Der Autor als Johann Gottfried Seume bei der Papyrus-Suche in Syrakus.
Foto: S. Schulz

18.11.2002
Seumesuche
Autofahrt nach Syrakus
von Karl Wolfgang Biehusen


Von Bremen nach Syrakus auf der Suche nach Motiven und Ideen, nach „Locations“, also nach Drehorten. Für einen Fernseh-Film über Johann Gottfried Seume und seinen Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“. Hin und zurück 10.000 km in sechs Wochen, mit Ruhepausen aber ohne Panne. Seume lobte am Ende der Wanderung seinen Schuhmacher. Ich erlaube mir, ebenso absichtslos (wenn es denn so war), das Volkswagenwerk zu preisen.

Der Weg nach Italien

Sachsen ist eine Reise, das Göschenhaus einen Besuch wert. Nicht nur als Startplatz für eine Seume-Tour. Doch die eigentlichen Überraschungen erhoffen wir uns zumeist im Ausland.

Bereits in Petrovice (Seumes Peterswalde) wartet eine von ihnen: Die ersten Tschechen jenseits der Grenze waren vietnamesische Verkäufer von (vermutlich chinesischen) Gartenzwergen. Die machen sich gut im Film. Usti/Aussig fand ich trostlos aber in das urbane Litmorice/Leitmeritz habe ich mich verliebt. Das erschüttende Terezin/Theresienstadt darf kein Deutscher auslassen, auch wenn Seume nicht dort war. Prag entspricht den Schilderungen der ungezählten begeisterten Touristen, die hier zu mäßigen Preisen Geschichte und Bier einsaugen. Aber mein persönlicher Lieblingsort in Tschechien ist Znojmo, Seumes Znaim, der Grenzort nach Österreich. In dieser fotogenen Stadt mit ihren Kirchen und Klöstern, in einer zum Wandern einladenden Umgebung, wäre auch ich, wie Seume, gerne länger geblieben. Sie wurde denn auch zur „Location“ erhoben.

In Österreich faszinieren Städte wie Wien, Bruck und Graz. Erwartungsgemäß und für einen Film so unvermeidlich wie Szenen in Kaffeehäusern. Unverhofft, wenn auch nicht ungehofft, fand ich in Stockerau noch immer das Haus, in dem Seume eine sorgenvolle Nacht verbrachte: Der steile Berghang, dessen Absturz er fürchtete, trägt jetzt einen Pfeiler der Autobahn, die das enge Tal überspannt. Auf den Simmering quälen sich keine Pferdegespanne mehr. Wintersportler flitzen in Autos schneewärts bergan, zum April-Ski auf der Passhöhe.

Hinter der Grenze nach Slowenien bleibt überraschender Weise die Überraschung aus. Exotik fehlt. Die meisten slowenischen Dörfer und Städte auf der Seume-Tour, vor allem Maribor/Marburg und Celje/Cilli, verströmen einen österreichischen Charme, der sich in seinem Heimatland schwerer gegen seine Vermarktung behauptet. Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte haben halt städtebaulich Spuren hinterlassen. Die gemeinsam gelebte (Seume würden sagen: erlittene) Religion tat und tut sicher das ihre um einen Kulturraum zu formen und zu erhalten, den die europäische Gemeinschaft nicht erst schaffen muss.

Hat man die abwechslungsreiche Alpenlandschaft hinter sich, durchfährt man bis zur Adria-Küste eine reizvolle und an Höhlen reiche Karst-Landschaft, für deren touristische Erschließung sich Seume nachhaltige Verdienste erwarb. Er war hier selber Tourist und sein Bericht über die Höhlen von Postojna knallte womöglich als Startschuss die heutige Völkerwanderung in das bizarre Reich von Tropfsteinen und augenlosen Lurchen an.

