Rupert Gaderer, M.A. 1999-2004 Studium der Deutschen Philologie an der Universität Wien und Genua (Dipartimento di Lingue e Letterature Straniere Moderne), 2001/2002 Mitarbeit an dem Buchprojekt „Die Nestbeschmutzerin. Jelinek & Österreich“ (Hg. v. Pia Janke, 2002), 2002/2003 Stipendium der Universität Wien für kurzfristig wissenschaftliche Arbeiten im Ausland (Moncalieri/Italien, Centro Interuniversitario di Ricerche sul Viaggio in Italia), 2003 erhalt des Förderstipendiums der Universität Wien für wissenschaftliche Arbeiten, 2004 Abschluss des Diplomstudiums Deutsche Philologie mit einer Arbeit über Johann Gottfried Seumes Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“. 2005-2007 Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Doc-Program) mit einem Dissertationsprojekt über Technik und Literatur um 1800. 2006-2007 Junior Fellowship am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK), Wien.Vorträge und Publikationen zu medientheoretischen und raumtopologischen Aspekten im Werk Johann Gottfried Seumes (Syrakus/Italien 2002, Grimma/Deutschland 2003, Riga/Lettland und Tartu/Estland 2005), Vorträge zur Poetisierung der Naturwissenschaften um 1800 (ÖAW/Wien 2005, Oldenburg/Deutschland 2005) und unter diesem Aspekt zu E. T. A. Hoffmann (Berlin/2006). Seit 2004 vereinzelt Rezensionen zur Gegenwartsliteratur und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen.


25.1.2007
„Ich seh’, ich seh’, was ich selbst nicht seh’.“
Die gedruckte Lüge oder Lügen wie gedruckt?
Von Rupert Gaderer


Der Autor bezeichnet den folgenden Text als “Beitrag zur derzeitigen Diskussion auf www.seume.de“. Tatsächlich wird neuerdings im literaturwissenschaftlichen Diskurs die Glaubwürdigkeit von J. G. Seume hinterfragt. Im Internet hat Albert Meier ihn eröffnet, Volker Rutte hat ihn fortgesetzt. Weitere Beiträge werden folgen – verspricht K. W. Biehusen.


„Ich seh’, ich seh’, was Du nicht siehst.” ist ein altes Kinderspiel, bei dem wahrscheinlich jeder einmal mitgespielt hat. Gespielt kann es fast an jedem Ort werden, die Regeln sind leicht zu verstehen, aber sie müssen eingehalten werden. Und hier liegt schon die Krux der ganzen Sache, mit einem unfairen Partner kann dieses Spiel lähmend, ja geradezu bis ins Unendliche gestreckt werden. „Ich seh’, ich seh’, was ich selbst nicht seh’.“, diesen Sachverhalt kennt natürlich das Gegenüber nicht. Durch dieses Nichtwissen der abgeänderten Spielregel ist das Oppositionsverhältnis von Fiktion und Wirklichkeit, das auf einem stummen Wissen (1) der Opposition von Fiktion und Wirklichkeit basiert, außer Kraft gesetzt.

Der Topos der lügenden Dichter stammt aus dem zweiten Buch Platons Politeia. (2) Hesiod und Homer wird vorgeworfen, dass sie unwahre Erzählungen von grausamen Göttern und weinerlichen Heroen verfasst hätten. Diese Dichter mit ihren Epen.(3) haben nun keinen Platz mehr in der Polis, sie sollen verbannt werden, denn lügende Dichtkunst kann nicht als Erziehungsgrundlage angesehen werden, um moralisch handelnde Wesen hervorzubringen. Hier wird die Brisanz des Fiktionalen sichtbar als eines vor allem anderen Paradigmas, das weit bedrohlicher aufgenommen wird, als das nur inhaltlich Oppositionelle. Die Brisanz der Paradigmenwechsel erklärt die Irritation bei der Planung einer Polis und behält ihre Brisanz innerhalb der derzeitigen Diskussion über Seumes Reiseroman in Briefform bei. Denn Reiseliteratur wird um 1800 fiktional und damit auch selektiv von der tatsächlichen Reise abgekoppelt und literarisiert, da enzyklopädische, aufklärerische und naturwissenschaftliche Reiseberichte sich als Genre automatisiert haben.

