Die „Casa Tarpeja“ am Rande des Kapitols, wie Hermann Allmers sie sah. (Ausschnitt einer Zeichnung in: Hermann Allmers: "Römische Schlendertage", Oldenburg 1904 )

Heute fehlen die Häuser im Vordergrund - die Felsenkante wirkt dennoch nicht so dramatisch wie die Sage vom "Todesfelsen" nahelegt.

Der folgende Text ist erstmal veröffentlich worden im „Jahrbuch der Männer vom Morgenstern“, Bd. 86 für das Jahr 2007 (Bremerhaven 2007, S. 78-88). Geändert und korrigiert wurde der letzte Absatz.

3.12.2008
Hermann Allmers – Ein Protestant in Rom

Karl Wolfgang Biehusen


Es ist vor allem das „Marschenbuch“, für das Hermann Allmers (1821-1902) bis heute bekannt geblieben ist – oder sind es die norddeutschen Schulen und Straßen die ihn, seinen Namen tragend, vor dem Vergessen bewahrt haben? In Antiquariaten findet man auch noch seine „Römischen Schlendertage“(1) – aber dass Hermann Allmers einst ein einflußreicher Kirchenpolitiker gewesen ist, weiß kaum noch jemand. Von diesem Aspekt im Leben und Werk von Allmers handelt dieser Aufsatz und von der Bedeutung, die in diesem Zusammenhang seinen Reisen nach Rom zukommt.

Jahrelang, ja eigentlich seit meiner Konfirmation, war ich allem kirchlichen Leben völlig entfremdet. Erst in Rom bin ich wieder mit diesem in Harmonie getreten. Was aber solche Wandlung bewirkt hat, weiß ich kaum selber; war es Jugenderinnerung, Schönheit, Poesie oder Symbolik? Ich wag es nicht zu entscheiden, aber ich freue mich von ganzer Seele, daß ich zu solcher wohltuenden Harmonie gelangt bin, und werde alles daransetzen, diesen Standpunkt auch ferner zu behaupten. (2) Dieses Bekenntnis findet sich in einem Brief, den Hermann Allmers 1861 seinem vermutlich besten Freund, dem Arzt und Zoologen Ernst Haeckel (1834-1919), schrieb. Die beiden Männer hatten sich 1859 in Neapel kennen und schätzen gelernt. Die Korrespondenz zwischen Allmers und Haeckel hat ihren Niederschlag in der Briefsammlung „Haeckel und Allmers. Die Geschichte einer Freundschaft in Briefen der Freunde“ von Rudolph Koop gefunden und zeugt unter anderem von dem gemeinsamen Interesse der Freunde an religiösen Fragen, das freilich nicht zu den gleichen Antworten führte.

Intensiver als Allmers beschäftigte sich letztlich Haeckel – im Zusammenhang mit seinem Einsatz für die Evolutionslehre von Charles Darwin – mit dem Christentum und kam zu radikaleren Ergebnissen. Auch er kam bei seiner Suche nach Erkenntnis an Rom nicht vorbei: Mitglieder eines Freidenker-Kongresses sollen ihn dort 1904 zum Gegenpapst ausgerufen haben. (3) Zwei Jahre später gründete er in Jena den Deutschen Monistenbund, der für die Verbreitung „wissenschaftlicher Erkenntnisse und allgemein einer monistischen Weltanschauung, also des Prinzips der Einheit von Natur und Geist, eintrat. Zudem stand er für eine weltliche Ethik, die gegen christliche Dogmen in Stellung gebracht wurde. Der Bund wurde am 16. Dezember
1933 von den Nationalsozialisten aufgelöst“(4).

Haeckels Freund Hermann Allmers hat sich immerhin mit der evangelikalen lutherischen (Neo-) Orthodoxie angelegt (5). Zwei Jahre nachdem er den oben zitierten Brief geschrieben hatte, stritt er als führender „Katechismus-Revolutionär“ und Vertreter der „Vernunftgläubigen“ in der sogenannten Vorsynode sie galt der Neuorientierung und -organisation der Landeskirche im Königreich Hannover , für den liberalen Glauben der Aufklärung, in dem er aufgewachsen war. (6)

Allmers in Rom
Hermann Allmers hat Italien mehrfach bereist. Am längsten und intensivsten in den Jahren 1858 und 1859, in deren Verlauf er sieben Monate in Rom verbrachte und auch Süditalien einschließlich Siziliens besuchte. Im Mittelpunkt der katholischen Welt zeigte er sich keineswegs nur an dem Land, seinen Bewohnern, seiner Kunst und seiner Politik interessiert, sondern auch offen für religiöse und kirchliche Fragen. Wer sein Erinnerungsbuch „Römische Schlendertage“ liest, kann sogar zu dem Schluß kommen, dass der „Marschendichter“ auf eine Art Erleuchtung hoffte. Aufmerksam und wissbegierig nutzte Allmers vor allem die Weihnachts- und Osterzeit, um sich in Kapellen, Kirchen und Kathedralen umzusehen, umzuhören und Prozessionen zu beobachten. Er fand u. a. in der Sixtinischen Kapelle sogar Gelegenheiten, den damaligen Papst Pius IX. kennen zu lernen, wenn auch sehr flüchtig. (7) Er fand „Pio Nono“, wie er den Stellvertreter Christi auf Erden wenig respektvoll aber im Einklang mit dem römischen Volk benannte, zwar persönlich
ganz sympathisch, aber selbst – oder gerade – ein pomphaftes Hochamt in Sankt Peter ließ ihn letztlich kalt. Einerseits beeindruckte ihn das Schauspiel der katholischen Zeremonien, andererseits stieß es ihn ab: Daß man unter Umständen katholisch werden mag, begreife ich sehr wohl, daß man es aber in Rom werden kann – dabei steht mir der Verstand still“(8).

