Albert Meier

1952 in München geboren; Studium der Germanistik, Philosophie und Italianistik an der Ludwig-Maximilians- Universität; 1980 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Bremen (›Georg Büchners Ästhetik‹); 1990 Habilitation an der Universität Regensburg (›Dramaturgie der Bewunderung. Untersuchungen zur politisch- klassizistischen Tragödie des 18. Jahrhunderts‹); seit 1995 Professor für Neuere deutsche deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Kiel.

Den hier wiedergegebenen Vortrag hielt er auf Einladung der Goethe-Gesellschaft in München und Dresden.

20.1.2003
>>Wenn Peter stirbt, erwache Zeus nicht wieder<<
Johann Gottfried Seumes "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802"
Von Albert Meier


In einem Punkt wenigstens gleichen sich die drei großen deutschen Italienreisenden der Zeit um 1800: Johann Wolfgang Goethe, Karl Philipp Moritz und eben auch Johann Gottfried Seume sind in dem Augenblick ans Mittelmeer geflohen, in dem ihnen zu Hause eine Liebesangelegenheit allzu zu belastend geworden war: Bei Goethe hat es sich bekanntlich um das prekäre Verhältnis zu Frau von Stein gehandelt, im Fall von Karl Philipp Moritz ist die unerfüllbare Zuneigung zur nicht näher bekannten Gattin eines väterlichen Freundes im Hintergrund gestanden. Aber auch der scheinbar so stoische, über die Widerwärtigkeiten seines Lebens erhabene Seume hat die Erfahrung der Fremde offenbar dazu nutzen wollen, eine unglückliche Affäre zu bewältigen – sein Werben um die viel jüngere Wilhelmine Röder war verschmäht worden.

Goethe und Moritz sollen sich in Italien auf recht handgreifliche Weise getröstet haben. Das sonnige, heitere Land jenseits der Alpen gilt seitdem gerade für uns Deutsche als Inbegriff eines sinnlicheren, natürlicheren Lebens, wo sich nordischer Missmut am besten auskurieren lässt. In dieser Hinsicht macht Seume freilich doch eine Ausnahme. Er verkörpert gewissermaßen den Gegenpart zu Moritz und mehr noch zu Goethe. Der Weimarer Minister will seine geistige Heimat namentlich in Rom unter den deutschen Künstlerburschen der Via del Corso gefunden und im Genuss der schönen Künste seine eigene Produktivität wiederentdeckt, ja eine veritable ›Wiedergeburt‹ durchgemacht haben. Seumes Blick auf Italien ist demgegenüber von Anfang an ganz anders orientiert gewesen.

Die entscheidende Differenz lässt sich vielleicht folgendermaßen zusammenfassen: Goethe war vor allem darum bemüht, sich in die fremde Welt einzuleben – mit der anderen Kultur nach Möglichkeit ganz zu verschmelzen und sich selbst als Italiener zu erfahren – so gut das eben ging! Beinahe 20 Jahre später beharrt Seume hingegen strikt auf seiner deutschen Andersartigkeit. Er tut alles, um seine Distanz zur verdächtigen italianità zu wahren und am eigenen Charakter nicht irre zu werden.

Natürlich wirkt sich diese Absicht auf das gesamte Reiseverhalten aus: Seume will sich in Italien nicht als Italiener aufspielen. Einerseits kommt es ihm vielmehr darauf an, die durchwanderten Gegenden einer sozialen Analyse zu unterziehen, um daraus eine politische Diagnose der europäischen Krise abzuleiten. Andererseits ist Seume ganz wesentlich daran interessiert, sich selbst als vollkommen integre Persönlichkeit darzustellen: als Mann, der bereits viel erlebt hat, seine Umwelt mit unbestechlichem Blick prüft und auf jeden Fall verlässliche Urteile zu fällen weiß. Dass dies im Jahre 1802 geschieht, als das Schicksal ganz Europas angesichts der französischen Eroberungen auf des Messers Schneide steht, gibt dabei den Generalbass vor: Wird die weitere Entwicklung in Richtung auf mehr Freiheit gehen – oder wird Napoleon die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit à la longue
verraten?

Deswegen führt Seumes Reiseweg ja nicht einfach nur nach Syrakus, in die einstige Hauptstadt griechischer Zivilisation auf Sizilien, und dann wieder zurück. Als bloße Italienreise wäre der Spaziergang jedenfalls ganz und gar missverstanden. Auf seiner Heimreise ist Seume vielmehr durch fast ganz Frankreich bis nach Paris gegangen: also über das im Gefolge der Revolutionskriege umgekrempelte Italien direkt ins Herz der vitalsten europäischen Großmacht hinein. Vielleicht darf man in dieser Streckenplanung sogar eine Art aufklärerischer Allegorie erkennen: von Italien nach Frankreich – per aspera ad astra also, aus dem Dunkel der Vergangenheit ins Licht der Zukunft!