Im folgenden werde ich unter diesen Prämissen hauptsächlich auf den Wienaufenthalt von Johann Gottfried Seume eingehen und versuchen zu zeigen, was Seume vorgibt zu sehen, jedoch selbst nicht sehen konnte.

Das Augenpaar des Lektors

In einem Brief, datiert mit dem Juni des Jahres 1798, an Karl Ludwig August Heino von Münchhausen-Oldendorf berichtet Seume seinem Freund, mit dem er während des Kolonialkriegs im nordamerikanischen Halifax stationiert war, über seine Tätigkeit als Lektor und Druckaufseher bei dem Verleger Göschen in Grimma (4) „Literärisch habe ich nichts Neues; denn ich lese nichts, als was aus unserer Druckerey kommt, lese und vergesse es.“ (Seume an Karl von Münchhausen, ca. Juni 1798, S. 174). (5) Seume steht seinem Leseverhalten während der Zeit bei Göschen skeptisch gegenüber, jedoch ist es gerade jenes „Bücher flicken, wie der Schuster Stiefeln“ (Seume an Münchhausen, erste Aprilhälfte 1798, S. 149.), das sich nachhaltig auf seine visuelle Wahrnehmung im Spaziergang auswirken sollte.

Das geborgte Augenpaar Küttners / Die erste Liebhaberin

Neben Klopstocks Werken und Wielands Aristipp betreute Seume unter anderem Moritz August von Thümmels Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785-1786 (6) und Carl Gottlob Küttners Reise durch Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen und einen Theil von Italien 1797, 1798, 1799 (7) während seiner Lektorenzeit bei Göschen. Es wird sich zeigen, dass Seume teilweise mit literarisierten Wahrnehmungen aus den Reiseberichten Thümmels und Küttners in seinem eigenen Reisebericht operiert, wie überhaupt die in der Zeit als Korrektor und Druckaufseher von ihm bearbeiteten Bücher ein Referenzsystem zum Spaziergang darstellen. Es ist der Blick in die Reiseberichte, der seine eigene Wahrnehmung über weite Strecken der Reise fokussieren wird. In seinem Spaziergang und Mein Sommer 1805 scheinen visuelle Detailschilderungen auf, die er von Küttner und Thümmel übernommen haben konnte. Jedoch unterscheidet sich die visuelle Wahrnehmung der beiden früheren Reisenden durch ihre Gegenstände und Erkenntnisinteressen. In Küttners und Thümmels Reisebericht beeindrucken Wahrnehmungen aller Gebiete der Wissenschaften und menschlichen Tätigkeiten, die das Erkunden von Kunst, Geographie, Zoologie, Botanik, Volkswirtschaft, Landwirtschaft, Architektur usw. des fremden Landes mit sich brachte. Beide präsentieren das bewährte Programm eines Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert, die durch ihre Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des métiers et des art den Bedürfnissen des aufgeklärt-bürgerlichen Lesers entsprachen.