Der Weg durch Italien

In der ersten italienischen Stadt des Seume-Weges, Triest, wird man nicht an den Johann Gottfried Seume erinnert. Sondern an Johann Joachim Winckelmann. Zumindest im Hotel „Duchi d’Aosta“, der „Locanda Grande“, in der jener verreckte. Grund genug für Seume und mich, hier angenehm gruselnd zu nächtigen. Der tote deutsche Gelehrte lässt damals wie heute keinen Italienreisenden mehr los – ob er es will oder nicht. Wir sehen, wie Seume, vor allem die marmornen Zeugnisse der Antike mit Winckelmanns strengen Augen und können uns nicht vorstellen, dass sie einst bunt bemalt waren. Wie heute der große Platz vor der „Locanda“. Seume suchte nichts Antikes in der, ihm (nicht mir) trist erscheinenden Handelsstadt Triest. Er ging ins Theater und wunderte sich über das lärmige Publikum. Das Thema Theater, wichtig für Seume, hatte ich leider schon für Wien verplant – um einen Dolmetscher zu sparen.

Hinter Triest wähnte Seume sich endlich im Bannkreis der Antike. Sie hat ihn verwirrt, dachte ich beim Blick auf die Landkarte und seiner schwer nachvollziehbaren, verschlungenen Route durch die voralpine Landschaft. Vor allem beim Vergleich mit der Trassenführung der Küsten-Autobahn nach Venedig. Aber es waren wohl die Wege- und Wetterverhältnisse, die Seume etwa nach Görz, also Gorizia, führten. Hier lohnt heute der Blick in die Burg, wo ein Museum an die Isonzo-Schlachten aus dem ersten Weltkrieg erinnert. Sie haben für Italiener und Österreicher aus furchtbarem Grund die gleiche Bedeutung, wie der Stellungskrieg bei Verdun für Deutsche und Franzosen. Im Film blieb leider kein Platz für eine Gedenkminute.

Im Thermalbad Abano-Terme ist Seume nicht gewesen. Im Gegensatz zu zahllosen Deutschen der Gegenwart, die sich (wie ich) in einem Ort mit „Kursaal“ wohl fühlen und von hier aus per Auto und Eisenbahn problemlos Venedig, Padua, Rovigo, Ferrara und Bologna erreichen. Alle diese Seume-Stationen sind einen Besuch wert. Sie verleiten zum Grübeln. Womit hat der Wanderer neun Tage in Venedig verbracht, wenn ihn außer Elend und Canovas Hebe eigentlich nichts so recht interessierte? Und: Hat er in Ferrara die Este-Burg nicht gesehen? Ich hätte sie gerne besichtigt, aber die Stadtbibliothek war wichtiger: Dort kann man mit Seume noch immer das Grabmal Ariosts besichtigen – und einen Augenblick an Casanova denken, der seinen „Orlando furioso“ aus dem Kopf zu rezitieren wusste. In Bologna steht noch der Neptun-Brunnen, eine der vielen Wasserstellen, die Seume auf seiner Reise würdigte. Zum Glück hat irgendwer in den vergangen 200 Jahren die Straßen gereinigt.

Geraden Weges geht es weiter. Imola: Was dem verblüfften Sachsen das karnevaleske Treiben war, ist heutigen Reisenden das Autorennen, in dem ein gewisser Schumacher Heimrecht genießt: ein Höhepunkt des Jahres. Savignano: den Rubicon fand ich erst ein Jahr später (Tatsächlich: der Kameramann fand ihn), aber eine Beerdigung entschädigte mich mit einer Trauermusik, wie ich sie nur in New Orleans Herz zerreißender hörte. Rimini: der Brunnen, der Seume fast mit dem Papst versöhnt hätte. In Ancona bildet der Hadrians-Bogen noch immer den Vordergrund von Panorama-Blicken. Und der Barmixer übersetzte „Bloody Mary“ nach einem Blick in die Getränkekarte mit „trentadue“, was ich auch ohne jenes Lehrbuch „Das andere Italienisch“ verstand, das ich bei mir trug, weil der Autor Gottfried Seume heißt. Nicht verwand und nicht verschwägert mit Johann Gottfried.