Was der deutsche Wanderer dabei lernt (oder genauer gesagt: was er seinen Lesern beibringen will), das sind der politisch-kritische Blick und der geschichtliche Skeptizismus. Zwar ist Seume kein Pessimist im strengen Sinn, weil er doch festhält an der Hoffnung auf gesellschaftliche Besserung. Die Menschen gelten ihm freilich überall als problematisch (als egoistisch nämlich), und auf echte Freiheit ist allemal so bald nicht zu hoffen. Für den Augenblick bleibt dem rechtschaffenen Mann daher nichts übrig, als Haltung zu bewahren: sich der politischen Misere zu stellen, die Missstände in aller Offenheit beim Namen zu nennen und sich zugleich vor allen Illusionen zu hüten: »Die Vernünftigen wissen das alles längst. Aber es wird meistens entweder gar nicht oder nur sehr leise gesagt und mir scheint, es ist doch notwendig, daß es nun nach und nach laut und fest und deutlich gesagt werde, wenn wir nicht in Ewigkeit Milch trinken wollen«.

Ehe es nun mit Siebenmeilen-Stiefeln von Grimma über Syrakus und Paris nach Leipzig geht, will ich in aller Kürze Seumes Lebenslauf skizzieren:
Seume ist 1763 als Sohn einer Bauernfamilie im sächsischen Poserna bei Weißenfels geboren worden. Nach dem Tod des Vaters 1776 gerät die Familie in Not – der auffällig begabte Knabe hat immerhin das Glück, mit dem Stipendium eines Grafen die Lateinschule besuchen zu dürfen und später in Leipzig studieren zu können (Theologie natürlich, wie es sich für die mittellose Jugend schickte). In dieser Zeit bereits macht sich Seumes Vorliebe für klassische Literatur, Geschichte und alles Militärische geltend: 1781 bricht er das Studium ab und lässt sich – sicherlich viel freiwilliger, als er das später in Mein Leben selbst erzählt – von hessischen Werbern für den Militärdienst gewinnen. Als Söldner wird er daraufhin an die Engländer verliehen, um in Amerika gegen die aufständischen Kolonien zu kämpfen. Als er im heute kanadischen Halifax ankommt, ist der Unabhängigkeitskrieg freilich schon entschieden, und der Fronteinsatz bleibt Seume erspart. Im Anschluss an den Rücktransport nach Deutschland misslingen einige Desertionsversuche, und erst 1787 kommt Seume endlich frei. Er studiert erneut in Leipzig, jetzt aber in eigener Entscheidung Jura und Philologie, und habilitiert sich 1792 mit einer militärgeschichtlichen Untersuchung. Danach geht Seume nach Polen, wo er in russischen Diensten 1794 an der Niederschlagung der polnischen Unabhängigkeitsbewegung beteiligt ist (es ist schon eigenartig, dass der freiheitsliebende Seume in Warschau nun schon zum zweiten Mal auf der Seite von Unterdrückung und Gewalt steht!).

1797 schließlich, nach dem schon erwähnten Liebes-Unglück mit Wilhelmine Röder, nimmt Seume bei dem Verleger Georg Joachim Göschen in Grimma bei Leipzig eine Anstellung als Lektor an. Hier zeichnet er hauptsächlich für ehrgeizige Editionen des Gesamtwerks von Klopstock und Wieland verantwortlich. Im Dezember 1801 beginnt dann die ca. achtmonatige Reise nach Syrakus und Paris, die Seume sicherlich bewusst als Chance begreift, sich jetzt endgültig als Schriftsteller mit zeitgeschichtlichen Themen zu etablieren. Nach dem beachtlichen Verkaufserfolg des Spaziergangs folgt 1805 eine zweite große Reise: diesmal durch Russland und Skandinavien, deren Beschreibung bald darauf unter dem Titel Mein Sommer 1805 veröffentlicht wurde, aber immer im Schatten des Spaziergangs geblieben ist.

Seume sichert sich auf diese Weise ein bescheidenes Auskommen als freier Autor, arbeitet jedoch von Fall zu Fall auch als Privatlehrer, veröffentlicht Lyrik, Essays und ein sogar Theaterstück, das freilich nie über eine Bühne gegangen ist. – Als er 1810 während eines Kuraufenthalts im böhmischen Teplitz im Alter von 47 Jahren stirbt, ist die Autobiografie Mein Leben noch nicht vollendet.