Dies sind etwa Beschreibungen von Sternwarten, Universitätsbibliotheken, Kirchen und Palästen, der Blick in das Kaiserliche Naturaliencabinet, der Besuch im physisch und anatomischen Hörsaal, die Schule der Wundärzte, Krankenhäuser; sogar Krankenwagen und Feuerwehranstalten werden von Küttner in Wien besichtigt und beschrieben. Derlei ausgeprägte und detailgetreue Beschreibungen lassen sich in der Beschreibung von Seumes Wien-Aufenthalt nicht finden. Es lässt sich daraus erklären, dass beide Reisenden unter ganz verschiedenen Bedingungen reisten. Bleibt Küttner ca. 6 Monate in Wien, so verweilt Seume nur zwei Wochen. Zudem ist sein Beobachtungs- und Darstellungsinteresse nicht mehr das enzyklopädische von Küttner und dessen Vorgängern, sondern das spezifische des Reiseromans wie er sich um 1800 zu entwickeln beginnt. Jedoch lassen sich bei beiden Gemeinsamkeiten erkennen, die am auffälligsten bei der Betrachtung und Kritik des Wiener Theaterlebens sichtbar werden. Die Kritik über das K. k. Hoftheater nächst der K. k. Burg (Burgtheater) und dem K. k. Hoftheater nächst dem Kärntnertor fällt bei beiden Reisenden übereinstimmend aus. Küttner konstatiert trocken über die italienische Oper in Wien:

Die Italiänische Oper ist hier bey weitem nicht mehr, was sie einst war. [...] Die große oder ernsthafte Oper hat schon längst hier aufgehört, und man gibt nichts mehr, als Opera buffa. (8)

Seume urteilt zwischen dem Schauspielerassemblee der beiden Theater im Vergleich zu dem Assemblee der italienischen Oper parallel zu der Ablehnung Küttners: „Die Italiäner sind verhältnismäßig nicht besser. Man trillert sehr viel, und singt sehr wenig." (9)

Auch bei der Kritik über das Theater an der Wien, gegründet und bis 1806 geführt von Emanuel Schikaneder, fallen die Urteile der beiden Reisenden nahezu gleich aus. Bemerkenswert ist die visuelle Konzentration beider auf die Kostüme der Schauspieler: „Auch wendet Herr Schikander sehr viel auf die Verzierungen, und gibt sie mit einer Mannigfaltigkeit und Fülle, die besserer dramatischen Stücke werth wären.“ (10)

Hier wieder Seume auf einer Linie mit Küttner: „Die Kleidung ist an der Wien meist ordentlicher und geschmackvoller, als die verunglückte Pracht dort am Hofe, wo die Stiefletten des Heldengefolges noch manchmal einen sehr ärmlichen Aufzug machen“
. (11)

Neben den Theatern in der Leopoldstadt und dem Theater an der Wien besucht Seume das Trauerspiel Regulus, verfasst von H. J. von Collin (12) , das am 3. 10. 1801 am Burgtheater uraufgeführt und insgesamt dreiundvierzigmal vom Zeitpunkt der Uraufführung bis zum 7. 6. 1830 wechselweise in den beiden Theatern aufgeführt wurde.

Der weibliche Theil der Gesellschaft, der auf den meisten Theatern etwas arm zu seyn pflegt, ist es hier vorzüglich; und man ist genöthigt die Rolle der ersten Liebhaberin einer Person zu geben, die mit aller Ehre Aebtissin in Quedlinburg oder Gandersheim werden könnte. Die Dame ist gut, auch gute Schauspielerin; aber nicht für dieses Fach. (13)

Anhand des Briefkonvoluts Seumes aus Prag, Wien und Triest bleibt nur der 5. Januar 1802 übrig, an dem Seume das Trauerspiel im Burgtheater gesehen haben könnte. (14) Eine kurze Zusammenfassung des Theaterstückes zeigt, dass es hinsichtlich der moralischen Auffassung einer historischen Person perfekt auf Seumes eigenen moralischen Überzeugungen zugeschnitten ist: Regulus wird von den Karthagern gefangen genommen und wird mit dem Gesandten Bodostor nach Rom geschickt, um Verhandlungen mit den Römern aufzunehmen. Er leistet das Versprechen, falls der Friede nicht zustande käme, in die Gefangenschaft zurückzukehren. Durch die Interventionen seines Sohnes und Volkstribuns Publius können die Senatoren und der Konsul Metellus davon überzeugt werden, dass die Bedingungen der Karthager erfüllt werden. Vor dem aufgebrachten römischen Volk erklärt Regulus, dass der Tausch zu punisch wäre, nicht das Wohl eines Alternden solle im Vordergrund stehen, sondern Roms Wohl gilt ihm mehr als das seine. Durch sein Märtyrertum soll der Krieg beendet werden und der Triumph Roms mit der Niederlage Karthagos enden. Seinem Versprechen folgend, kehrt er mit Bodostor nach Karthago zurück, wo ihn der Tod erwartet. Rom ehrt den Scheidenden, würdigt ihn mit der Verleihung der Konsulwürde und gibt dem Gatten und Vater das Versprechen, für seine Frau Atilia und seine Söhne zu sorgen.

