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Wenige Werke der „klassischen“ Musik sind so bekannt, wie die Sonate No. 14 cis-moll, Opus 27/2 von Ludwig van Beethoven aus dem Jahre 1801. Sie gehört zum Standart-Repertoire von Pianisten, zum harten Kern von Platten- und CD-Sammlungen und in rudimentärer Form zu den meist gehörten Alarmsignalen tragbarer Telefone. Man nennt sie „Mondscheinsonate“, seit der Musikschriftsteller Ludwig Rellstab sich durch sie an den Mondschein auf dem Vierwaldstättersee erinnert fühlte.
Beethoven selber habe die Sonate „Die Beterin“ genannt, nach einem Gedicht von Johann Gottfried Seume. Das glaubte jedenfalls der Musikwissenschaftler und Klavierlehrer Hugo Riemann (1849-1919) herausgefunden zu haben, als er einen Brief las. „Es ist mir noch immer ein nicht zu unterdrückender Wunsch, es möge Ihnen, Herr Kapellmeister, Ihre Vermählung mit Seume (ich meine die Phantasie Cis-moll und die „Beterin“) der Welt mitzuteilen“, schrieb darin ein gewisser Dr. G. L. Großheim am 10.11.1819 dem Adressaten Beethoven.
Die Wiederentdeckung dieser Theorie verdanken wir Werner Guenther aus Düsseldorf. Er fand die Spur in dem Werk von Hugo Riemann: „L. van Beethovens sämtliche Klavier-Sonaten, Ästhetische und formal-technische Analyse mit historischen Notizen“, 2. Teil: Sonate XIV – XXVI, dritte Auflage, Berlin 1920.
Nun hat Riemann in Leipzig gewirkt und ist somit womöglich voreingenommen, was Seume betrifft. Außerdem meinte er selber: „Gänzlich aussichtslos wäre natürlich, von Seumes Gedicht aus auch eine programmatische Deutung des Des-dur-Allegretto und des Presto-Finale zu versuchen“. Daraus lässt sich schließen: das Adagio sostenuto des ersten Satzes passt durchaus zu Seumes Gedicht. Wenn es dieses nicht sogar aufwertet.
"Die Beterin" gehört nicht zu den Meisterwerken des Dichters, ist aber durchaus typisch für einen großen Teil seiner Lyrik. Dem depressiven, melancholischen, schwermütigen. Und da Seume zum Ausdruck gerade seiner größten Gefühle selten passende und unverbrauchte Begriffe fand, wirken seine Trauerstücke oft eher erheiternd.
Die Beterin
Auf des Hochaltares Stufen knieet Lina im Gebet, ihr Antlitz glühet, Von der Angst der Seele hingerissen, Zu des Hochgebenedeiten Füßen.
Ihre heißgerungnen Hände beben, Ihre bangen nassen Blicke schweben Um des Welterlösers Dornenkrone, Gnade flehend von des Vaters Throne:
Gnade ihrem Vater, dessen Schmerzen Ihrem lieben kummervollen Herzen In des Lebens schönsten Blüthetagen Bitter jeder Freude Keim zernagen;
Rettung für den Vater ihrer Tugend, Für den einzgen Führer ihrer Jugend, Dem allein sie nur ihr Leben lebet, Über dem der Hauch des Todes schwebet.
Ihre tiefgebrochnen Seufzer wehen Ihrer Andacht heißes, heißes Flehen Hin zum Opferweihrauch; Cherubinen Stehn bereit, der Flehenden zu dienen.
Tragt, ihr Engel, ihre Engelthränen; Betend hin, den Vater zu versöhnen; Frömmer weinte um die Dornenkrone Nicht Maria bei dem todten Sohne.
Siehe, Freund, in den Verklärungsblicken Strahlet stilles, seliges Entzücken; Lina streicht die Thräne von den Wangen, Ist voll süßer Hoffnung weggegangen.
Eine Thräne netzt auch meine Augenlieder; Vater, gieb ihr ihren Vater wieder! Gern wollt’ ich dem Tode nahe treten, Könnte sie für mich so glühend beten.
Quelle: "J.G. Seume's sämmtliche Werke", vierte rechtmäßige Gesamtausgabe in acht Bänden, siebenter Band, 91. Gedicht, Joh. Friedr. Hartknoch, Leipzig 1839
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