5.3.2009
Jörg Drews ist am 04. März 2009 gestorben
Erste Reaktionen
Karl Wolfgang Biehusen


Donnerstag, 05. März 2009. In meiner Mailbox liegt eine bestürzende Nachricht vom Vorstand der Seume-Gesellschaft: Jörg Drews ist tot, der Gründer und Vorsitzende der Gesellschaft. Ein Telefonat und ein Blitzrecherche im Internet später steht fest: Jörg Drews, geboren 1938, ist am Mittwoch, 04.03.2009 in Bielefeld, in seiner Wohnung an Herzversorgen gestorben. Wer jemals mit ihm Kontakt hatte – und das waren beileibe nicht nur Seumefans – ist erschüttert: Dieser Mann hat nicht nur als Literaturwissenschaftler eine Lücke hinterlassen, die zu schließen schwer fallen wird. So bleibt der unermütliche "Netzwerker" im Literaturbetrieb unersetzbar. In Erinnerung bleibt er auch als begeisterter und begeisternder Vermittler der Werke von Autoren, die ohne seinen Einsatz womöglich geringere Akzeptanz gefunden hätten, etwa Arno Schmidt und Walter Kempowsky.

Seine Angehörigen und Freunde werden ihn aus den relevanteren, privaten Gründen vermissen.
Ihnen gilt in diesem Augenblick mein Beileid.
Karl Wolfgang Biehusen (seume.de)


E-Mail des Vorstands der Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft zu Leipzig e.V. vom 05.03.2009
Liebe Mitglieder und Freunde der Seume-Gesellschaft!
Perfer et obdura hat Jörg Drews mit Seume zu einem Lebensprinzip gemacht und er hat es wunderbar beherrscht.
Wir müssen Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass der ewig jung gebliebene Jörg Drews für uns alle überraschend und unfassbar in der Nacht vom 3. zum 4. März 2009 verstorben ist.
Ein wenig fühlen wir uns an Wielands Schmerz bei Seumes Tod erinnert, wenn wir spüren, was wir verloren haben:
[Er hat] mein ganzes Herz auf immer gewonnen; so daß es mir unmöglich war, einer leisen Ahnung, daß wir uns nie wieder sehen würden, nur einen Augenblick Gehör zu geben. […] Daß sein Verlust für mich unersetzlich ist, ist das Wenigste: die Menschheit hat an ihm eine ihrer größten – leider! unerkannten Zierden verloren!“ (Wieland an Böttiger, 21.6.1810)
Jörg Drews‘ Leidenschaft für die Literatur, seine Brillanz und Klarheit im Denken und Schreiben, seine Liberalität und seine Humanitätwie Seume es nennen würde werden uns sehr fehlen.
Wir danken Jörg Drews für sein unbeschränktes Engagement und seine großartigen Leistungen für Johann Gottfried Seume und hoffen, dass Sie uns in seinem Sinne weiter bei der Erforschung des unermüdlichen Wanderers und der Erinnerung an sein Werk zur Seite stehen werden.
Mit herzlichen Grüßen
Der Vorstand
Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft zu Leipzig e.V.

Das P.E.N. Zentrum Deutschland hatte schon zuvor in seinem Internetauftritt gemeldet
Im Alter von 70 Jahren ist gestern der Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker Jörg Drews in Bielefeld an einem Herzversagen gestorben. Drews war jahrzehntelang für die "Süddeutsche Zeitung" tätig, 1974 bis 2003 war er Professor an der Universität Bielefeld. Dem P.E.N.-Zentrum Deutschland diente er einige Jahre als Mitglied seines Präsidiums. Jörg Drews war als Wissenschaftler wie als Kritiker ein Modernist. Er stand H.C. Artmann und Ernst Jandl so nahe wie James Yoyce oder Arno Schmidt und war zugleich bis zuletzt für die Johann Gottfried Seume-Gesellschaft tätig. Kaum jemand hat wie er seine Wissenschaft wie seinen journalistischen Spürsinn in den Dienst der literarischen Moderne gestellt.
Für das P.E.N.-Zentrum Deutschland
Herbert Wiesner

Die Nachrichtenagentur dpa reagierte umgehend
Unter der Überschrift "Literaturkritiker Jörg Drews gestorben" erinnert sie u.a. an seine Bedeutung als:
- Literaturkritiker,
- langjährige Redakteur der "Süddeutschen Zeitung",
- Professor an der Universität Bielefeld (1974 bis 2003) ,
- führenden Experten über das Schaffen des Schriftstellers Arno Schmidt (1914- 1979),
- Mitarbeiter an Kindlers Literaturlexikon,
- Mitbegründer des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie,
- Jury-Vorsitzender des renommierten Hörspielpreises der Kriegsblinden,
- zeitweiliges Mitglied im Vorstand des PEN-Zentrums Deutschland.

Zitate aus Nachrufen:
- Literatur, so konnte man lernen, war nur wichtig, wenn sie aufs Ganze ging.
- Was immer er schrieb, es war anschaulich und klar, weit entfernt von der Verquastheit, die literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen gelegentlich eigen ist.
- Sein enzyklopädisches Wissen, seine Genauigkeit und seine Begeisterungsfähigkeit werden uns fehlen.

Wer Jörg Drews als „Seume-Papst“ kannte, greift jetzt im Bücherregal nach den Werken, die er verfasst oder herausgegeben hat:
]örg Drews, geb. 1938, seit 1973 Professor für Literaturkritik und Literatur des 20. Jahrhunderts an der Universität Bielefeld. Studierte in Heidelberg, London und München, promovierte 1966. Publikationen zu Arno Schmidt, Herbert Achternbusch, Gerhard Ruhm, Walter Serner, Johann Gottfried Seume u.a. Herausgeber der Ausgabe von Seumes Werken und Briefen (zusammen mit Inge Stephan) im Deutschen Klassiker Verlag, Frankfurt/M.
Zitat aus: Jörg Drews (Hrsg.): „Wo man aufgehört hat zu handeln, fängt man gewöhnlich an zu schreiben“, Johann Gottfried Seume in seiner Zeit, Bielfeld 1991.

JÖRG DREWS, Professor für Literaturkritik und Literatur des 20. Jahrhunderts an der Universitä Bielefeld, veröffentlichte 1991 den Materialienband „Wo man aufgehört hat zu handeln, fängt man gewöhnlich an zu schreiben.“ Johann Gottfried Seume in seiner Zeit (Bielefeld: Aisthesis) und 1993 zusammen mit Sabine Kyora Seumes Werke in zwei Bänden (Frankfurt/M: Deutscher Klassiker Verlag). Gemeinsam mit Dirk Sangmeister Herausgeber von Johann Gottfried Seume: Briefe (Frankfurt/M. 2002). Arbeitet zur Zeit an der Edition des Originaltextes von Seumes Mein Leben.
Zitat aus: Jörg Drews (Hg.): Seume: „Der Mann selbst“ und seine „Hyperkritiker“. Bielefeld 2004.
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