Der Mann selber

Seume - der Loser aus Leipzig

"Die geheime Geschichte der sogenannten Großen ist leider meistens ein Gewebe von Niedertracht und Schandtaten": Wer solche Sätze schreibt, kann kaum auf eine glanzvolle Laufbahn im öffentlichen Dienst hoffen und bekommt auch als Publizist Probleme. Das gilt auf alle Fälle für die reformfeindlichen Länder in Europa um 1800. Johann Gottfried Seume (1763-1810) hat trotzdem, aber meistens vergeblich, den Erfolg gesucht. In der Wissenschaft, beim Militär, als Schriftsteller und als Liebhaber.

Doch Seume hatte Freunde. Die Dichter Gleim, Wieland und Schiller, der Maler Schnorr von Carolsfeld sowie der Verleger Göschen gehörten dazu. Sie achteten ihn als zwar schroffen und manchmal wunderlichen, aber aufrechten und wahrheitsliebenden Deutschen und Aufklärer, zähen Wanderer, treuen Freund, vorbildlichen Erzieher und als kompetenten Sprach-Lehrer (Englisch, Französisch, Griechisch, Latein).

Zwei Jahrhundertwenden später ist Seume für viele Menschen wieder aktuell. Beispielsweise als Wanderer und kritischer Reiseschreiber. Und er erregt unsere Neugier. Schon weil der unangepasste Querdenker in kein gängiges Klischee paßt: Ein Republikaner, der die Privilegien von Kirche und Adel bekämpft aber seine Hoffnung in aufgeklärte Monarchen setzt. Ein Mann aus dem Volk, der Freiheit, Gleichheit und Recht für alle fordert - und als Soldat zwei Mal (in Amerika und Polen) auf der falschen Seite stand. Ein Visionär der seine Ideale vertritt, auch wenn seine Idole versagen (Napoleon verrät die französische Revolution, Fürsten verraten die deutsche Nation). Seume macht Mut. Als Verlierer, der sich seinen Stolz bewahrt

K. W. Biehusen