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Wahrheitsliebend: Wenn sie den Charakter des Publizisten Johann Gottfried Seume (1763-1810) auf einen Punkt reduzieren wollen, dann fiel (und fällt) seinen FreundInnen und VerdeigerInnen am ehesten diese Eigenschaft ein: Wahrheitsliebend. "Es war leicht, in ihm eine feinfühlige Seele voller Menschliebe zu entdecken wie den Enthusiasten für die Wahrheit", schrieb schon die Zaren-Mutter Maria Sofie Feodorowna, die ihn 1805 in St. Petersburg kennen gelernt hatte (Brief an Wieland vom 11.01.1811, zitiert nach der Biographie von Pla-ner/Reißmann, Leipzig 1898, S. 685).
Es gibt KritikerInnen, die Seume ganz anders beurteilen, nämlich als ausgebufften Lügner. Was sie so plump allerdings nie behaupten würden. Zumindest nicht schriftlich. Eher schreiben sie von „Selbststilisierung“ eines „geltungssüchtigen kleinen Mannes“, den Wahrhaftigkeit weniger interessierten als Wirkung. So sei es ihm bei seinem Hauptwerk, „Spaziergang nach Syrakus“ wesentlich darum gegangen, „sich durch ein auffälliges Werk auch als Person auf dem literarischen Feld seiner Zeit zu positionieren, wozu er in jeder Hinsicht auffällig, daher originell sein mußte“. Andererseits sei es schon eine beachtliche Lebensleistung, sich „auf der Basis kühner Missachtung von Fakten und Wahrhaftigkeit ausgerechnet als moralische Instanz zu etablieren".Diese Zitate stammt aus Vorträgen, die im Jahr 2002 (zweihundert Jahre nach dem „Spaziergang“) auf Colloquien der „Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft zu Leipzig e.V.“ in Leipzig und auf Sizilien gehalten wurden. Sie sind, zumeist in überarbeiteter Form, 2004 im Aisthesis Verlag (Bielefeld) erschienen.
Jörg Drews (Hg.): Seume: „Der Mann selbst“ und seine „Hyperkritiker“, Vorträge der Colloquien zu Johann Gottfried Seume in Leipzig und Catania 2002, Bielefeld 2004. 410 Seiten. Preis (geb.) 34,80 Euro (ISBN 3-89528-440-8).
Der Herausgeber Jörg Drews, der derzeit führende Forscher des Werkes von J. G. Seume, konstatiert im Vorwort: „Es steht wesentlich vertrackter um Werk und Charakter Seumes, als wir vor wenigen Jahren noch gedacht hätten“ und wundert sich hoffnungsvoll über das Paradox „daß dieses seltsam undurchsichtige Leben und Selbstporträt und dieses Werk ... uns dennoch zu faszinieren nicht aufhört.“ Tatsächlich hat sich in dem Sammelband nicht nur das Interesse von Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und Italien an dem „Spätaufklärer“ J. G. Seume niedergeschlagen. Er fasziniert offenbar auch Wissenschaftler in Frankreich und den USA.
Mit ähnlicher Verblüffung (und demselben Gewinn) liest sich auch eine Neuerscheinung der Eutiner Landesbibliothek zum Thema Seume:
Eutiner Landesbibliothek: Ausflucht in den Norden - Über Johann Gottfried Seumes Reise im Sommer 1805, Zwei Beiträge von Dirk Sangmeister und Wolfgang Griep, Eutiner Bibliothekshefte Band 8, Eutin 2004. 103 Sei-ten. 9,00 Euro (ISBN 3-9808529-6-2). So hat Wolfgang Griep Seumes Bericht von seiner Nordlandreise aufschlussreich gegen den Strich gebürstet. Nicht so sehr, was Seume in „Mein Sommer 1805“ explizit schrieb hat ihn interessiert, als was er dem Leser vorenthält – und warum. Als Leiter der „Forschungsstelle zur historischen Reisekultur“ der Eutiner Landesbibliothek und als ausgewiesener Seume-Kenner standen Griep die Werkzeuge für die Wühlarbeit zur Verfügung, um nicht nur zahlrei-che einzelne Funde (und Befunde) zu Tage zu fördern. Er hat drei ungeschriebene aber durchgehende Subtexte rekonstruiert. Zwei seien hier verschwiegen: "Der dritte Subtext war existentiell. Sein Name war Angst"“.
Dirk Sangmeister hat im Detail noch tiefer in Winkel geleuchtet, die Seume im Dunklen ließ. Sangmeisters Beitrag in dieser Schrift ist vorwiegend ein Resultat seiner intensiven For-schungen in der Bibliothek der Universität von Tartu (Dorpat). Im Zuge seiner Recherchen für den dritten Band der Seume-Werkausgabe (Seumes Briefe, Deutscher Klassiker Verlag, Köln 2002) hat er u.a. den dort gehüteten Nachlass des Professors und Bibliothekars Karl Simon Morgenstern (1770-1852) gesichtet und vor dem Hintergrund seiner profunden Seu-me-Kenntnisse ausgewertet. So hat Seume offenbar etliche seiner Werke nach Dorpat geschleppt und trat dort als „reisender Rhetor“ auf. Warum steht nichts davon in dem Reisebe-richt „Mein Sommer 1805“?
Das Bändchen aus Eutin ist Jörg Drews gewidmet. Genauso wie ein weitere Sammelband von Einzelbeiträgen:
Sabine Kyora/ Axel Dunker/ Dirk Sangmeister (Hgg.): Literatur ohne Kompromisse. ein buch für jörg drews. Bielefeld 2004. 468 Seiten. Preis (geb.) 24,80 Euro. (ISBN 3-89528-446-7).
Seume-Fans kennen Dr. Drews als Literaturwissenschaftler und als Seume-Papst mit Pro-fessur an der Universität Bielefeld. Immerhin sitzt er der „Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft zu Leipzig“ vor und hat etliche Bücher von und über Seume herausgegeben. Vielleicht kennen sie ihn auch als ehemaligen Redakteur und aktuellen Mitarbeiter der „Süd-deutschen Zeitung“. Aber auch die Fans von Arno Schmidt sind ihm verbunden: Jörg Drews ist Mitglied des Arno-Schmidt-Dechiffriersysidakts und Herausgeber des „Bargfelder Bote(n)“. Seit 2003 darf er sich „Emeritus“ nennen. Anlass genug, ihm das eine oder andere Buch zu widmen.
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