Alkohol und Scherze sind Seume-Suchern erlaubt in einer Gegend, wo auch ihr Vorläufer übermütig wurde. Der Wallfahrtrummel in Loreto ist noch immer nicht ernst zu nehmen, die Landschaft wirkt heiter und wird noch immer von der mittelalterliche Wasserleitung durchzogen. Eine Inschrift verrät, woher Seume seine Kenntnisse zur Baugeschichte bezog. Die anschließende Autofahrt durch das „grüne Herz Italiens“ (Werbespruch) ist weitaus bequemer, als es ein Gewaltmarsch vor 200 Jahren gewesen sein dürfte. Zumal wenn der Wanderer Wein genossen hat. Und den wusste Seume zunehmend zu würdigen, in dem Land „wo kein Stein ohne Namen ist“: er kannte und erkannte die Gegend als Leser antiker Schriften. Das gilt auch für Spoleto, dem „finsteren Loch“, das sich als ergiebigste „Location“ auf dem ganzen Weg erwies. Wir schätzen heutzutage mittelalterliches Ambiente, das den Aufklärer anwiderte. „Die ganze Stadt ist Bühne“ wird der Leiter des alljährlichen Theater-Festivals später im Film schwärmen.

Bei Terni zeigt ein großflächiger Parkplatz: Ungebrochen ist das Interesse am Wasserfall „Cascata delle Marmore“, den Seume als technisches Meisterwerk pries. Enttäuscht von leise plätschernden Rinnsal wollte ich gerade wieder gehen, als eine Devotionalien-Verkäuferin mich aufklärte: „Um elf Uhr heult eine Sirene und dann wird das Wasser aufgedreht“. Leider nicht im Film. Dafür reichte die Sendezeit nicht.

Der künstliche Wasserfall von Terni vernebelte, gewaltig rauschend, den Himmel – und erwies sich als Vorbote kommenden Wetter-Unheils. Über Narni zogen sich Wolken zusammen, ließen es auf das Dörfchen Otrikoli (das Seume zu Unrecht hässlich fand) tröpfeln, regneten sich stramm auf Civita Castellana und die imposanten Ruinen von Falerii novi ab (die ich mir nicht, wie Seume, entgehen ließ) und schütteten unter Donner und Blitz Wassermassen auf Rom. Ich nahm die Sintflut als Zeichen, umkurvte das Zentrum jener Religion, die Seume verabscheute und nahm ein Hotel in den Albaner Bergen. Bei Castel Gandolfo, dem Sommersitz des Papstes, vor dem ich im frühen Frühjahr sicher war. Er hätte mich freilich auch im August kaum beachtet.

Ich bin ihm auch in Rom aus dem Weg gegangen. Mir stand der Sinn nach einem Besuch im „Café Greco“. Und nach Goethe, dessen Kult in Italien fast frischer als in Deutschland blüht. Im „Casa di Goethe“ lässt ein Originalbrief von Tischbeins Untermieter an seinen Verleger Göschen die Herzen aller Pilger aus Grimma höher schlagen. Hier weiß man nicht nur den Dichterfürsten aus Weimar zu schätzen. Hier werden, sogar wissenschaftlich, tendenziell alle Deutschen gewürdigt, die sich im Laufe der Jahrhunderte in Italien Erweckung, Belehrung oder Karriereschübe erhofften. Seume gehört sogar zu den Favoriten der Einrichtung, wie deren Leiterin später, im Film, versichern sollte.

Zwischen Ariccia und Genzano di Roma beweist eine ruhige Siedlung stilvoller Einfamilienhäuser, dass die Wegelagerer, die Seume überfielen, ihre Einkünfte gut angelegt haben. Blühend seit 200 Jahren: Die Landschaft zwischen Genzano und Velletri – jedenfalls abseits der viel befahrenen Via Appia. In Tor tre Ponti könnte Seume im Kreis von Fernfahrern eine Pizza essen. Vor Terracina, wo er fast ertrank, stehen nicht einmal Pfützen auf der Straße: Mussolini hat die Pontinischen Sümpfe trocken legen lassen. Derartige Wohltaten nutzen seine politischen Nachfahren bis heute, um die Erinnerung an faschistische Schandtaten vergessen zu machen.

