kein Deutscher auslassen, auch wenn Seume nicht dort war. Prag entspricht den Schilderungen der ungezählten begeisterten Touristen, die hier zu mäßigen Preisen Geschichte und Bier einsaugen. Aber mein persönlicher Lieblingsort in Tschechien ist Znojmo, Seumes Znaim, der Grenzort nach Österreich. In dieser fotogenen Stadt mit ihren Kirchen und Klöstern, in einer zum Wandern einladenden Umgebung, wäre auch ich, wie Seume, gerne länger geblieben. Sie wurde denn auch zur „Location“ erhoben.

In Österreich faszinieren Städte wie Wien, Bruck und Graz. Erwartungsgemäß und für einen Film so unvermeidlich wie Szenen in Kaffeehäusern. Unverhofft, wenn auch nicht ungehofft, fand ich in Stockerau noch immer das Haus, in dem Seume eine sorgenvolle Nacht verbrachte: Der steile Berghang, dessen Absturz er fürchtete, trägt jetzt einen Pfeiler der Autobahn, die das enge Tal überspannt. Auf den Simmering quälen sich keine Pferdegespanne mehr. Wintersportler flitzen in Autos schneewärts bergan, zum April-Ski auf der Passhöhe.

Hinter der Grenze nach Slowenien bleibt überraschender Weise die Überraschung aus. Exotik fehlt. Die meisten slowenischen Dörfer und Städte auf der Seume-Tour, vor allem Maribor/Marburg und Celje/Cilli, verströmen einen österreichischen Charme, der sich in seinem Heimatland schwerer gegen seine Vermarktung behauptet. Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte haben halt städtebaulich Spuren hinterlassen. Die gemeinsam gelebte (Seume würden sagen: erlittene) Religion tat und tut sicher das ihre um einen Kulturraum zu formen und zu erhalten, den die europäische Gemeinschaft nicht erst schaffen muss.

Hat man die abwechslungsreiche Alpenlandschaft hinter sich, durchfährt man bis zur Adria-Küste eine reizvolle und an Höhlen reiche Karst-Landschaft, für deren touristische Erschließung sich Seume nachhaltige Verdienste erwarb. Er war hier selber Tourist und sein Bericht über die Höhlen von Postojna knallte womöglich als Startschuss die heutige Völkerwanderung in das bizarre Reich von Tropfsteinen und augenlosen Lurchen an.

Auf Sizilien

Palermo: Wider Erwarten eine weitere Lieblingsstadt – und dank des Trainings in Neapel zu bewältigen. Außerdem leicht zu Fuß zu erkunden, etwa vom Parkplatz „Piazza Marina“ aus, den Garibaldis Statue (unvermeidlich in jeder italienischen Stadt) und einige Nachkommen jener Kleinkriminellen bewachen, die Seume auf Sizilien belästigten. Ich schätze sie wirklich, bezahle sie gut und wähne mich als ihr Freund.

Palermo: Touristenströme drängeln sich auf schmalen Corso-Bürgersteigen zu den atemberaubenden Bauwerken der Normannen, die Seume keines Wortes würdigte. Dagegen wirkt seine Verachtung des Barocks wie Lob: bizarre Pracht hat er jedenfalls wahrgenommen. Nahe ist man dem Aufklärer im Botanischen Garten, denn der stammt aus seiner Zeit und galt als Mekka der Naturwissenschaftler, der Leitwissenschaft aller Streiter wider die Unvernunft. Goethe wird ihnen zugerechnet. Er suchte hier die „Urpflanze“.

Ich wähnte mich in Palermo Seume näher, als dem esoterisch angehauchten Dichterfürsten. Selbst auf dem Monte Pellegrino, wo Goethe bis heute geehrt wird, obwohl er sich beim Anblick der Marmor-Statue der Heiligen Rosalia zumindest nicht mit dem Ruhm bekleckert hat, ein Kunstkenner zu sein.

