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Er sei, erzählt Johann Gottfried Seume, in Bremen desertiert (1). Er habe sich (es müsste 1783 gewesen sein) „am hellen lichten Tage unter ziemlicher Gefahr“ von dem Schiff entfernt, in dem die Soldaten aus Amerika zurück nach Hessen befördert wurden, die im Solde der englischen Krone (vergeblich) ausgezogen waren, den Aufstand der britischen Ex-Kolonien niederzuschlagen. Was Seume im Zusammenhang mit dieser Desertion überliefert hat, ist fragwürdig.
Die Recherche in hessischen Archiven hat bereits Inge Auerbach zweifeln lassen, dass Seume seine Abenteuer als hessisch/englischer Söldner der Wahrheit gemäß überliefert hat (2). Fragwürdig bis falsch ist auch die konkrete Schilderung seiner Flucht aus Bremen, so wie sie Seume selbst (im ersten Teil seiner Autobiographie) darstellt und wie sie indirekt, aufgrund seiner Erzählungen, Georg Joachim Göschen in der Fortsetzung des Berichts überliefert hat, den Seume vor seinem Tode in Teplice nicht vollenden konnte. Im Grunde verblüfft vor allem die Tatsache, dass sich bisher kein Exeget seumischer Texte die Mühe machte, Seumes Angaben an objektiven Fakten zu messen: selbst Göschen, der aus Bremen stammte, hat unkorrekte Angaben über die Grenzen und Grenzflüsse der selbständigen Hansestadt Bremen (seinerzeit eine freie Reichsstadt, heute ein Bundesland) ungeprüft übernommen.
Die Recherche vor Ort beginnt bei der Haltestelle „Franziuseck“ der Bremer Straßenbahn (Linie 1) in der Mitte der „Wilhelm-Kaisen-Brücke“, die Bremens Altstadt (am rechten Weserufer) mit Bremens Neustadt (am linken Weserufer) verbindet. Wer hier aussteigt, befindet sich auf einer Halbinsel – und findet rasch ein Denkmal für Johann Gottfried Seume. Auf der Vorderseite der Stele kann man den „Deserteur“ auf einer Plakette westwärts, also zur Neustadt, schauen sehen. Auf der Rückseite ist vermerkt: "1783 wurde der Dichter auf seiner Flucht von Bremer Bürgern gerettet".
Dieses Seume-Denkmal (eines von Dreien neben einer Büste in Teplice und einer Gedenktafel in Seumes Geburtsort Poserna) wurde 1963 unweit des Platzes aufgestellt, an dem der Heimatdichter und -forscher Hermann Allmers (1821 - 1902) im Jahre 1864 das Original der Plakette an einem Gebäude des städtischen Bauhofs hatte anbringen lassen (3). Hier, so meinte Allmers, habe sich die abenteuerliche Episode abgespielt, über deren Beschreibung Seume starb. Der Verleger und Seume-Freund Georg Joachim Göschen (1752 - 1828) hat die Autobiographie fortgesetzt - und lag, zumindest was die geographischen Angaben betrifft, falsch.
Johann Gottfried Seume hatte, so viel steht fest, als hessischer Soldat (übrigens: freiwillig, nicht zwangsweise, ist er laut Auerbach in hessische Dienste getreten) auf der Seite der Verlierer am Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner teilgenommen, als sein Schiff ihn und seine Kameraden nach Bremen brachte. Man munkelte zu Recht, der berüchtigte hessische Landgraf werde die Truppe an die Preußen weiterverkaufen. Um diesem Schicksal zu entgehen, sei er bei passender Gelegenheit vom Truppentransporter geflohen, schreibt Seume: "…auf und davon, am Ufer hin, über die Brücke weg, in die Altstadt hinein. Ein guter alter Spießbürger mochte mir doch wohl einige Verwirrung ansehen; er kam freundlich zu mir und fragte: 'Freund! Ihr seid wohl ein Hessischer Deserteur?' Und wenn ich denn einer wäre? sagte ich: Da muß ich Euch sagen, unser Magistrat hat Kartell mit dem Landgrafen' ". Der Bremer habe Zivilicourage bewiesen und sogar Verstärkung gefunden, setzt Göschen den Bericht fort: "Das gutmütige Volk der guten Stadt Bremen drängte sich als eine Schutzwehr um Seume herum und schob gewissermaßen den Fremdling hülfreich zum nächsten Tore hinaus".