Jetzt folgte ich Seume in die „schöne magische Gegend“ am Golf von Gaeta – und begann seinen Bericht aufmerksamer zu lesen. Beim romantischen Rundblick von den Trümmern des „Tempio di Giove Anxur“ auf dem Hausberg von Terracina gab mir der Eifer zu denken, mit dem der Autor seine Ignoranz gegenüber diesem Relikt aus der Antike zu demonstrieren sucht. Hatte die Sehnsucht nach den Quellen seiner lateinischen und griechischen Lektüre ihn doch maßgeblich nach Italien gelockt. Offenbar wurden ihm unterwegs der Alltag, die Menschen, Essen und Trinken immer wichtiger. Die virtuelle Welt scheint zu verblassen, wird mit jeder Wanderwoche durchsichtiger. Als begänne Seume sich allmählich selber zu entdecken, als Reisenden in der Realität. Die Wirklichkeit gefiel dem Wanderer freilich meistens weniger, als sein Traum. Da wurde er zornig. Und manchmal glücklich, vor allem nach einer guten Mahlzeit.

Offenbar orientieren sich Traumreisende noch im Erwachen an die Bilder in ihrem Kopf – und kommen zu anderen Urteilen, als weniger gebildete Touristen. Für mich blieben Fondi und Itri graue Städte unter heißer Sonne, Gaeta hingegen war mehr als ein Frühstück wert. In Formia konnte ich auf die Schnelle eher die Reise-Motive der Bade- und Boots-Touristen nachvollziehen, als Seumes Verzückung. Ausgerechnet hier hat ihn der Geist der Geschichte besonders machtvoll angehaucht. In Sessa-Aurunca war ich mit ihm dann wieder einig. Schnurgerade führt die Flanier- und Hauptstraße bergaufwärts ins Zentrum einer der hübschesten und urbansten Städte des ganzen „Spaziergangs“ mit vielen Panorama-Ansichten von der weiten Welt. Den besten hatten die Mönche, was Seume störte. Mich auch.

Die „paradiesische“ Campagna will ich gerne vergessen. Industrie, Gewerbe, Müll, Prostitution – und ein kasernenartiges Riesen-Schloß in Caserta, bewacht von einem unfreundlichen Pförtner. Der Neubau galt im 18. Jh. an Pracht seinem Vorbild in Versailles überlegen. Jetzt verfällt er wie der Ruhm seines Erbauer, dem dritten König Karl von Neapel und Sizilien und seiner despotischen Nachfahren.

Einer tauchte Neapel ins Blut von Revolutionären, was Seume weniger wurmte, als das Regiment von Napoleons Schwager Murat. Aber dieses Urteil ist wohl seinem komplizierten Verhältnis zu dem Korsen geschuldet. Heute ist Neapel der Albtraum aller Autofahrer. Darf man Einbahnstraßen in der falschen Richtung nutzen? Man darf. Man muss sogar, will man ans Ziel kommen. Glücklich, wer einem Polizeiwagen folgen kann, denn er erkennt, vor welcher grün leuchtenden Ampel man anhält und welche rot warnende Ampel zu ignorieren ist. Traumatische Erlebnisse im Straßenverkehr und bei Ausflügen, etwa zu den überlaufenen Trümmern von Pompeji, sind der Preis für traumhafte Blicke über den Golf von Neapel. In der Ferne lockt das Ziel.

Auf Sizilien

Palermo: Wider Erwarten eine weitere Lieblingsstadt – und dank des Trainings in Neapel zu bewältigen. Außerdem leicht zu Fuß zu erkunden, etwa vom Parkplatz „Piazza Marina“ aus, den Garibaldis Statue (unvermeidlich in jeder italienischen Stadt) und einige Nachkommen jener Kleinkriminellen bewachen, die Seume auf Sizilien belästigten. Ich schätze sie wirklich, bezahle sie gut und wähne mich als ihr Freund.

Palermo: Touristenströme drängeln sich auf schmalen Corso-Bürgersteigen zu den atemberaubenden Bauwerken der Normannen, die Seume keines Wortes würdigte. Dagegen wirkt seine Verachtung des Barocks wie Lob: bizarre Pracht hat er jedenfalls wahrgenommen. Nahe ist man dem Aufklärer im Botanischen Garten, denn der stammt aus seiner Zeit und galt als Mekka der Naturwissenschaftler, der Leitwissenschaft aller Streiter wider die Unvernunft. Goethe wird ihnen zugerechnet. Er suchte hier die „Urpflanze“.