Alles in allem darf man sagen, dass der solide gebildete Altphilologe Seume als Schriftsteller eindeutig ein Autobiograf geblieben ist und seinen literarischen Nachruhm ganz wesentlich seiner Neigung zur politisch-gesellschaftlichen Gegenwartskritik verdankt. Der Spaziergang nach Syrakus, ein seinerzeit gewiss riskantes Werk, gehört zu den beliebtesten Büchern des liberalen, speziell katholizismuskritischen Bürgertums und hat sich bis heute vor allem beim männlichen Lesepublikum als ›Klassiker‹ behaupten können. Dieser Nimbus ist zweifellos zum größten Teil der physischen Gewaltleistung geschuldet, die hinter Seumes Italien- und Frankreichreise steht. In knapp acht Monaten sind wohl mindestens 5000 Kilometer zurückgelegt worden – ein Gutteil davon zwar in Kutschen und vor allem zu Schiff, aber auch so bleibt die bloße Reise schon eine sportliche bzw. soldatische Großtat. Nach heutigen Begriffen könnte man in diesem Zusammenhang von einer geschickten Vermarktung sprechen, die eine konsequente Selbst-Stilisierung als Sonderling voraussetzt: »Meine Erscheinung mochte für die Leute freilich etwas hyperboreisch sein: eine solide polnische Kleidung, ein Seehundstornister mit einem Dachsgesicht auf dem Rücken, ein großer, schwerer Knotenstock in der Hand.«

Der Reiseweg hat vom Wohn- und Arbeitsort Grimma bei Leipzig über Prag zunächst nach Wien geführt. Von dort aus ging es auf einer seit Jahrhunderten gebräuchlichen Route nach Triest, wo Seume das Mittelmeer erreichte. Auch die weiteren Stationen im zersplitterten, großen Teils unter fremder Besatzung stehenden Italien folgen den uralten Streckenführungen: über Venedig, Padua, Ferrara und Bologna nach Rimini, dann die Adria-Küste entlang zum Marienheiligtum Loreto; anschließend über den Apennin nach Rom und schnell weiter an der tyrrhenischen Küste bis Neapel. Wie Goethe schifft Seume sich dort nach Palermo ein, wird von seinem Führer wider Willen über eine Abkürzung nach Agrigent gebracht, geht von Gela aus wieder ins Hinterland und gelangt endlich über Augusta nach Syrakus (Goethe hat sich diese griechischste aller italienischen Städte übrigens entgehen lassen).

Von diesem Zielpunkt aus führt der Weg an der Ostküste bis Messina und dann die Nordküste entlang über Cefalù nach Palermo zurück, wo sich Seume wieder nach Neapel einschifft. Auch beim zweiten Aufenthalt in Rom gibt sich Seume mit wenigen Tagen zufrieden und marschiert dann auf der direttissima über Florenz, Bologna und Mailand zum Sankt-Gotthard-Pass, von wo aus er über Schaffhausen und Basel französischen Boden erreicht. Von Paris aus gelangt Seume schließlich über Straßburg nach Hause: Frankfurt und Weimar sind letzten großen Stationen auf dieser Reise, die nach einem Besuch bei der Mutter in Poserna ihr Ende in Leipzig findet.

Selbstverständlich ist das alles andere als ein echter ›Spaziergang‹ gewesen. Von der romantischen Mode des Wanderns dürfte der weit bodenständigere Seume ja ohnehin nicht infiziert gewesen sein. Das Motiv für seine doch eher unbequeme Art der Fortbewegung braucht man aber auch nicht im Sparzwang zu suchen, weil Seume nach jahrelanger Berufstätigkeit allemal über ein ausreichendes Finanzpolster verfügte. Schlagender dürfte das Sensationsmoment gewesen sein, das einen guten Werbe-Effekt versprach: so war noch Keiner gereist! Eine gewichtige Rolle spielt darüber hinaus ein eher ideologisches Moment, das 1805 in der Nordland-Reise angesprochen wird, aber sicherlich auch schon die Italien- und Frankreich-Erfahrung geprägt hat:

Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. [...] Wo alles zuviel fährt, geht alles sehr schlecht, man sehe sich nur um! Sowie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt. Man kann niemandem mehr fest und rein ins Angesicht sehen, wie man soll; man tut notwendig zuviel oder zuwenig. Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft. Schon deswegen wünschte ich nur selten zu fahren, und weil ich aus dem Wagen keinem Armen so bequem und freundlich einen Groschen geben kann.

Hier hat man auch schon das Leitmotiv von Seumes Italien- und Frankreichwahrnehmung: die Armut! Und hier hat man ebenfalls schon sein Hauptthema der politisch-gesellschaftlichen Ordnung, die zuallererst daran gemessen wird, wie sie mit der Not der breiten Bevölkerung umzugehen weiß.

Anders als Goethe (der z. B. im sizilianischen Alcamo mit Interesse zusah, wie sich Bettler mit den Hunden um seine Wurst- und Apfelschalen rauften) versteht sich Seume als durchaus sozialkritischer, engagierter Berichterstatter. Er will ganz buchstäblich ein Augen-Zeuge sein und als ehrlicher Mann verlässliche Auskunft darüber geben, wie es in anderen Ländern mit der Gerechtigkeit bestellt ist. Als guter Aufklärer glaubt Seume ja an die Möglichkeit, die Realität unvoreingenommen betrachten zu können, und macht das bloß von der subjektiven Redlichkeit des Beobachters abhängig. Dieser Anspruch, im Interesse der Wahrheit auf die Genauigkeit der Aussagen weit mehr Wert legen zu müssen als auf poetischen Reiz, wird vielfach wiederholt: »Freilich möchte ich gern ein Buch gemacht haben, das auch ästhetischen Wert zeigte; aber Charakteristik und Wahrheit würden durch ängstliche Glättung zu sehr leiden«.