So kann sich die Geschichte nicht ereignet haben. Die Flucht "in die Altstadt hinein" wäre an sich kein Problem gewesen, aber wenig hilfreich. Konnte doch der Truppentransporter nur an der „Schlachte“ gelegen habe, an jenem Uferstreifen unweit der Martinikirche, der damals Bremens Hafen darstellte. Und die Schlachte liegt bereits in der Altstadt, man muß sie sich nicht erlaufen. Stromaufwärts, "am Ufer hin", kam und kommt man zu einer Weser-Brücke (es war damals die einzige in Bremen). Die „Wilhelm-Kaisen-Brücke“ führt jeden, der wie Seume das Oldenburger Land im Westen anstrebt, ans andere, linke Weserufer zur Bremer Neustadt. Unterwegs überspannt diese Brücke die Halbinsel, die hier die „große“ von der „kleinen“ Weser trennt und auf der die Seume-Stele steht. Hier endete zu Seumes Zeit die Brücke über die „große“ Weser in einem kleinen Festungswerk, an deren Mauern sich die Menschensperre gut vorstellen lässt. Hier war sie sinnvoll. Leicht versetzt überspannte damals eine zweite Brücke die „kleine“ Weser, als Verbindung zur Neustadt.
Über diese, zweite, Brücke muss Seume ("ein trefflicher Läufer") nach dem Zwischenfall mit den tapferen Bremer Bürgern um seine Freiheit, wenn nicht um sein Leben gerannt sein. Durch die Strassen der damals dünn besiedelten Bremer Neustadt rannte er "wie ein Pfeil" in westliche Richtung, um das neutrale Gebiet des Großherzogs von Oldenburg zu erreichen. Der Fürst hatte kein „Kartell“, war nicht verbündet – weder mit den Bremern, noch mit den Preussen. Seumes Verfolger freilich waren offenbar auch nicht schlecht zu Fuß: Die Hessischen Jäger seien dem Flüchtling immer hart auf den Fersen geblieben, schreibt Göschen: sie "trieben ihn endlich in einen Sack zwischen den beiden Flüssen der Hunte und der Weser." Diese Angabe ist falsch, aber der Fehler ist erklärbar.
Den Fluss „Hunte“ gab und gibt es zwar, er durchquert die Residenzstadt Oldenburg, windet sich durch das flache Oldenburger Land und mündet tatsächlich in die Weser – aber viele Kilometer flußabwärts von Bremen und dem Ort von Seumes Abenteuer, bei dem Städtchen Elsfleth. Göschen, wohl Seume folgend, verwechselte die Hunte unzweifelhaft mit dem Fluss „Ochtum“. Dieser Fluss, eher ein Flüsschen, markierte tatsächlich die Grenze der Hansestadt Bremen zum Großherzogtum Oldenburg – und zwar in der Gegend, in der sich Seumes Flucht abgespielt haben muss. Er dürfte eine Straße unter die Füsse genommen haben, die jetzt „Friedrich-Ebert-Straße“ heißt und würde in deren Verlängerung heute in den bremischen Stadteil Grolland geraten. Er erinnert in seinem Namen an das einst hier gelegene „Gut Grolland“, das bis 1803 tatsächlich nicht zur Hansestadt gehörte, sondern zu Oldenburg.
Dieses Gelände, in dem sich Seume sicher vor seinen Verfolgern wähnen konnte, bildete zur Zeit seiner Flucht eine Art Oldenburger Bucht in bremischem Gebiet, zwischen der Neustadt und der Bremer Landgemeinde (heute dem Stadtteil) „Huchting“ - und darf daher getrost als Ursprung des immer wieder zitierten Begriffs "Sack" (siehe oben: „… trieben ihn endlich in einen Sack …“) gelten. Der Winkel zwischen der Flussmündung der Ochtum (die Hunte kommt, wie gesagt, gar nicht in Frage) und der Weser kann bei der Verwendung dieses Begriffs nicht gemeint sein: auch die Ochtum mündet viel weiter nordwestlich (wenn auch nicht so weit entfernt, wie die Hunte) in die Weser – , bei der Ortschaft Lemwerder, auf Oldenburger Gebiet, weit weg von Bremens damaliger und aktueller Grenze.
