7.7.2006
Fast wie Seume: Ludwig Renn
Literaturtipp
von Karl W. Biehusen


Einen Sommer lang, schreibt Ludwig Renn in seinem Bericht „Zu Fuß zum Orient“, habe er hart auf einem Bauernhof gearbeitet. „Aber was willst du (nun) tun?" fragt sein Kollege Artur: „Etwas, wovon ich selbst weiß, daß es dumm ist“, antwortet Renn und verrät, wie er den Entschluß zum Weg zu sich selber (der überwiegend ein Fußweg sein sollte) vertreten würde:

So werde ich den Leuten erzählen, ich wollte einen Spaziergang nach Syrakus ma-chen. Das werden sie als Sport auffassen und richtig finden. Dabei ist es nicht einmal originell. Das hat schon einer gemacht, Johann Gottfried Seume. Er gehörte zu denen, die eine Freiheit erstrebten, die im damaligen Deutschland der Fürstenherrschaft nicht erreicht werden konnte. Als er für seinen Freund, den Verleger Göschen, Korrekturar-beiten beendet hatte, wollte er dem nicht weiter auf der Tasche liegen und stiefelte los. Artur lachte. "Fast wie bei dir“.

Aus: Ludwig Renn: Zu Fuß zum Orient; Ausweg, Berlin und Weimar, 1981 (Aufbau-Verlag, Dritte Auflage). Erste Auflage dieser Ausgabe: 1968. Erstausgabe Zu Fuß zum Orient: 1966. Erstausgabe Ausweg: 1967.

Arnold Friedrich Vieth von Golßenau (Pseudonym: Ludwig Renn), wurde 1889 als Sohn eines Professors und Prinzenerziehers in Dresden geboren. Er fühlte sich wie Seume zum Militiär und zur Schriftstellerei berufen. Er starb 1979 als überzeugter Kommunist, Ehrendoktor, Professor und Schriftsteller in (Ost-)Berlin. Vieth/Renn diente in drei Lebensphasen als Offizier:Im ersten Weltkrieg beim Königlich sächsischen Leibregiment, in der Weimarer Republik bis zum Kapp-Putsch bei der Sicherheitspolizei und im der spanischen Bürgerkrieg als Bataillonsführer und Brigade-Stabschef der internationalen Brigade. Er studierte National-ökonomie, Kunstgeschichte sowie die Werke von Marx und Lenin, unternahm viele Reisen, überlebte deutsche und französische Gefängnisse sowie das „Dritte Reich“ (in Mexiko, als Professor für europäische Sprachen und Geschichte). Er engagierte sich politisch zwischen den Weltkriegen in der KPD und später in der SED. Er war von 1969 bis 1975 Ehrenpräsident der Deutschen Akademie der Künste in Ostberlin, verfasste Kinderbücher sowie politische, militärhistorische und autobiographische Schriften.

Renns autobiographische Werke Krieg (Frankfurt am Mai, 1928) und Nachkrieg (Wien/Berlin, 1930) schafften die Aufnahme in „Kindlers Neues Literaturlexikon“ (München, 1988): „[...]Erweist sich Krieg als Bestandsaufnahme der typischen Erfahrungen einer ent-täuschten Frongeneration, so zeichnet Nachkrieg beispielhaft den Weg vieler desorientierter Kriegsheimkehrer in die Politik [...]“.

Im Klappentext des Renn-Buchs, aus dem das oben notierte Zitat stammt (es enthält „Zu Fuß zum Orient“ und „Ausweg“) steht geschrieben: „Es ist eine beschwerliche, entbehrungsreiche Bildungsreise, die Arnold Friedrich Vieth von Golßenau 1925 bis 1927 unternimmt. Durch Italien geht der Weg nach Griechenland, von dort nach Konstantinopel, Kairo, Alexandria und zurück über Sizilien nach Deutschland. Er besucht mittelalterliche Paläste, prunkvolle Dome, antike Tempelbauten, weltabgeschiedene Klöster, jahrhundertealte Moscheen und verschließt seine Augen doch nicht vor der Armut und dem Elend der Bauern und Landarbeiter, die er auf seinen Wanderungen trifft. - Dieses Buch ist mehr als ein Reisebericht: Es enthält die genaue Darstellung eines Lebensabschnittes, an dessen Ende, im Spätsommer 1927, Ludwig Renns endgültiges Bekenntnis zur Arbeiterklasse und zur Kommunistischen Partei steht.“

Aus "Obolen", Mitteilungen der Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft zu Leipzig e.V; Ausgabe 1/2006,

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