Soweit ist das gut und schön: Die Alltagserfahrung sagt uns freilich, dass Vorsicht geboten ist, wenn jemand von sich behauptet, immerdar nichts als die lautere Wahrheit zu sagen. Zumindest in mancher Hinsicht gilt das auch für Seume, dem man gelegentlich eine kleine Schwindelei noch heute nachweisen kann: Als Beispiel mag die Darstellung seiner Besichtigung des Rosalien-Heiligtums auf dem Monte Pellegrino bei Palermo dienen:
Ich ging hinaus bis an die äußerste Spitze, wo eine Kapelle der heiligen Rosalia steht mit ihrem Bilde, das füglich etwas besser sein sollte. Die Fremden aller Länder hatten sich hier verewigt und mir wenig Platz gelassen. Alles war voll, und Stirne und Wange und Busen des heiligen Rosalienmädchens waren beschrieben; es blieb mir also nichts übrig, als ihr meinen Namen auf die Nasenspitze zu setzen. Vielleicht dachte jeder durch Aufsetzung seines Namens, das Gemälde zu verbessern; die Nasenspitze ist wenigstens durch den meinigen nicht verdorben worden; und dieses ist das einzige Mal, daß ich auf der ganzen Wandlung meinen Namen geschrieben habe, wenn mich nicht die Polizei dazu nötigte.

Das kann so nicht stimmen: Bei dem ›Bild‹ der Santa Rosalìa, der Stadtpatronin von Palermo, handelt es sich um kein ›Gemälde‹, sondern um eine ›Statue‹ (von – zugegeben – dubiosem Geschmack, für den das 17. Jahrhundert verantwortlich ist). Diese Figur ist bis heute unversehrt – keine Spur von Autogrammen! Seume hat seinen Namen also nicht der S. Rosalia auf deren Nase geschrieben, sondern nur ein seltsames Interesse daran gehabt, das von sich zu behaupten. Einem Tiefenpsychologen würde dazu gewiss etwas einfallen, zumal die Geschichte folgendermaßen weitergeht: Beim Abstieg vom Monte Pellegrino will Seume gestolpert sein, als er gar zu sehr seinen Erinnerungen an die treulose Geliebte Wilhelmine Röder nachhing:

Die Nase blutete mir. Besser die Nase als das Herz, dachte ich. Ich hatte aus Gewohnheit noch ein kleines, niedliches Madonnenbildchen an einer seidenen Schnur am Halse hängen, das mir oft das Prädikat der Katholizität erworben hatte. Das Original hatte mich königlich betrogen. Jetzt nahm ich es unwillkürlich von der linken Seite, nach welcher sich das Idolchen immer neigte, schloß unwillkürlich das Glas auf, nahm das elfenbeinerne Täfelchen heraus und erschrak, als ich es in zehn Stücke zersplittert zwischen dem Daumen hielt. Einige Minuten hielt mich Phantasus noch mit Wehmut am Original; ich saß auf einem Felsenstücke des Monte Pellegrino und sah Wilhelmine im Geist an der Spree im goldenen Wagen rollen.
Rolle zu! Und so flogen die Stücke mit der goldenen Einfassung den Abgrund hinunter. Ehemals wäre ich dem Bildchen nachgesprungen -; noch jetzt dem Original. Aber ich stieg nun ruhiger den Schneckengang nach der Königsstadt Palermo hinab; die rötlichen Wölkchen vom Ätna her flockten lieblich mir vor den Augen. Ich vergaß das Gemälde, möge es dem Original wohlergehen!


Man sollte diese Erzählung lieber nicht als buchstäbliche Wahrheit nehmen, sondern eher als drastischen Ausdruck eines offenbar tief sitzenden Traumas. Wenn aber derart intime Dinge nicht ganz glaubhaft sind, dann ist auf alles Andere auch nicht so recht Verlass. Sogar Seumes gesellschaftskritische Beobachtungen werden zweifelhaft, und zumindest mit Übertreibungen sollte man rechnen:

Nie habe ich eine solche Armut gesehen, und nie habe ich mir sie nur so entsetzlich denken können. Sizilien sieht im Innern furchtbar aus. Hier und da sind einige Stellen bebaut; aber das Ganze ist eine Wüste, wie ich sie in Amerika kaum so schrecklich gesehen habe. Zu Mittage war im Wirtshause durchaus kein Stückchen Brot zu haben.