J. F. H. Brockmann, Darsteller des Hamlet in der ersten deutschen Aufführung des shakespeareschen Dramas 1776 in Hamburg, wird von Seume in der Rolle des Regulus begeistert wahrgenommen. Regulus gilt als Inbegriff der Manneswürde, der altrömischen Virtus. Jedoch ist es die erste Liebhaberin, „die mit aller Ehre Aebtissin in Quedlinburg oder Gandersheim“ (15) sein könnte, die als überalterte Kontrastfigur (16) zu dem Fach der ersten Liebhaberin und dem überragenden männlichen Schauspielern gesehen wird. Die Vorsteherinnen in den reichsunmittelbaren, evangelischen Damenstiften Quedlinburg oder Gandersheim hätte für die Schauspielerin im Fach der ersten Liebhaberin ein Leben mit dem Status der Freiweltlichkeit, ein Leben ohne Ordensregeln, kein Zwang einer besonderen Stiftstracht und ab der Mitte des 18. Jahrhunderts ein Leben, das hauptsächlich durch häufig Abwesenheit geprägt war, geführt. Hervorgerufen durch den freien und legeren Lebenswandel war der allmähliche Untergang der beiden Stifte zu Anfang des 19. Jahrhunderts vorhersehbar. (17) Ein Ereignis, das, nach Seume zu schließen, ebenfalls das Burgtheater mit einer ersten Liebhaberin, wie er sie gesehen hatte, ereilen könnte.

In der Aufführung des 5. Januar 1802 spielten Rosalia Nouseul und Therese Leifer als einzige feminine Darstellerinnen. (18) Rosalia Nouseul (19) spielte die Atilia, die in das Fach der heroischen Mutter eingeordnet werden kann. Therese Leifer agierte als Travestie in der Rolle des Serran (20), einer der Söhne des Regulus. Wen Seume mit der überalterten ersten Liebhaberin gemeint haben dürfte, muss offen bleiben. Tatsache ist, dass das Fach der ersten Liebhaberin nicht in dem Theaterstück vorkommt. „Ich seh’, ich seh’, was ich selbst nicht seh’?“

Bemerkenswert ist, dass Seume absichtlich die zeitliche Komponente in seiner zweiten verbesserten Auflage des Spaziergangs, die heute für die meisten Auflagen als Textgrundlage verwendet wird, durch ein „mehr“ heraushebt. In der Ausgabe des Spaziergangs Braunschweig und Leipzig 1803, die bei Friedrich Vieweg erschien, war der zeitliche Aspekt ursprünglich abgeschwächt worden: „Die Dame ist gut, auch gute Schauspielerin; aber nicht für dieses Fach.“ (21) In der zweiten verbesserten Ausgabe Braunschweig und Leipzig 1805, die heute als Textgrundlage für die meisten Leseausgaben verwendet wird, ließ Seume den Text leicht abändern: „Die Dame ist gut, auch gute Schauspielerin; aber nicht mehr für dieses Fach.“ (Drews/Kyora, Bd. 1, Spaziergang, S. 189.)

