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Spurensuche in Tartu

14.8.2004

Von Karl W. Biehusen

Tartu, seinerzeit Dorpat, gehört zu den Orten, die für Seume-Fans von besonderem Interesse sind, wenn sie ihm (etwa im Jubiläumsjahr 2005) auf seiner Reise folgen wollen Er hätte im „Athenäum an der Embach“ sesshaften werden können, vielleicht gar als Professor.

Als Johann Gottfried Seume im April 1805 zu seiner Nordlandreise aufbrach, reiste er zunächst durch ihm wohl bekannte Länder: In Warschau hatte er als russischer Leutnant 1794 den polnischen Osteraufstand überlebt, hatte anschließend in Riga für General Igelström als Sekretär gedient und war zuletzt in St. Petersburg stationiert gewesen. Dort hatte man ihn spätestens 1796 im Anschluss an eine Dienstreise zurückerwartet, doch Seume war in Leipzig geblieben und konnte später nur mit Mühe eine ehrenvolle Entlassung erwirken. Ohne Pensionsanspruch.

Ein Ruhegehalt zu erwirken war denn auch einer der Gründe, warum er die Reise in die eigene Vergangenheit unternahm. Sie führte ihn bis an den Zarenhof. Unterwegs war er auch in Dorpat. In das heutige Tartu hatte ihn seine Aufgabe als Begleiter eines Leipziger Studenten geführt, dessen Vater dort gestorben war. Fast wäre Seume dort geblieben.

Einen Besuch ist die Stadt im Zentrum des heutigen Estlands allemal wert, das sich erst 1918 zum unabhängigen Staat mit der Hauptstatt Tallinn erklärte. Zu Seumes Zeiten bezeichnete der Begriff Estland eine von mehreren baltischen Provinzen des russischen Reiches – und Dorpat gehörte nicht einmal dazu. „ Die Universitätsstadt Tartu (Dorpat) am Emajogi (Embach) ist die älteste Stadt des alten Livland“, heißt es in einem aktuellen Reiseführer, der auch in aller Kürze die bewegte Geschichte der baltischen Länder aufzeigt. Sie sahen sich im Laufe der Jahrhunderte abwechselnd von Deutschen, Schweden und Russen beherrscht. Die Tartu stand zumindest einmal im Mittelpunkt der Geschichte: Im „Frieden von Tartu“ gestand die Sowjetunion de Estland 1920 den Status eines Freistaats zu. Damit war es 1939, mit dem Hitler-Stalin-Pakt, schon wieder vorbei: Estland wurde zu einer Sowjetrepublik und 1941 besetzten die Deutschen das Land. Erst 1991 gewann das Lands seine volle Unabhängigkeit zurück.

Nicht nur für Seume war Dorpat vor allem als Sitz einer Universität interessant. Ihre Gründung geht auf König Gustav Adolf II. von Schweden zurück, der die „Academia Gustaviana“ 1632 im Feldlager von Nürnberg stiftete. Im nordischen Krieg zwischen Schweden und Russland ging sie unter. 1802 hat Zar Alexander I. (1777 – 1825) sie neu gegündet – und sorgte damit für den Ruf der Stadt Tartu als „Embach Athen“ und „Heidelberg des Nordens“. Drei Jahre später besichtige Seume die Baustelle und fand: „Das akademische Gebäude auf der Anhöhe vor der Stadt, auf dem Grunde der alten Domkirche, wird eine stattliche Erscheinung machen“ und die Bibliothek sei „schon ziemlich zahlreich“. Wie die Sternwarte sich ausnehmen würde, wagte er nicht zu beurteilen („Mein Sommer 1805“, S. 53). Die Universität, die Bibliothek und Sternwarte stehen noch heute.