Die Bettler kamen in den jämmerlichsten Erscheinungen, gegen welche die römischen auf der Treppe des spanischen Platzes noch Wohlhabenheit sind; sie bettelten nicht, sondern standen mit der ganzen Schau ihres Elends nur mit Blicken flehend in stummer Erwartung an der Türe. Ich blickte fluchend rund um mich her über den reichen Boden und hätte in diesem Augenblicke alle sizilianischen Barone und Äbte mit den Ministern an ihrer Spitze ohne Barmherzigkeit vor die Kartätsche stellen können. Es ist heillos.


Dass sich die Bettler ausgerechnet dort, wo »durchaus kein Stückchen Brot zu haben« ist, in stummer Verzweiflung versammeln sollen, leuchtet wenigstens mir nicht recht ein. Man verstehe mich aber bitte nicht falsch: Es geht hier nicht darum, dem redlichen Mann Seume seine kleinen Tricks vorzurechnen! Wichtiger ist, seiner Schreibmethode auf die Spur zu kommen und danach zu fragen, warum er seine Akzente so gesetzt hat. Insofern ist an der Geschichte mit den Bettlern und Baronen vor allem das interessant, dass hier ein alter, aufklärerischer Gemeinplatz wiederkehrt: Wo in Italien das Elend herrscht und die Bevölkerung Hunger und Unterdrückung leidet, da muss die unheilige Allianz von katholischer Kirche und Feudaladel die Schuld daran tragen.

Seumes Attacke auf die Faulheit der Mönche, die sich selbst an Fastentagen den Bauch vollschlagen, während die Bauern unablässig darben müssen, hat eben eine schon ziemlich lange Tradition: In beinahe jeder Italienreise des 18. Jahrhunderts kommt diese Erklärung zur Sprache – anders gesagt: die aus dem Norden kommenden Protestanten fällen ihr Urteil über den katholischen Süden anhand vorgefertigter Wertmaßstäbe, die bis auf die Reformationszeit zurückgehen. Seume macht hiervon keine Ausnahme, sondern findet nur weit schärfere Worte als seine Vorgänger. Und noch eines gilt es in diesem Zusammenhang hervorzuheben: Seume zieht aus der italienischen Misere Rückschlüsse von tagespolitischer Aktualität, die in allen Einzelheiten mit seiner Enttäuschung über den Verlauf der Französischen Revolution zu tun haben. An dieser Stelle möchte ich deshalb eine kurze Bemerkung zu Seumes politischen Überzeugungen einschieben:
Zu keinem Zeitpunkt seines Lebens kann Seume als ›Demokrat‹ oder gar als ›Linker‹ in unserem Sinne gelten, aber genauso wenig als Anhänger des Absolutismus, wie immer ›aufgeklärt‹ der auch sein mochte. Man muss Seume vielmehr als Befürworter einer spezifischen Art von Aristokratie begreifen, die freilich mit dem Geburtsadel nichts zu tun hat: Seiner Vorstellung nach sollte der jeweils ›Beste‹ die Macht ausüben, um auf diese Weise die größtmögliche Gerechtigkeit zu garantieren.Das setzt allerdings voraus, dass solche Herrscher persönlich ungemein tugendhaft sind und insbesondere keinen Eigennutz kennen, was viel verlangt sein dürfte!
Seume geht es demzufolge nicht vorrangig um Gleichheit: Als Rationalist verlangt er vom Staat in erster Linie eine Gleichheit der Chancen – und vom einzelnen Mitglied der Gesellschaft dafür die strikte Erfüllung aller Bürgerpflichten. Das macht begreiflich, warum Seume so große Hoffnungen auf die Französische Revolution gesetzt hatte und nun zu Beginn des neuen Jahrhunderts diese Hoffnungen enttäuscht sieht: »An der Seine erschien vor einigen Jahren eine Morgenröte, die versprach, die Gerechtigkeit herbeizuführen. Aber die Morgenröte verschwand, es folgten Ungewitter, dann dicke Wolken und endlich Nebeltage. Es war ein Phantom.«

Die Sturz der französischen Königsherrschaft hatte insbesondere die Stabilität der gesellschaftlichen Hierarchie erschüttert: Wer aus kleinen Verhältnissen stammte, konnte bei genügender Eigenleistung jetzt vielleicht in hohe Staatsämter gelangen. Den besten Beleg für diese ›Morgenröte‹ verkörperte Napoleon selbst – und genau dieser Napoleon schien die Ideale der Revolution nun zu pervertieren:

Ich bin dem Manne von seiner ersten Erscheinung an mit Aufmerksamkeit gefolgt und habe seinen Mut, seinen Scharfblick, seine militärische und politische Größe nie verkannt. Problematisch ist er mir in seinem Charakter immer gewesen und ist es jetzt mehr als jemals, wenn man ihn nicht geradezu verdammen soll.