Ich fühlte mich, den „Spaziergang“ in der Hand, dem Dichter Seume nahe – nicht dem Wanderer. Denn seine Rosalia-Statue (oder war es ein Bild?) ist nicht zu finden. Die Realität auf dem Pilgerberg will zu keinem der vielen wohl gesetzten Worte passen, die Seume seiner Befreiung von Wilhelmine Röders Angedenken widmet. Hat er den Weg, wenn er ihn denn nahm, womöglich nur bis zur halben Höhe erklommen? Dort steht eine kleine Kapelle am Zick-Zack-Weg. Mit Steilhang und Blick über Stadt und Hafen. Ich musste den gut ausgebauten Fußpfad nehmen und war allein unterwegs, denn Italiener pilgern per Auto – oder gar nicht. Die Fahrbahn zu Rosalia aber war gesperrt.

Mit vielen Autos teilte sich meines den Weg nach Agrigent. Über Brücken, die Seume vermisste, vorbei an Dörfern, die er nicht nennt. Dafür fehlten Orte, die er beschreibt. War er überhaupt hier? Freilich, in 200 Jahren hat sich Sizilien verändert, durchaus zum Wohle seiner Einwohner. Es wirkt gesäubert – von Bäumen und Armut. Beides begrüßen die Sizilianer, wenn ich mich nicht täusche.

Sie würdigen den Fortschritt wie er eben kommt – oder auch nicht. Ich fand ein Dorf, in dem eine wütende Menschenmenge den Baggerführer bedrohte, der das Werk vollendete, das ein Erdrutsch begonnen hatte. Die Wut, dachte ich, galt dem Verlust von Wohnraum. Falsch gedacht: Die Aussicht auf schmucke Wohncontainer stimmte die Obdachlosen sogar froh. Aber nicht froh genug, um den Verlust einer Madonna zu verschmerzen, die sich samt ihrer Kirche vor ihren (und meinen) Augen in Bauschutt auflöste. Da fühlte ich mich, kopfschüttelnd, fühlen wie Seume.

Aufgeräumt hat man auch den Agrigenter Tempelberg, auf dem jene Ruinen stehen, die Seume Anlass zum Prahlen boten: Der nordische Held turnt hoch über dem Kopf eines ängstlichen Eseltreibers auf den antiken Mauern. Zumindest heute würde er eine Leiter benötigen, um dem Concordia-Tempel auf’s Dach zu steigen. Ich jedenfalls fand keine Leiter, nur Japaner. Sie bewiesen mit ihren Kameras in großer Zahl, dass dieser Ort eine ergiebige „Location“ darstellt. Auch für einen Blick auf die Zeitgeschichte. Um illegal im „Tal der Tempel“ erbaute Villen war gerade ein Streit entbrannt. Ich habe auf Sizilien Orte gesehen, die schlimmer verschandelt worden sind. Bagheria bei Palermo zum Beispiel, wo von dem Anwesen des Prinzen von Palagonia nur noch die zerfallende Villa erhalten blieb. Seume schmäht den bizarren Barockbau, obwohl er ihn nicht sah und lobt des Prinzen Heimatdorf, das er auf seinem Irrweg nach Syrakus versehentlich betrat. Ich war bewusst hier wie dort – und kam in beiden Fällen zu einem gegensätzlichen Urteil.

Was Licata betrifft, bin ich mit dem Sachsen einer Meinung: Ein hübsches Städtchen, unscheinbar, liebenswert und vom Tourismus übersehen. Rentner dösen im Schatten von Alleebäumen, Bauern bieten Orangen feil, Werftarbeiter kratzen den Rost von kleinen Kuttern und Fischer fahren den Ertrag einer ganzen Nacht auf dem Moped nach Hause. Es heißt, die Mafia bildet in diesem nicht gerade boomenden Ort ihren Nachwuchs aus. Er wird es nötig haben, denkt man zumindest als Leser des „Spaziergangs“. Hier wurde Seume zwar beinahe beraubt, aber eben nur beinahe. Wen das Mitleid übermannt, ist kein kompetenter Räuber und bedarf der Schulung.