Küttner berichtet ebenfalls in seinem Reisebericht von einer Schauspielerin aus dem Fach der ersten Liebhaberin, die seiner Ansicht für die Rolle überaltert sei.

Allein sie hat dem Publicum so lange gedient, daß dieses ihr Alter weiß und viele weit zurück, sich ihrer frühren Zeiten erinnern. Dabey hat sie seit einiger Zeit das Unglück, dass sie schwer hört, wodurch ihr Spiel eine gewisse Lebhaftigkeit und Schnelle verliert, die man von der ersten Liebhaberin zu fordern berechtigt ist. Sie hat sich als diesen Winter entschlossen eine neue Laufbahn anzutreten, und den Übergang dazu machte sie in der Selbstbeherrschung. [...] An ihre Stelle treten vorzüglich Me. Weissenthurm und Mlle. Koch. (22)

Es ist wahrscheinlich, dass Seume einiges durcheinander brachte, einer seiner zahlreich im Spaziergang aufgedeckten Gedächtnistäuschungen (diese Bezeichnungen findet sich am häufigsten in Kommentaren zu Seumes Spaziergang) auflief, er etwas sah, was er nicht sehen konnte.

Die von Küttner beschriebene Hofschauspielerin Nanni (Maria Anna) Adamberger, die tatsächlich für das Fach der ersten Liebhaberin weit über ihr Alter hinaus war, dürfte in Seumes Erinnerungen eingeflossen sein. Es ist das geborgte Augenpaar Küttners, das sich in der visuellen Wahrnehmung der ersten Liebhaberin wiederfindet.

Erstaunt wird das Theaterpublikum in Wien dennoch gewesen sein, als es auf dem Theaterblatt des 5. Januars las: „Achille. Achilles. Eine große heroische Oper in zwey Aufzügen“ (23), überklebt von:

„Wegen plötzlicher Unpaßlichkeit der Mad. Riccardi kann die angekündigte Oper nicht gegeben werden; statt deren wird von den k. k. Hof-Schauspielern aufgeführt werden: Regulus.“ (24)

Warum Seume offensichtlich den Achill sehen wollte, schließlich die Ersatzvorstellung Regulus besuchte, steht auf einem anderem Blatt bzw. wurde auf einem anderem Blatt gedruckt: Achilles bei dem Leichnam des Patroklus, gestochen von dem Direktor der Kunstakademie und Belvedere-Galerien in Wien Heinrich Friedrich Füger, in dessen Arbeit Seume in Wien Einsicht hatte.

Ob Seume tatsächlich das Theaterstück gesehen hatte, kann nicht eindeutig geklärt werden. Und wir müssen uns tatsächlich die Frage stellen, inwieweit Seume seine Wahrnehmungen inszenierte.(25) Aufzeichnungen von Landschaften, Städten, Kunstwerken, Persönlichkeiten, Sitten der Einheimischen während seiner Reise gab es um 1800 genügend und es ist eine Tatsache, dass es Seume verstand mit geborgten Blicken zu operieren. Dies wäre wiederum eine Vermutung, die dem Spaziergang mehr Fiktion zutraut, als es noch Seumeforscher vor einem viertel Jahrhundert gewagt hätten. Und dies kann wiederum als eines der typischen Kennzeichen eines seit rund zweihundert Jahren tradierten Seume-Bildes sein, das den Spätaufklärer vor allem als ein mannhaftes, wahrheitstreues, rechtschaffenes etc. Individuum sieht.(26) Wiederum müssen wir uns die Frage stellen, von wo dieses Bild kam. Hauptsächlich führt uns die Spur zu Seume selbst zurück, der es verstand, wie viele andere seiner Zeitgenossen, zu verschleiern, seine Selbstinszenierung frühzeitig bei Lebzeiten voranzutreiben.