Das erste große ›Ungewitter‹, das entscheidende Skandalon in der Geschichte der Französischen Revolution: das ist in Seumes Augen das lebenslange Konsulat von 1802, das Napoleon de facto zum König über Frankreich gemacht hat – verschlimmert durch das Konkordat mit dem Papst ein Jahr zuvor: »Napoleon hätte ein Heiland eines großen Teils der Menschheit werden können – und jetzt begnügt er sich, der erste wiedergeborene Sohn der römischen Kirche zu sein«. Deswegen lautet Seumes politisches Fazit aus seinen Italien-Erfahrungen:

In Rom arbeitet man mit allen Kräften an der Wiederherstellung aller Zweige der Hierarchie und des Feudalsystems. Die Mönche glänzen von Fett und segnen ihren Heiland Bonaparte. Das Volk hungert und stirbt oder flucht und raubt, je nachdem es mehr Energie oder mehr fromme Eselsgeduld hat.

Die politische Lage in Italien und ganz Europa scheint also fatal zu sein, und Seumes Spaziergang nach Syrakusliest sich insofern als ein Buch der Enttäuschung, Melancholie und verhaltenen Wut. Sein dauerhafter Erfolg als klassische Reisebeschreibung der deutschen Literatur erklärt sich dennoch nicht bloß aus den antiklerikalen Seitenhieben, die allen Freidenkern aus der Seele gesprochen haben dürften: dass die Mönche das »Ungeziefer des Staates« seien, darüber konnte man sich auf protestantischem Gebiet ohnehin leicht verständigen.

Ganz wesentlich verdankt der Spaziergang nach Syrakus seine Popularität nämlich auch einer anderen Qualität, die sein Verfasser gar nicht für sich in Anspruch nehmen wollte: der dichterischen Leistung, der Poesie! Zum Ausgleich für die sachliche Wahrheit, mit der es nun einmal nicht überall zum Besten steht, besitzt Seumes grämlicher Bericht über seine offenbar weder entspannende noch erheiternde Reise sehr wohl ›ästhetischen Wert‹ – was immer der Verfasser davon halten mochte!

Damit meine ich gar nicht die gelegentlichen Einschübe lyrischen Charakters, die Seume als durchaus versierten und witzigen, aber auch schwerfälligen und knorrigen Poeten deutlich werden lassen. Ich meine damit vielmehr gelungene Skizzen alltäglicher Ereignisse und persönliche Auseinandersetzungen mit Kunstwerken – vor allem aber Landschaftsbeschreibungen, deren Autor sich vor den poetischen Talenten seiner Zeitgenossen keineswegs verstecken muss.

Was mag Seume also unter ›Schönheit‹ verstanden haben? Zum einen hat er nicht selten damit kokettiert, »im Heiligtum« der Kunst nur ein »Laie« zu sein. In der Tat könnte sein Enthusiasmus angesichts einer zeitgenössischen Mädchenstatue in Venedig eher erotisch als ästhetisch begründet sein:

Jetzt ist meine Seele voll von einem einzigen Gegenstande, von Canovas Hebe. Ich weiß nicht, ob Du die liebenswürdige Göttin dieses Künstlers schon kennst; mich wird sie lange, vielleicht immer beherrschen. Fast glaube ich nun, daß die Neuen die Alten erreicht haben. Sie soll eins der jüngsten Werke des Mannes sein, die ewige Jugend. Ich will, ich dar!f keine Beschreibung wagen; aber ich möchte weissagen, daß sie die Angebetete der Künstler und ihre Wallfahrt werden wird.

Was zum anderen die Natur angeht, so erweist sich Seume als mustergültiger Aufklärer, der nur das schön zu finden vermag, was zugleich auch nützlich ist. Einzig die fruchtbare, wohlbestellte Landschaft kann in seinen Augen Anspruch auf ästhetischen Reiz erheben und ist dann allen sonstigen Kulturleistungen des Menschen bei weitem überlegen. Am Capo Circeo, auf halbem Weg zwischen Rom und Neapel gelegen, heißt es daher: »Ich bekümmerte mich wenig um die Ruinen des alten Jupitertempels, sondern weidete mich an der Gegend, den herrlichen Orangengärten, die ich hier zuerst ganz im Freien ausgezeichnet schön fand, und der üppigen Vegetation aller Art.« Trotzdem kann Seume auch die Faszination der ursprünglichen Natur wahrnehmen und seine Empfindungen in Worte fassen.

Das sowohl gedankliche als auch poetische Glanzlicht setzt er seinem italienisch-französischen Reisebericht jedenfalls mit der Besteigung des Ätna auf. Ebenso ausführlich wie witzig wird erzählt, wie der kälteerprobte Deutsche in Gesellschaft von recht unerfahrenen Engländern unter extremen Anstrengungen bis zum Kraterrand gelangt, wo es im April wohl in der Tat bitter kalt sein mag. Oben belohnt dann der zauberhafte Rundblick über die gesamte Insel für die Mühen des Aufstiegs:

Wir genossen das schönste Schauspiel, das vielleicht das Auge eines Menschen genießen kann. Der Himmel war fast ganz hell, und nur hinter uns hingen einige kleine, lichte Wölkchen. Die Sonne stand schon ziemlich hoch an der Küste Kalabriens, die See war glänzend. Da zeigten sich zuerst hier und da einige kleine Fleckchen auf dem Meere links vor Taormina, die fast wie Inselchen aussahen. Unsere Führer sagten uns sogleich, was folgen würde. Die Flecken wurden zusehens größer, bildeten flockige Nebenwolken und breiteten sich aus und flossen zusammen. Keine morganische Fee kann eine solche Farbenglut und solchen Wechsel haben, als die Nebel von Moment zu Moment annahmen.