Noch vor dem Erreichen Grollands, stellte sich Seume und seine Verfolger (und heutigen Spurenlesern) ein Problem: der Grenzfluss Ochtum. In seiner aktuellen Form würde das seichte Rinnsal einen Flüchtling in Lebensgefahr nicht zögern lassen, nasse Hosenbeine für die wenigen Schritte in die Freiheit zu riskieren. Ein Ruderboot hingegen würde, quer zum träge fließenden Wässerchen gestellt, vermutlich dessen beide Ufer gleichzeitig berühren. Seumes Biograph Göschen unterstellt den hessischen Häschern gleichwohl die Hoffnung, hier könnte Seume "ihnen nicht entspringen, und er selbst hielt sich für verloren: denn, wollte er sich ins Wasser stürzen, so tötete ihn, den durch und durch Erhitzten, der Schlag; blieb er stehen, so war er das Opfer seiner Flucht.“ Zum Glück habe Seume in einem Weidenbusch am Ufer der Ochtum (bei Seume/Göschen: Hunte) einen Fischerkahn gesehen und sei hineingesprungen: „Der mitleidige Fischer, welcher der Menschenjagd zugesehen hatte, hieß ihn, sich gleich auf den Boden niederlegen, und stieß augenblicklich vom Land ab. Nun kamen auch die Jäger und schossen; aber die Kugeln flogen über das Schiff, und der gleichmütige Schiffer arbeitete ruhig durch die Gefahr, bis er glücklich das jenseitige Ufer erreichte".
So unwahrscheinlich nach der Ortsbesichtigung der überlieferte (und ebenfalls oft zitierte) letzte Teil der Flucht Seumes aus Bremen auch erscheint: Es ist durchaus möglich, dass er dennoch wie geschildert verlief - die inkorrekte Nomenklatur der Flüsse und die Fehlinterpretation des Begriffes „Sack“ ungeachtet. Denn zur Tatzeit 1783 mäanderte der Grenzfuß Ochtum noch unkanalisiert durch die sumpfige Marschlandschaft. Vielleicht war er ja, damals und gerade dort wo Seume ihn erreichte, breiter und tiefer als gegenwärtig. Immerhin überspannt noch heute eine Fußgängerbrücke auf Seumes mutmaßlichem Fluchtweg vorsorglich eine breitere Zone, als eigentlich für die Überquerung des schmalen Flüsschen nötig wäre. Nach heftigen Regenfällen konnte der Einsatz eines Bootes zu seiner Überquerung womöglich sinnvoll sein – und wäre es ohne Brücke vielleicht noch immer.
Festzustellen bleibt, dass die Einsätze der Bremer und des Fischers – wie immer sie verlaufen sein mögen - letztlich vergeblich waren. Und daran trug Seume selber Schuld. Er versäumte es offenbar, sich Zivilkleider zu besorgen, verließ Oldenburg einige Tage nach den geschilderten Ereignisse in seiner hessischen Uniform, wurde von preußischen Soldaten als Deserteur identifiziert und an die Nordseeküste verschleppt, nach Emden, der Hauptstadt des an das Großherzogtum Oldenburg grenzenden preußischen Ostfrieslands. Erst vier Jahre später, nach etlichen vergeblichen Fluchtversuchen, entkam Seume (die Kaution freundlicher Bürger mißbrauchend) nach Leipzig.
Man kann Seumes Bremer Episode als Prahlerei eines kleinen Mannes werten, der sich gerne groß und mutig gebend von Fakten nicht irritieren ließ. „Aber es spricht manches dafür, Mein Leben nicht als Autobiographie mit dem Anspruch auf relativ wahrheitsgetreue Schilderung tatsächlichen Begebenheiten, sondern als Tendenzliteratur im Gewande von Lebenserinnerungen, als literarische Fiktion, zu interpretieren“, schreibt Inge Auerbach. Als Seume seine „Flucht“ beschrieb, ging es ihm womöglich um nicht mehr und nicht weniger, als um die Illustration der Schrecken des Menschenhandels im Zeitalter des Absolutismus. Seine Rezipienten sind es womöglich, die den Text fehlinterpretieren, wenn sie ihn als simple Wiedergabe banaler Tatsachen lesen.
Fußnoten: 1. Johann Gottfried Seume: Mein Leben. Nebst Fortsetzung von G.J. Göschen und C.A.H. Clodius. Hier Jörg Drews (Hg.), Stuttgart 1991 (Reclam jun.)
2. Inge Auerbach: Seume und die Hessen. In Jörg Drews (Hg.): Seume: „Der Mann selbst“ und seine Hyperkritiker, Bielefeld 2004. Die Autorin liefert u.a. Indizien für die Annahme, dass Seume absolut freiwillig hessischer Soldat geworden ist und seinen Dienst zwar auf illegale Art und Weise, aber nicht heimlich beendet hat - sondern mit der Unterstützung seiner Vorgesetzten.
3. Karl Wolfgang Biehusen: "Ah das ist Seume" - Drei Männer und ein Denkmal, www.Seume.de (Beitrag vom 27.10.2003)
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