Mein Buch, der Spaziergang nach Syrakus, enthält ,nach meiner Überzeugung nur Wahrheit; und wenn ich darin über Wien (27) und Rom (28) Neapel und Paris schrieb, so geschahe das ohne alle weitere Absicht, als weil ich eben dort war und sahe, was ich sahe, und darüber dachte wie ich dachte, und weil ein rechtlicher unbefangener Mann mit Anstand darüber seine Meinung freimütig zu äußern befügt ist. Wenigstens will ich mir dieses Recht nicht nehmen lassen, so lange ich das Wesentliche meiner Persönlichkeit fühle. (Bd. 2, Vorrede zu Percival, S. 345)

schreibt Seume in seiner „Vorrede zu Robert Percivals ‚Beschreibung des Vorgebirges der guten Hoffnung’ “, das „Vorwort zu ‚Ein Bändchen. Bemerkungen und Konjekturen zu zahlreichen schwierigen Stellen des Plutarch’“ trägt das Motto: „Der Wahrheit treu sein und sie verehren, die Gerechtigkeit bewahren, gegen alle ebenso wohl gesinnt sein als handeln, vor niemand sich fürchten.“ (Bd. 2, Plutarch-Vorrede, S. 348) Und um noch eine von vielen der wahrheitsgetreuen Aussagen Seumes aus dem Spaziergang zu zitieren: „Faktisch waren die Dinge so, wie ich sie erzähle, und in dem Übrigen ist meine Überzeugung nicht von gestern und ehegestern. Wahrheit und Gerechtigkeit werden immer mein einziges Heiligtum sein.“ (29)

Platon nimmt die Dichtungskritik aus dem II. und III. Buch wieder im X. Buch der Politeia auf und kritisiert erkenntnistheoretisch die lügende Dichtkunst als wertloses Wissen. Denn die gedichteten Erscheinungen stellen sich als Nichtwirkliches heraus, (30) sind von Homer an nur Abbildungen von Schattenbilder und berühren keineswegs die Wahrheit. (31) Im Erziehungsprogramm der Polis hat eine solche lügende Dichtkunst keine Existenzberechtigung. Denn Jüngling und Mann sollten in der Dichtkunst eben das finden, „[...] was sie erhebt und ihnen Mut verleiht im Kampfe ums Dasein.“ (32) Dieses Zitat stammt jedoch nicht aus Platons Politeia, sondern aus dem Vorwort zu Johann Gottfried Seume. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, herausgegeben von Oskar Planer und Camillo Reißmann aus dem Jahre 1898. In ihrem überholten Seume-Bild wird die Brisanz der triadischen Beziehung des Realen, Fiktiven und Imaginären als vor allem andere Paradigmen dadurch sichtbar, indem sie verborgen bleibt.

Anmerkungen

1.: Vgl. Wolfgang Iser, Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven literarischer Anthropologie. Frankfurt a. M. 1991, S. 18 ff

2.: Politeia, 377 D f.

3.: Bei Platon werden Epos, Tragödie und Komödie abgewertet, dagegen die indirekte Darstellung von Personen aufgewertet, denn nur hier kommt es nicht zu einem Moment der Mimesis.

4.: Seume arbeitete von Oktober 1797 bis November 1801 bei Göschen. Zu Seumes Lektorenarbeit bei Göschen vgl. Stephan Füssel, Studien zur Verlagsgeschichte und zur Verlagstypologie der Goethe-Zeit. In: Georg Joachim Göschen, ein Verleger der Spätaufklärung und der deutschen Klassik. Bd. 1. Berlin 1999, S.136-138, 215-223 u. 228-236 und Stephan Füssel, Seume als Lektor. In: „Wo man aufgehört hat zu handeln, fängt man gewöhnlich an zu schreiben“. Johann Gottfried Seume in seiner Zeit. Vorträge des Bielefelder Seume-Colloquium 1989 und Materialien zu Seumes Werk und Leben. Hrsg. v. Jörg Drews. Bielefeld 1991, S. 157-185.