Es schoß in die Höhe und glich einem Walde mit den dichtesten Bäumen von den sonderbarsten Gestalten, war hier gedrängter und dunkler, dort dünner und heller, und die Sonne schien in einem noch ziemlich kleinen Winkel auf das Gewebe hinab, das schnell die ganze nördliche Küste deckte, und das wir hier tief unter uns sahen. Der Glutstrom fing an, die Schluchten der Berge zu füllen, und hinter uns lag das Tal Enna mit seiner ganzen Schönheit in einem unnennbaren Halblichte, so daß wir nur noch den See von Lentini als einen hellen Flecken sahen. Dieses alles und die Bildung des himmlischen Gemäldes an der Nordseite war das Werk einer kleinen Viertelstunde.


Erzählungen von Ätna-Besteigungen waren seit dem späten 18. Jahrhundert geradezu eine literarische Mode geworden. Die erste stammt aus Patrick Brydones Tour through Sicily and Malta von 1774/76, und von dieser haben schon die Zeitgenossen gewusst, dass sie kaum ein Wort glauben durften. Alle weiteren Beschreibungen, etwa die von Goethe und genauso die von Seume, sind infolgedessen nicht weniger verdächtig. Zugegeben: beweisen kann ich das nicht – es würde mich aber schon sehr überraschen, wenn Goethe oder Seume tatsächlich am Kraterrand des Ätna gestanden hätten.

Aber das ist ja auch gar nicht so wichtig. Viel interessanter ist, dass sich gerade um 1800 auf geradezu inflationäre Weise eine Vorliebe für den Rundblick aus großer Höhe herausgebildet hat. Nicht bloß des Ätna-Erlebnisses wegen ist Seume hierfür ein guter Beleg: Eine solche Beobachtung aus erhabener Position erzählt er natürlich auch von seiner Vesuv-Besteigung, ebenso von der obersten Spitze des Petersdoms in Rom aus. Besonders charakteristisch erscheint mir freilich die Szene, als Seume in Begleitung des seinerzeit berühmten Grafen Landolina von den Ruinen der antiken Festung Euryalos aus auf Syrakus hinabschaut:

Ich halte dieses halbe Stündchen für eines der schönsten, die ich genossen habe, wenn ich nur die Melancholie herauswischen könnte, die für die Menschheit darin war. Von dieser Spitze übersah man die ganze große, ungeheure Fläche der ehemaligen Stadt, die nun halb als Ruine und halb als Wildnis daliegt. Rechts hinunter zog sich die alte Mauer nach Neapolis, dem Syraka und dem Hafen; links hinab ging bis ans Meer die gegen vier Meilen lange neuere Mauer, welche Dionysius in so kurzer Zeit gegen die Karthager aufführen ließ. Tief hinunter nach der Insel, die jetzt das Städtchen ausmacht, liegen die Szenen der Größe des ehemaligen Syrakus, die nunmehr kaum das Auge auffindet.
[...]
Syrakus kommt immer mehr und mehr in Verfall, die Regierung scheint sich durchaus um nichts zu bekümmern. Es war mir eine sehr melancholische Viertelstunde, als ich mit Landolina oben auf der Felsenspitze von Euryalus saß, der würdige, patriotisch eifernde Mann über das große traurige Feld seiner Vaterstadt hinblickte, das kaum noch Trümmer war, und sagte: »Das waren wir!« und mit einem Blick hinunter auf das kleine Häufchen Häuser: »Das sind wir!«


In dieser Passage findet man beinahe Alles auf einen Punkt verdichtet, was Seume als Persönlichkeit und seine Reisebeschreibung als Text ausmacht. Das fremde Land Italien wird nirgendwo ganz unvermittelt, naiv wahrgenommen. Immer hat der Reisende zuvor schon ins Buch geschaut (meistens in ein Geschichtsbuch) und erst im zweiten Schritt wendet er sich der Gegenwart und Wirklichkeit zu. Weil damit von Anfang an Einst und Jetzt, Glanz und Alltäglichkeit an einander gespiegelt werden, kann die Stimmung nur melancholisch sein: Angesichts des Bücherwissens verblasst die Realität überall dort, wo man sich nicht gerade an einem blühenden Orangenhain erfreuen kann.