Ich wähnte mich in Palermo Seume näher, als dem esoterisch angehauchten Dichterfürsten. Selbst auf dem Monte Pellegrino, wo Goethe bis heute geehrt wird, obwohl er sich beim Anblick der Marmor-Statue der Heiligen Rosalia zumindest nicht mit dem Ruhm bekleckert hat, ein Kunstkenner zu sein.

Ich fühlte mich, den „Spaziergang“ in der Hand, dem Dichter Seume nahe – nicht dem Wanderer. Denn seine Rosalia-Statue (oder war es ein Bild?) ist nicht zu finden. Die Realität auf dem Pilgerberg will zu keinem der vielen wohl gesetzten Worte passen, die Seume seiner Befreiung von Wilhelmine Röders Angedenken widmet. Hat er den Weg, wenn er ihn denn nahm, womöglich nur bis zur halben Höhe erklommen? Dort steht eine kleine Kapelle am Zick-Zack-Weg. Mit Steilhang und Blick über Stadt und Hafen. Ich musste den gut ausgebauten Fußpfad nehmen und war allein unterwegs, denn Italiener pilgern per Auto – oder gar nicht. Die Fahrbahn zu Rosalia aber war gesperrt.

Mit vielen Autos teilte sich meines den Weg nach Agrigent. Über Brücken, die Seume vermisste, vorbei an Dörfern, die er nicht nennt. Dafür fehlten Orte, die er beschreibt. War er überhaupt hier? Freilich, in 200 Jahren hat sich Sizilien verändert, durchaus zum Wohle seiner Einwohner. Es wirkt gesäubert – von Bäumen und Armut. Beides begrüßen die Sizilianer, wenn ich mich nicht täusche.

Sie würdigen den Fortschritt wie er eben kommt – oder auch nicht. Ich fand ein Dorf, in dem eine wütende Menschenmenge den Baggerführer bedrohte, der das Werk vollendete, das ein Erdrutsch begonnen hatte. Die Wut, dachte ich, galt dem Verlust von Wohnraum. Falsch gedacht: Die Aussicht auf schmucke Wohncontainer stimmte die Obdachlosen sogar froh. Aber nicht froh genug, um den Verlust einer Madonna zu verschmerzen, die sich samt ihrer Kirche vor ihren (und meinen) Augen in Bauschutt auflöste. Da fühlte ich mich, kopfschüttelnd, fühlen wie Seume.

Aufgeräumt hat man auch den Agrigenter Tempelberg, auf dem jene Ruinen stehen, die Seume Anlass zum Prahlen boten: Der nordische Held turnt hoch über dem Kopf eines ängstlichen Eseltreibers auf den antiken Mauern. Zumindest heute würde er eine Leiter benötigen, um dem Concordia-Tempel auf’s Dach zu steigen. Ich jedenfalls fand keine Leiter, nur Japaner. Sie bewiesen mit ihren Kameras in großer Zahl, dass dieser Ort eine ergiebige „Location“ darstellt. Auch für einen Blick auf die Zeitgeschichte. Um illegal im „Tal der Tempel“ erbaute Villen war gerade ein Streit entbrannt. Ich habe auf Sizilien Orte gesehen, die schlimmer verschandelt worden sind. Bagheria bei Palermo zum Beispiel, wo von dem Anwesen des Prinzen von Palagonia nur noch die zerfallende Villa erhalten blieb. Seume schmäht den bizarren Barockbau, obwohl er ihn nicht sah und lobt des Prinzen Heimatdorf, das er auf seinem Irrweg nach Syrakus versehentlich betrat. Ich war bewusst hier wie dort – und kam in beiden Fällen zu einem gegensätzlichen Urteil.

Was Licata betrifft, bin ich mit dem Sachsen einer Meinung: Ein hübsches Städtchen, unscheinbar, liebenswert und vom Tourismus übersehen. Rentner dösen im Schatten von Alleebäumen, Bauern bieten Orangen feil, Werftarbeiter kratzen den Rost von kleinen Kuttern und Fischer fahren den Ertrag einer ganzen Nacht auf dem Moped nach Hause. Es heißt, die Mafia bildet in diesem nicht gerade boomenden Ort ihren Nachwuchs aus. Er wird es nötig haben, denkt man zumindest als Leser des „Spaziergangs“. Hier wurde Seume zwar beinahe beraubt, aber eben nur beinahe. Wen das Mitleid übermannt, ist kein kompetenter Räuber und bedarf der Schulung.