5.: Zitate aus Werken und Briefen Seumes folgen den Neuausgaben: Johann Gottfried Seume, Werke in zwei Bänden. Hrsg. v. Jörg Drews unter Mitarbeit von Sabine Kyora. Frankfurt/Main 1993. und Johann Gottfried Seume, Briefe. Hrsg. v. Jörg Drews und Dirk Sangmeister unter Mitarbeit von Inge Stephan. Frankfurt/Main 2002. Die Zitate der Werke werden im laufenden Text mit Bd; Werk bzw. Kommentar und Seitenzahl in Klammer nachgestellt. Zitate aus Briefen werden im fortlaufenden Text mit Briefschreiber, Briefadressat, Datum und Seitenzahl in Klammer nachgestellt

6.: Moritz August von Thümmel, Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785-1786. Leipzig 1791 bis 1805

7.: Carl Gottlob Küttner, Reise durch Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen und einen Theil von Italien, in den Jahren 1797, 1798, 1799. Göschen 1801.

8.: Küttner 3. Teil 1801, S. 390 f.

9.: Bd. 1, Spaziergang, S. 189.

10.: Küttner 3. Teil 1801, S. 394 f.

11.: Bd. 1, Spaziergang, S. 190 f.

12.: Zu Collin und zur Nähe von Seumes Drama Miltiades (1808) vgl. Albert Meier, „Von Innen steht es gut“. Die dramengeschichtliche Stellung von J. G. Seumes Miltiades. In: Jörg Drews (Hg.), Seume-Colloquium 1989, S. 116-138.

13.: Johann Gottfried Seume, Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig und Leipzig 1803, S. 33

14.: Hadamowsky, Franz: Die Wiener Hoftheater (Staatstheater) 1776-1966. Verzeichnis der aufgeführten Stücke mit Bestandnachweis und täglichem Spielplan. Teil 1. 1776-1810. Wien 1966

15.: Seume, 1803, S. 33

16.: Die letzte Äbtissin von Gandersheim, die ständig im Stift residierte, starb am 24. Dezember 1766 im Alter von 85 Jahren. Die letzte Äbtissin von Quedlinburg erreichte ein Alter von 63 Jahren. (Peter Hankel, Die reichsunmittelbaren evangelischen Damenstifte im Alten Reich und ihr Ende. Eine vergleichende Untersuchung. In: Europäische Hochschulschriften. Reihe III Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Bd. 712. Frankfurt a. M 1996, S. 66.)

17.: ebd; S. 31 ff.

18.: Vgl; Minna von Alth und Getrude Obzyna (Hg.): Burgtheater 1776-1976. Aufführungen und Besetzungen von zweihundert Jahren. Bd. 1. Wien [o.J.]. und Minna von Alth und Getrude Obzyna (Hg.): Burgtheater 1776-1976. Aufführungen und Beschreibungen von zweihundert Jahren. Bd. 2. Register. Wien [o.J.].

19.: Roslia Nouseul spielte hauptsächlich im Fach der Heldinnen und heroischen Mutter.

20.: Therese Leifer spielte als muntere Liebhaberin und Salondame in Brünn. Von 1795 bis 1822 schauspielerte sie am Burgtheater.

21.: Seume 1803, S. 33

22.: Küttner, 3. Teil, S. 380.

23.: Theaterblatt des Kaiserl. Königl. Hoftheaters nach der Burg, 5. Jänner 1802

24.: ebd.

25.: Vgl. Irmgard Egger, Strategien inszenierter aísthesis: Johann Gottfried Seumes Spaziergang nach Syrakus. Gehalten anlässlich des Seume- Colloquium in Leipzig 2002. (Derzeit im Druck)

26.: Hier vgl. vor allem Oskar Planer u. Camillo Reißmann, Johann Gottfried Seume. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften. Leipzig 1898.