Das ist eine durch und durch ›sentimentalische‹ Haltung, wenn man hier Schillers Begrifflichkeit heranziehen will: Die Wahrnehmung ist gebrochen – es gibt keine Ursprünglichkeit mehr, sondern bloß das Bewusstsein noch vom Verlust all dessen, was früher einmal besser gewesen sein soll. Hierfür scheint sich der Blick von oben herab besonders zu eignen. Wer um 1800 seiner Melancholie Raum geben will, der besteigt einen Berg (oder erzählt das zumindest). Auf solchen Höhen ist der Betrachter isoliert, ganz auf sich zurückgeworfen – die Wirklichkeit liegt tief unter ihm und kann mit einem einzigen, gottähnlichen Blick überschaut werden. Diese räumliche Distanz bringt die entscheidende geistige Distanz hervor: die Kluft zwischen Ich und Welt, zwischen Neuzeit und Antike – Gegensätze also, die zum Weltschmerz motivieren.

Hierin liegt auch der entscheidende Unterschied zwischen Seumes Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 und den Italienreisen eines Johann Wolfgang Goethe oder Karl Philipp Moritz. Letztere kann man als Reisen in die Kunst verstehen und damit als Reisen in ein besseres Land, wo Schönheit und Freiheit sich als zusammengehörig erfahren lassen.

Goethe und Moritz haben sich denn auch vergleichsweise lange Zeit in Italien aufgehalten (insbesondere in Rom als der Hauptstadt aller schönen Künste). Seumes Spaziergang stellt demgegenüber keine Seelen-Kur dar wie das Rom-Erlebnis für Goethe – statt um eine charakterliche Runderneuerung geht es jetzt um die schnelle Bestandsaufnahme durch einen kritischen Beobachter, der sich nicht viel Zeit nehmen mag und an Vertrautheit mit dem Fremden kein Interesse hat.

Für Seume ist Italien bestenfalls nebenbei auch der Hort der großen Kunst aus Antike und Renaissance. Das mediterrane Land zeigt sich ihm eben nicht als Sehnsuchtsziel, und Rom gilt hier nicht als der Inbegriff eines natürlichen, sinnlichen und kunstsinnigen – mit einem Wort also: glücklichen – Lebens. Rom erscheint dem Gegenwartskritiker Seume vielmehr als ewiges Symbol einer Knechtschaft, die nicht erst unter dem Papst begonnen hat, sondern bis weit in die klassische Antike zurückreicht. Das bloße Ende des Katholizismus bzw. Papismus würde daher noch lange keine Freiheit mit sich bringen, sondern bestenfalls die Weg für eine neue, andere und doch nicht weniger schlimme Despotie eröffnen.
Bei aller Kritik an der Gegenwart verklärt Seumes melancholische Wahrnehmung Italiens dessen Vergangenheit also in keiner Weise. In einem weiteren Rundblick aus erhabener Position heißt es deshalb, diesmal vom wohl pathetischsten Ort in Rom aus, nämlich vom Kapitol herab:


Von außen Raub und Sklaverei von innen,
Bei Cato wie bei Seneca.
Stehst Du noch jetzt entzückt vor Deinen Römern da,
Und stellst sie auf des Ruhmes Zinnen?
Vergleiche, was durch sie geschah,
Von dem Sabiner bis zum Goten;
Die Kapitolier bedrohten
Die Menschheit mehr als Attila,
Trotz allen preisenden Zeloten.
Betrachtest Du die Stolzen nur mit Ruh:
Für einen Titus schreibest Du
Stets zehn Domitiane nieder.
Behüte Gott nur uns und unsre Brüder
Vor diesem blutigen Geschlecht,
Vor Römerfreiheit und vor Römerrecht!
Wenn Peter stirbt, erwache Zeus nicht wieder!


Nicht in Rom ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu finden, sondern – wenn überhaupt – weit eher in Paris. Nicht in der Kunst oder in der Natürlichkeit gründet das Bessere, sondern Seumes Überzeugung nach allein in der gesunden Vernunft und erst recht in der politischen Kultur.

Als Symbol dafür eignet sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts von allen europäischen Städten noch immer das Paris der Aufklärung am besten. Mochte sich Napoleon auch als unwürdiger Erbe der revolutionären Ideale erweisen: dass nur die französischen Ideen von Vernünftigkeit und Gerechtigkeit die Hoffnung auf eine bessere Welt bestätigen, daran lässt der stoische Republikaner Seume in seinem Spaziergang nach Syrakus keinen Zweifel. Insofern ist auch leicht zu begreifen, warum seine Reise von Grimma bei Leipzig über die beiden Metropolen des Despotismus – Wien und Rom – nicht nur ins griechische Syrakus, sondern zuletzt bis ins Paris der Aufklärung hat führen müssen – warum es zu Beginn des 19. Jahrhunderts also nicht genügen konnte, nur das traditionsreiche Italien zu erleben: als Kontrapunkt hierzu war das revolutionäre Frankreich unverzichtbar geworden!

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