Seumes Sommerreise

Nach seinem legendären „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ hat Johann Gottfried Seume etliche kürzere Reisen unternommen. Aber nur eine, die sich bezüglich ihrer Länge mit dem „Spaziergang nach Syrakus“ vergleichen lässt. Sie führte ihn 1805, von Ende März bis in den September, rund um die Ostsee, durch Polen, Rußland und Skandinavien. Ein Abstecher führte ihn nach Moskau und nach St. Petersburg, wo er die Zarenmutter Marie Sofie Fjedorowna traf.

Diese Reise fand ihren literarischen Niederschlag in dem Bericht „Mein Sommer 1805“. Er erschien 1806, ohne Angaben zum Verleger und wurde umgehend in etlichen Ländern verboten, unter anderem in Russland. Die Verbote hatte er sich, seiner eigenen Ansicht nach, mit der harschen Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in Polen, Rußland und Deutschland eingehandelt.

Dass der Reisebericht unvergessen blieb, liegt vermutlich vor allem an dessen Einleitung: in der „Vorrede“ finden wir die meisten jener Aussagen, mit denen sich Seume als überzeugter Wanderer stilisiert hat. Dabei war er, infolge einer alten Fußverletzung, außerstande zum langen Laufen. Immerhin 1.200 von den etwa 5.500 km, die er zu Lande zurücklegte, könnte er erwandert haben, meint sein Biograf Eberhard Zänker (Zänker: Seume, Leipzig 2005, S. 317).

Sinn und Zweck seiner Reise erscheinen rätselhaft. Vermutlich kannte er ihn selber nicht. Schon sein Freund und zeitweiliger Arbeitgeber, der Verleger Georg Joachim Göschen, hatte sich geärgert : „Glauben sie ja nicht, Seume habe eine Absicht bey seiner Reise. Er geht um zu gehen: oder um etwas zu vergehen. Ergehen wird er sich nichts.“ (Wolfgang Griep und Dirk Sangmeister: „Ausflucht in den Norden“, Eutin 2004, S. 49). Der Anlass dürfte, wie schon beim Spaziergang, ein persönlicher gewesen sein: wieder fühlte er sich von einer Frau verraten. Genutzt hat Seume die „Ausflucht“, um alte Bekannte aus seiner Zeit als Leutnant des Zaren zu besuchen. Und vielleicht, um mit ihrer Hilfe endlich eine feste Anstellung zu erwirken. Oder eine Pension.

K. W. Biehusen