27.: Siehe oben

28.: Vgl. die von Seume freundschaftlich geschilderte Beziehung zu dem Landschaftsmaler J. C. Reinhart und den Aussagen desselbigen über Seumes Aufenthalt in Rom. Gaderer, Rupert: J. G. Seume – J. C. Reinhart – C. L. Fernow: Rom, Blicke. Gehalten anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums des „Spazierganges nach Syrakus im Jahre 1802“ von Johann Gottfried Seume an der Universität Catania (Sizilien) vom 10. -11. April 2002. (Derzeit im Druck)

29.: Johann Gottfried Seume, Spaziergang nach Syrakus. Hrsg. v. Albert Meier. München 2000, S. XIII.

30.: Politeia, 599 a f.

31.: ebd. 600 e f.

32.: Oskar Planer u. Camillo Reißmann (Hg.), Johann Gottfried Seume. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften. Leipzig 1898, S. VI.

Bibliographie

Seume, Johann Gottfried: Mein Leben. Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Mein Sommer 1805. Hrsg. v. Jörg Drews unter Mitarbeit von Sabine Kyora. Frankfurt/Main: DKV 1993.

Seume, Johann Gottfried: Apokryphen. Kleine Schriften. Gedichte. Übersetzungen. Hrsg. v. Jörg Drews unter Mitarbeit von Sabine Kyora. Frankfurt/Main: DKV 1993.

Seume, Johann Gottfried: Briefe. Hrsg. v. Jörg Drews und Dirk Sangmeister unter Mitarbeit von Inge Stephan. Frankfurt/Main: DKV 2002.

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Hrsg. v. Albert Meier. München: DTV 2000.

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig und Leipzig: Vieweg 1803.

Alth, Minna von und Obzyna, Getrude (Hg.): Burgtheater 1776-1976. Aufführungen und Besetzungen von zweihundert Jahren. Bd. 1. Wien: Salzer-Ueberreuter [o.J.]. und Alth, Minna von und Obzyna, Getrude (Hg.): Burgtheater 1776-1976. Aufführungen und Beschreibungen von zweihundert Jahren. Bd. 2. Register. Wien: Salzer-Ueberreuter [o.J.].

Drews, Jörg (Hg.): „Wo man aufgehört hat zu handeln, fängt man gewöhnlich an zu schreiben“. Johann Gottfried Seume in seiner Zeit. Vorträge des Bielefelder Seume-Colloquium 1989 und Materialien zu Seumes Werk und Leben. Hrsg. v. Jörg Drews. Bielefeld: Aisthesis 1991.

Eisenberg, Ludwig: Biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im 19. Jahrhundert. Leipzig: Lift 1903.

Hadamowsky, Franz: Die Wiener Hoftheater (Staatstheater) 1776-1966. Verzeichnis der aufgeführten Stücke mit Bestandnachweis und täglichem Spielplan. Teil 1. 1776-1810. Wien: Prachner 1966.

Hankel, Peter: Die reichsunmittelbaren evangelischen Damenstifte im Alten Reich und ihr Ende. Eine vergleichende Untersuchung. In: Europäische Hochschulschriften. Reihe III Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Bd. 712. Frankfurt a. M.: Lang 1996.

Iser, Wolfgang: Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven literarischer Anthropologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991.

Küttner, Carl Gottlob: Reise durch Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen und einen Theil von Italien, in den Jahren 1797, 1798, 1799. Leipzig: Göschen 1801.

Planer, Oskar u. Reißmann, Camillo: Johann Gottfried Seume. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften. Leipzig: Göschen 1898.

Platon: Politeia. In: Platon. Sämtliche Werke in zehn Bänden. Griechisch und Deutsch. Nach der Übersetzung Friedrich Schmeiermachers, ergänzt durch Übersetzungen von Franz Susemihl u.a. Hrsg. v. Karlheinz Hülser. Frankfurt a. M.: Inselverlag 1991.

Thümmel, Moritz August von: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785-1786. Leipzig: Göschen 1791 bis 1805.
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