Der Küstenweg führt durch weite Täler voller Gewächshäuser zu den Ölraffinerien von Gela. Und zu einem Stück Autobahn ohne Zugang, aber mit hohem Symbolgehalt: Hier fand schon Seume das Pfadfinden problematisch. Ich folgte ihm auf schmalen Straßen nach Caltagirone. Diese Stadt entzückte mich, bunt gekachelt, als zweite Hochburg Italiens (nach Faenza) für Keramik-Arbeiten.

Caltagirone wurde Drehort – und verhalf mir als solcher zu einem verwirrenden Einblick in das italienische Verständnis von Zivilgesellschaft. Derart viel Aufwand (und Geld) hatte mich die Beschaffung von Drehgenehmigungen für italienische „Locations“ gekostet, dass ich an Nebenschauplätzen auf sie verzichtete. So stand denn eines Tages das ganze Filmteam samt Kamera auf einer Straßenkreuzung von Caltagirone, ungeschützt von einer „Permesso“ des „Sopraintendente“, als gleich zwei uniformierte Gesetzeshüter die Szene betraten. Ich sah mich schon in Handschellen – als die Beamten begannen, den Verkehr um uns herum zu leiten. Lästig wurden die beiden Polizisten erst als Cicerone: Sie kannten viele Sehenswürdigkeiten der Stadt, die zu filmen einfach unerlässlich sind.

Liebenswürdig und hilfsbereit:. So habe ich die Menschen auf Sizilien kennen gelernt. „Eingeboren“ wie Zugereiste. Und viele Kennerinnen und Kenner von Seume waren darunter. Ich bin ihnen zu Dank verpflichtet. Einer wurde, hoffentlich, zum Freund: Mario vereint Seume und dessen Fremdenführer in Syrakus, den Ritter Landolina, in einer Person: Bauernsohn aus Sizilien, Student in Deutschland, Ingenieur in Berlin – und aus Heimweh Heimatforscher in Syrakus.

Es waren Mario und seine Kollegin Andrea, die mir Seumes Zielort Syrakus sympathisch machten. Ohne sie hätte ich den ersten Eindruck nie verwunden: Ölgestank seit Augusta (von wo ich, Seume folgend, die Stadt erreichte), Verkehrslärm, menschenfeindliche Wohnblöcke und antike Reste, in denen eher Kommerz als Kultur auffallen. Jetzt schätze ich die heimeligen Winkel auf der Halbinsel Ortygia. Jetzt weiß ich, dass Seume im Papyrus-Dickicht des Flusses Ciane kaum auf Aale gestoßen sein kann. Und dass es ziemlich gleichgültig ist, auf wessen Spuren reisend man nette Menschen trifft. Hauptsache man trifft sie.

Nachwort

Den höchsten Punkt seiner Reise erreichte Seume auf dem Gipfel des Ätnas. Ich bin ihm gefolgt, so weit das Auto von Nicolosi aus fahren durfte. Ich habe mich mit den übrigen Touristen durch die Souvenir-Buden gedrängt, habe ein Glas Ätna-Honig aus Zafferana gekauft und mich auf die Terrasse einer Bar gesetzt. Mit Blick auf die Seilbahn und den Gipfel, an dessen Rand sie ihre Passagiere trägt, habe ich ein Glas roten Ätna-Weins und den Bericht des Bergsteigers Seume goutiert.

Das Kletterkapitel hat mich literarisch überzeugt. Wie das ganze Buch „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“. Ich freue mich, den tapferen Sachsen über die Lektüre als einen begabten Selbstdarsteller und großen Dichter kennen gelernt zu haben. Wo immer Seume gewesen, was immer er erlebt haben mag: Ich bin ihm dankbar, dass er mich auf eine wunderbare Reise gelockt hat.

Karl Wolfgang Biehusen, 18.11.2002

Der Film "Spaziergang nach Syrakus - Auf Seumes Spuren nach Sizilen" wurde im Auftrag des NDR gedreht und zum Jahrestag des Beginns der Originalreise am 06.12.2001 gesendet.

Zurück