Der Küstenweg führt durch weite Täler voller Gewächshäuser zu den Ölraffinerien von Gela. Und zu einem Stück Autobahn ohne Zugang, aber mit hohem Symbolgehalt: Hier fand schon Seume das Pfadfinden problematisch. Ich folgte ihm auf schmalen Straßen nach Caltagirone. Diese Stadt entzückte mich, bunt gekachelt, als zweite Hochburg Italiens (nach Faenza) für Keramik-Arbeiten.

Caltagirone wurde Drehort – und verhalf mir als solcher zu einem verwirrenden Einblick in das italienische Verständnis von Zivilgesellschaft. Derart viel Aufwand (und Geld) hatte mich die Beschaffung von Drehgenehmigungen für italienische „Locations“ gekostet, dass ich an Nebenschauplätzen auf sie verzichtete. So stand denn eines Tages das ganze Filmteam samt Kamera auf einer Straßenkreuzung von Caltagirone, ungeschützt von einer „Permesso“ des „Sopraintendente“, als gleich zwei uniformierte Gesetzeshüter die Szene betraten. Ich sah mich schon in Handschellen – als die Beamten begannen, den Verkehr um uns herum zu leiten. Lästig wurden die beiden Polizisten erst als Cicerone: Sie kannten viele Sehenswürdigkeiten der Stadt, die zu filmen einfach unerlässlich sind.

Liebenswürdig und hilfsbereit:. So habe ich die Menschen auf Sizilien kennen gelernt. „Eingeboren“ wie Zugereiste. Und viele Kennerinnen und Kenner von Seume waren darunter. Ich bin ihnen zu Dank verpflichtet. Einer wurde, hoffentlich, zum Freund: Mario vereint Seume und dessen Fremdenführer in Syrakus, den Ritter Landolina, in einer Person: Bauernsohn aus Sizilien, Student in Deutschland, Ingenieur in Berlin – und aus Heimweh Heimatforscher in Syrakus.

Es waren Mario und seine Kollegin Andrea, die mir Seumes Zielort Syrakus sympathisch machten. Ohne sie hätte ich den ersten Eindruck nie verwunden: Ölgestank seit Augusta (von wo ich, Seume folgend, die Stadt erreichte), Verkehrslärm, menschenfeindliche Wohnblöcke und antike Reste, in denen eher Kommerz als Kultur auffallen. Jetzt schätze ich die heimeligen Winkel auf der Halbinsel Ortygia. Jetzt weiß ich, dass Seume im Papyrus-Dickicht des Flusses Ciane kaum auf Aale gestoßen sein kann. Und dass es ziemlich gleichgültig ist, auf wessen Spuren reisend man nette Menschen trifft. Hauptsache man trifft sie.

Nachwort

Den höchsten Punkt seiner Reise erreichte Seume auf dem Gipfel des Ätnas. Ich bin ihm gefolgt, so weit das Auto von Nicolosi aus fahren durfte. Ich habe mich mit den übrigen Touristen durch die Souvenir-Buden gedrängt, habe ein Glas Ätna-Honig aus Zafferana gekauft und mich auf die Terrasse einer Bar gesetzt. Mit Blick auf die Seilbahn und den Gipfel, an dessen Rand sie ihre Passagiere trägt, habe ich ein Glas roten Ätna-Weins und den Bericht des Bergsteigers Seume goutiert.

Das Kletterkapitel hat mich literarisch überzeugt. Wie das ganze Buch „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“. Ich freue mich, den tapferen Sachsen über die Lektüre als einen begabten Selbstdarsteller und großen Dichter kennen gelernt zu haben. Wo immer Seume gewesen, was immer er erlebt haben mag: Ich bin ihm dankbar, dass er mich auf eine wunderbare Reise gelockt hat.


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