|
VERGIL RETTET EINEN DESERTEUR
In Emden hatten sie einen Deserteur eingebracht: Der Kerl, erst vor kurzer Zeit beim Vagabundieren aufgegriffen, war als gemeiner Soldat in die preußische Garnison des großen Friedrich gesteckt worden, obwohl er vorgegeben hatte, ein hessischer Sergeant zu sein. Nun war der Mann, der sicher schon einmal desertiert war, wieder ausgerückt, hatte sich aber bei Nacht und Nebel verlaufen und war vor den Toren der nach ihm, ausgesandten Patrouille geradenwegs in die offnen Arme gelaufen. Das Kerlchen war kaum zwanzig Jahre alt, brach fast zusammen, als man ihn in die kalte, nach Tabak duftende Wachtstube hineinstieß. Man lachte: es würde nicht schwer sein, dies Männlein beim Spießrutenlaufen zusammenzuhauen.
Der Bursche zitterte vor Kälte und Scham. Er sah sich um. Neben der Tür hing eine kleine schwarze Tafel. In einem Kästchen ein Stück Kreide. Er nahm sie und schrieb mit schönen Buchstaben an die Tafel:
Tu ne cede malis, sed contra audentior ito!
Und darunter schrieb er die deutsche Übersetzung: Wenn das Geschick dich bedrängt, erhebe dich nur um so kühner!
Ihm war's, als habe er das Seine getan; möge nun kommen, was da wolle.
Ein Leutnant kam: "Wer hat das da geschrieben?" - "Der Deserteur, Herr Leutnant!" – „Schafft ihn:, ins Gefängnis. Am Nachmittag ist Kriegsgericht!" - "Jawoll, Herr Leutnant!"
A m. Nachmittag stand der Verbrecher vor seinen Richtern. Vor ihnen lag die Tafel, auf der die seltsamen Verse standen. Denn die meisten der Richter konnten ja kaum anständig lesen und schreiben. Aber der Hauptmann hatte früher einmal Latein gelernt, und diese 'Worte waren wahrhaftigen Gotts Lateinisch.
Der Deserteur wurde vorgeführt. "Was Er da geschrieben hat, das sollen wohl Verse sein?" herrschte ihn der Hauptmann an.
"Es sind Verse", antwortete der Delinquent. " „Man könnte meinen, es sollten Hexameter sein." "Es sind Hexameter", war die Antwort. "Jedenfalls sind sie schlecht gebaut." "Im Gegenteil, sie sind ohne Fehler."
Der Hauptmann ereiferte sich und setzte dem armseligen Deserteur vor dem Kriegsgericht einer friderizianischen Garnison auseinander, wogegen sich sein Tadel richte. Es dürfe nicht heißen: Wenn das Geschick dich bedrängt...; sondern: Wenn das Geschick dich bedränget, erhebe dich nur um so kühner! Denn im Hexameter sollten auf jede betonte Silbe zwei unbetonte Silben folgen.
Dies sei ein Irrtum, beharrte das Kerlchen. Der Irrtum liege auf seiten des Gefangenen, donnerte der Hauptmann. "Dann auf seiten des großen Vergil!" sagte der Soldat spöttisch, zog aus seiner Hosentasche einen zerlesenen Band Vergil und schlug in der Aeneis die Stelle auf, wo die Sibylle von Cumae dem Aeneas seine künftigen Leiden voraussagt und ihn mahnt, je größer die Not, um so kühner das Haupt zu erheben. Er zeigte dabei, daß der Zauber des Hexameters gerade darauf beruhe, daß die Zahl der Senkungen dauernd wechsle. So bei Homer, so bei Vergil, so auch bei seinem eigenen Vers. Die Richter saßen mit offnen Mäulern da, der Hauptmann verstummte. "Erzähl Er, wer Er ist!"