Sie bildeten zu Seumes Zeiten Inseln in einer Bildungswüste. Eigentlich, so fand schon Seume, sei es ja eher sinnvoll erst das Schulsystem auszubauen und dann Universitäten zu gründen. Aber im Reich des russischen Zaren sei dieser Weg nicht sinnvoll: „Dort müssen die kleinen Schulen erst durch die großen gemacht werden ... Die niederen Schulen werden nie eingerichtet werden und fortkommen, so lange der kleine Bürger und Landmann nicht selbst das Bedürfnis fühlt und das Wohltätige derselben erkennt, und das seinige dazu beitragen kann. Der Adel wird dazu nie etwas tun, ohne zugleich seine eigenen Absichten zu nehmen, wodurch das allgemeine Gute wieder zerstört wird“ („Mein Sommer 1805“, S. 51). Heftig zieht Seume im „Sommer 1805“ gegen den russischen Adel zu Felde, gegen Adelprivilegien und gegen die Leibeigenschaft: „kein Edelmann ist gerecht und vernünftig als solcher; sondern nur in so fern er aufhört es zu sein“ (ebenda).

Der russische Kaiser Alexander I. (1777 – 1825, Zar seit 1801) hat möglicherweise ähnlich gedacht. Der Lieblingsenkel von Katharina II. galt jedenfalls anfangs als Anhänger der Aufklärung. So umstritten seine Ansätze zur Reform des öffentlichen Lebens in seinem Reich auch sein mögen: Mit der Wiederbelebung der Universität von Dorpat/Tartu war es ihm ernst. Er baute dabei nicht auf russische Adelige, sondern eher auf Deutsche wie Friedrich Maximilian von Klinger (1752 - 1831). Dieser Mann hat im Leben von Johann Gottfried Seume eine Rolle gespielt - oder hätte sie spielen können.

Das Schicksal von Friedrich Maximilian von Klinger (1752 - 1831) erinnert teilweise an Seumes Werdegang. Auch er stammte aus eher ärmlichen Verhältnisse, hatte Jura studiert (in Gießen) und war ein dichtender Militär des Zaren (oder militärischer Dichter). Bekannt hat ihn vor allem ein Drama gemacht, mit dem er einer ganzen Literaturepoche ihren Namen gab: „Sturm und Drang“ (Uraufführung 1776). Damit hatte er zwar einen Gegenentwurf zur Aufklärung geliefert, in deren Tradition sich Seume sah, aber persönlich scheinen sich die beiden Dichter gut verstanden zu haben.

Als Seume seinen Kollegen Klinger in St. Petersburg kennen lernte, war dieser als Generalmajor Direktor eines Kadettenkorps und kam just aus Dorpat angereist. Dort verwaltete er als Kurator das Schulwesen und die neue Universität. Es war wohl Klinger, der die Bemühungen des russischen Ex-Leutnants Seume um eine Pension mit dem Angebot einer Wiedereinstellung in den öffentlichen Dienst beantwortete: „In Russland wollte man mich zum Hofrath machen mit 2500 Rbl. Gehalt, oder mir eine Companie geben oder mich sonst anstellen“ wie Seume später in einem Brief an seinen Freund Karl von Münchhausen schrieb (Brief Seume an Münchhausen, ca. November 1806).

Aber Seume mochte sich „nicht mehr in das Unwesen der sogenannten Welt einlassen“ (beschäftigte sich lieber mit den alten Griechen („lebe lieber von nichts unter den Todten, mit denen ich mich besser vertrage“) - und lehnte das Angebot ab (ebenda). Bald darauf erkrankte der Dichter so schwer, dass er schließlich den erfolgreichen Kollegen erneut bat „meine Sache dem Kaiser vorzutragen“ (Brief an Klinger im Mai 1809). Mit „größtem und innigsten Bedauern“ antwortete Klinger: „Ich kann nichts hierbey thun ...“ (Brief an Seume vom 22.06.1809). Wäre Seume doch nur, erinnert Klinger nicht ganz taktvoll, im Jahre 1805 auf seine Vorschläge eingegangen.

Karl Wolfgang Biehusen 

Quellen

Johann Gottfried Seume: „Mein Sommer 1805“, Frankfurt am Main 2002
Jörg Drews und Dirk Sangmeister (Hg.): Seume Briefe, Frankfurt am Main 2002
Marco Polo-Reiseführer „Baltikum“, Ostfildern 2000

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