Die ReiseDrei Jahre nach seinem spaktakulären "Spaziergang" nach Syrakus brach Seume im April 1805 zu seiner zweiten großen Reise auf
(Klick zur Routenübersicht) . Überwiegend im Wagen durchstreifte er die heutigen Länder Polen, Weißrussland, Litauen, Lettland, Estland, Russland, Finnland, Schweden und Dänemark. Über Hamburg kehrte er im September wieder nach Leipzig zurück. Ein großer Teil des Weges führt ihn durch Gebiete, die ihm aus seiner Militärzeit vertraut waren und an Orte, wo er alte Bekannte treffen und neue Bekanntschaften machen konnte.
Auch über diese Reise hat er, angeblich widerwillig, berichtet.
"Mein Sommer 1805" liest sich als die Beschreibung einer Rundreise um die Ostsee mit einem Abstecher nach Moskau, reizt zum Nachvollzug der Route und zur Beschäftigung mit der Geschichte der Ostsee-Länder und interessanter Personen, denen Seume begegnete. Sogar unter kulinarischen Aspekten kann man das Buch lesen, denn Seume hält sich häufig mit der Beschreibung von Mahlzeiten auf. Eine gewisse Vorsicht scheint in Hinblick auf den Lobpreis schwedischer Verhältnisse angebracht. Seume war offensichtlich bemüht, die Verhältnisse in den russischen und russisch besetzten Gebieten als besonders drückend darzustellen. Auch Preußen kommt im Vergleich nicht gut davon.
Seume startete in Leipzig und passierte oder besuchte unter anderem: Dresden, Görlitz, Liegnitz (Legnica), Breslau (Wroclaw), Warschau (Warszawa), Bialastock (Bialystok), Grodno, Wilna (Vilnius), Kowno (Kaunas), Mitau (Jelgava), Riga, Dorpat (Tartu), Reval (Tallinn), Narva, Sankt Petersburg, Nowgorod, Twer, Moskau, Wyborg (Wiborg), Imatra, Helsingfors (Helsinki), Ǻbo(Turku), die Ǻland-Inseln, Upsala, Stockholm, Norköping (Norrköping), Linköping, Jönköping, Värnamo, Helsingborg (Hälsingborg), Kopenhagen, Kiel, Lübeck, Hamburg, Braunschweig, Leipzig.
Das BuchJohann Gottfried Seume:
Mein Sommer 1805 ist erstmals 1806 erschienen, bei Erdmann Ferdinand Steinacker in Leipzig. Aktuelle Ausgaben sind: J. G. Seume:
Mein Sommer 1805, Michelstadt 1987 (Neuthor-Verlag, Foto-Reprint der zweiten Auflage von 1815). J. G. Seume:
Mein Sommer 1805, Frankfurt am Main 2002 (Insel Verlag, Taschenbuch, Hg. Jörg Drews). Außerdem ist das Buch im Band I der dreibändigen Seume-Werkausgabe enthalten (Deutscher Klassiker-Verlag, Band I und II Hg. Jörg Drews, Frankfurt am Main 1992; Band III Briefe, Hg. Jörg Drews und Dirk Sangmeister, Frankfurt am Main 2002).
Der AnsatzMit dem "Sommer 1805" hat sich Seume erfolgreich bemüht, den Ruf als sozialkritischer "linker" politischer Autor und überzeugter Wanderer zu rechtfertigen, den ihm sein "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802" eingetragen hatte.
Deutliche Worte findet er vor allem in Vorrede. Dort finden sich auch die bekanntesten Aussagen zum Wert des Wanderns:
| • | Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. |
| • | Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne, und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. |
| • | Man kann fast überall bloß des wegen nicht recht auf die Beine kommen und auf den Beinen bleiben, weil man zu viel fährt. |
| • | Wer zu viele in dem Wagen sitzt, mit dem kann es nicht ordentlich gehen. |
| • | (alles Drews 1992, Band I, S. 543 f) |
Erst der "Sommer" ist programmatisch als politisches Buch angelegt:
| Für wen soll der deutsche Grenadier sich auf die Batterie und in die Bajonette stürzen? … Er soll dem Tode unverwandt ins Auge sehen, und zu Hause pflügt sein alter schwacher Vater frönend das Feld des gnädigen Junkers, der nichts tut nichts zahlt und mit Misshandlungen vergilt. |
| (Drews 1992, Band I, S. 550 f) |
Im Unterschied zu vielen deutschen Patrioten baut er in der nationalen Krise nicht auf die Fürsten, sondern noch immer auf das Vorbild der französischen Revolution:
| Für uns ist keine Rettung, als das Gute der Franzosen nachzuahmen und ihre Schrecknisse zu meiden. |
| (Drews 1992, Band I, S. 553) |
Selbst mit Napoleon (seit 1804 Kaiser) könnte er sich unter Umständen aussöhnen – und setzt sich somit zwischen alle Stühle:
| Wenn ich überzeugt wäre, daß unter ihm Vernunft und Freiheit und Gerechtigkeit gediehe, ich wollte der erst sein, das Blut des Herzens unter seiner Fahre zu vergießen. |
| (Drews 1992, Band I, S. 553) |
Und schließlich steigert Seume seine antiklerikale Haltung zur offenen Kirchen- und Religionskritik:
| Man muß die Kirchengeschichte gar nicht und die politischen Händel nicht sehr genau studieren, wenn man nicht voll Bitterkeit gegen das sogenannte Christum werden soll. Die Helden der Partei trennen mit Wärme, Eigensinn und Hartnäckigkeit immer den Missbrauch von der Sache. Den Mißbrauch sieht man überall; wo ist denn aber die vorzügliche Wohltat der Sache? |
| (Drews 1992, Band I, S. 608) |
Die ReisegründeNoch eindeutiger als der „Spaziergang“ nach Syrkus erscheint Seumes Nordlandreise als Flucht vor persönlichen Problemen. Nach der Rückkehr aus Sizilien hatte sich Seume als Schriftsteller und Hauslehrer in Leipzig durchgeschlagen und sich in seine Schülerin Johanna Loth verliebt, ohne sich zu erklären. Ihre Verlobung mit dem Kaufmann Johann-Emanuel Devrient (Silvester 1804) hat ihn schwer getroffen.
| Es ist in meinem inneren moralischen Wesen ein kleiner Vorfall geschehen, der mich schnell bestimmt hat, mit dem Eintritt des Frühlings den Sommer über eine Ausflucht zu suchen: Da es letzt in England nicht ganz ruhig ist, werde ich nach Petersburg wandeln, wozu außerdem noch einige andere persönliche Rücksichten einladen. |
| (Brief an Johann Friedrich Hartknoch vor dem 18.1.1805, Drews/Sangmeister 2001, S. 500) |
Mit dem Hinweis auf „andere persönlichen Rücksichten“ ist die Absicht gemeint, sich am Zarenhof um eine Pension zu bemühen, auf die er als ehemaliger Offizier in russischen Diensten Anspruch zu haben glaubte. Tatsächlich war Seume zum Betteln zu stolz und zum Fordern zu schüchtern.