Und der arme Kerl erzählte, er hieße Johan Gottfried Seume, stamme aus Sachsen, sei ein Kenner antiker Bildung, sei, auf seinem Marsch nach Paris von hessischen Werbern gepreßt, zum Soldaten gemacht, von seinem Kurfürsten nach Amerika verkauft worden, von da zurückgeschafft, auf der Heimreise in Bremen entsprungen, nach Oldenburg entwichen, in Emden aufgegriffen und als gemeiner Soldat ins preußische Heer gesteckt worden, aus dem er aus Sehnsucht nach seiner Heimat desertiert sei. Das sei seine Geschichte... Und die Richter waren keine Unmenschen, sahen ein, daß das Schicksal das Kerlchen genug gestraft habe, setzten eine lange Gerichtserkenntnis auf und - begnadigten den deutschen Freund des alten Vergil.
Adolf Peter Paul in: Karl Lerbs (Hg.): Die deutsche Anekdote, Berlin 1944
STRUPPKOPF BEIM HOFRAT
In die Amtsstube der Bibliothek tritt ein Mann in einem blauen, ziemlich veralteten Oberrock, die Stiefel bestaubt, das Haar ungepudert wirr um den Kopf hängend, der Bart kohlschwarz und überreif. Der Mann schaut in einem fort nach dem Fensterplatze des abwesenden Bibliothekars Daßdorf und lehnt sich an den Ofen, hinter dem zwei Aufwärter – echte animali parlanti – sitzen, von denen einer die Frage an den Fremden richtet: „Was will Er denn hier, lieber Mann?“ „Nichts,“ lautet die Antwort. „Nun so vertret’ Er den Leuten hier den Weg nicht.“ Keine Antwort. „Hör Er’s?“ „Ja.“ „Zu wem will Er den eigentlich?“ „Zum Hofrat Daßdorf.“ „Wenn Er beim Hofrat Daßdorf was zu suchen hat, muß Er zu ihm ins Haus gehen. Hier spricht er nur Gelehrte.“ „Nun, so wird’ ich ihn wohl auch sprechen können.“ – Indessen tritt der Bibliothekssekretär Koch herein, der den Unbekannten barsch anfährt: „Was wollen Sie?“ „Mit dem Hofrat Daßdorf sprechen.“ „Das wird sobald nicht angehen, denn dieser unterhält sich eben mit dem französischen Gesandten Herrn von Bourgoing, und das dauert manchmal lange.“ – „Wenn Sie meinen, dass der Hofrat noch lange wegbleibt, so bitte ich indes um eine gute Ausgabe von Aristophanes.“ Koch stutzt. „Haben Sie vielleicht die Ausgabe von Küster zur Hand?“ Koch wird freundlich und will das Buch holen. „Sollte die Küster’sche Ausgabe nicht da sein, so bitte ich um die von Bergler oder Brunck. Die Beckische ist leider noch nicht vollendet.“ Koch wird höflich und will den Fremden eben bitten, mitzugehen und sich selbst eine Ausgabe zu wählen, als Hofrat Daßdorf mit dem französischen Gesandten ins Zimmer tritt und – den fremden Struppkopf mit den Worten umarmt: „Mein teurer Seume! Wie freue ich mich Sie zu sehen! Euer Excellenz erlauben, daß ich Ihnen einen unserer besten Dichter vorstelle.“ Damit führt er Seume dem Gesandten zu, der ihn freundlich bei der Hand nimmt. Koch staunt und die Aufwärter sind versteinert.
Diese Szene soll sich im Frühjahr 1808 in der königlichen Bibliothek von Dresden abgespielt haben. Die Anekdote findet sich auf S. 598 der Seume-Biographie von Oskar Planer und Camillo Reißmann („Johann Gottfried Seume - Geschichte seines Lebens und seiner Schriften“, Leipzig, G. J. Göschen’sche Verlagshandlung, 1889) und stammt nach dieser Quelle aus der Beilage „Einheimisches“ Nr. 22, S. 88 der „Abendzeitung“ von 1826.
|