Allmers wollte halt nicht nur über seine Sinne angesprochen werden, sondern auch über seinen Verstand seine Affinität zum Marienkult (9) dürfte zwischen beiden Polen rangieren. Des doppelten Bedürfnisses ist er sich vermutlich nicht zufällig in Rom bewusst geworden: Gerade vor dem katholischen Hintergrund hat er offenbar den Protestantismus schätzen gelernt: Alles in allem genommen sehe ich immer mehr ein, daß sich keine Stadt mehr eignet, einen gründlich zum Protestanten zu machen, als Rom schrieb er seinen Hausgenossen in Rechtenfleth im März 1859. (10) Diese Erkenntnis lässt sich sogar datieren. Allmers hat im November 1858 erkannt, für welche Konfession sein Herz schlägt: Vor 14 Tagen war ich zum erstenmale in der kleinen protestantischen Kapelle und bin seitdem noch einmal wieder dort gewesen. Sie ist hier im Palaste Cafarelli [sic], dem Eigentum des Königs von Preußen und dem Sitz der Gesandtschaft, notierte er am 10. Dezember 1858 in seinem Tagebuch und stellte fest: Selten ist mir in einer protestantischen Kirche so feierlich und fromm zu Mute geworden, als in diesen kleinen schlichten Räumen. (11) Diese Kapelle sucht man heute vergebens – aber nicht ohne Gewinn – auf dem Kapitol.

Touristen versäumen es selten, das Kapitol zu besuchen, den kleinsten aber geschichtsträchtigsten der sieben Hügel des alten Rom, das religiöse und politische Zentrum der Stadt in vorchristlicher Zeit. Von der Piazza Venezia kommend erklimmen sie eine breite Treppe zu seinem Gipfel. Er besteht in der Piazza del Campidoglio, einem Platz, den Michelangelo gestaltet hat. Dort bestaunen sie zunächst eine vergoldete Kopie der Reiterstatue des Kaisers Marcus Aurelius und finden deren Original in einem der Gebäude, die den Platz umranden und in ihrer Gesamtheit die Kapitolinischen Museen bilden. Zu diesem Museumskomplex zählt, eher im Hintergrund in der zweiten Reihe gelegen, auch der Palazzo Caffarelli. Dieser Palast bzw. seine Reste bieten den Touristen außer Kunstwerken ein Café und eine Dachterrasse mit einem überwältigenden Blick über Rom. Der Blick wird in der Ferne, wenn auch innerhalb der alten Stadtgrenze, der Aurelianischen Mauer, vom grünen Hügel des Gianicolo begrenzt. Auf dem Gipfel dieses römischen ‚Hausberges’ erinnert Giuseppe Garibaldi, zur Statue erstarrt, an den Untergang der Römischen Republik im Jahre 1849, gerade einmal neun Jahre vor Allmers’ Ankunft in Rom. Kaum ein Reiseführer erwähnt, dass man sich im Palazzo Caffarelli auf den Resten der Gesandtschaft befindet, die das Königreich Preußen einst im Kirchenstaat unterhielt. Seit 1871 diente sie dem gerade gegründeten Deutschen Kaiserreich als Botschaft in der neuen Hauptstadt des nicht viel älteren Königreichs Italien.

Von der erwähnten Terrasse fällt der Blick auf einen unscheinbaren Bau jenseits des ehemaligen Botschaftsgartens, auf die „Casa Tarpea“. Dieses Gebäude hat in Allmers’ Leben eine große Rolle gespielt, mehr noch: ihm kommt in der deutschen Kulturgeschichte eine kaum zu unterschätzende Rolle zu. Hier hat frohgemut und glücklich auch Hermann Allmers logiert, wie viele zum Teil weitaus bedeutendere Deutsche. Das Haus erhebt sich jenseits der Via Monte Caprino und des Botschaftsgartens direkt am Rande des Tarpeischen Felsens, von dem in grauer Vorzeit die Römer Verräter in den Tod gestürzt haben, der Sage nach als Erste eine Dame namens Tarpea.

In dieser unheilschwangeren und exponierten Lage des seinerzeit verlassenen und verwüsteten Kapitols hatte sich um 1580 ein gewisser Ascanio Caffarelli seinen Stadtpalast erbauen lassen auf einem Grundstück, das Kaiser Karl V. als Dank für treue Dienste der Familie überlassen hatte. Die Römer hatten die Bedeutung des Kapitols für ihre eigene Geschichte damals fast vergessen. Im frühen 19. Jahrhundert begann ihnen zwar zu dämmern, dass der Palast nicht im Irgendwo stand, aber sie konnten es nicht verhindern, dass sich hier Ausländer festsetzten. Ausgerechnet die ketzerischen Preußen richteten in ihm ihre Gesandtschaft ein. (12).

Die nordischen Ketzer, genauer: der preußische Gesandte Bunsen, erwarben 1835 überdies ein Grundstück am Rande des Botschaftsgeländes, ganz nahe an der symbolträchtigen Felskante, die damals dank dichter Bebauung kaum als solche erkennbar war. Aus vorhandenen Gebäuderesten entstand hier die Casa Tarpea. Das Haus war als Krankenhaus für Protestanten gedacht, diente aber mangels Auslastung schon bald auch als Gästehaus für die Gesandtschaft und für das internationale, dann preußische und später Deutsche Archäologische Institut in Rom. Das Istituto di Corrispondenza Archeologica, so der ursprüngliche Name des Instituts, existierte zwar schon seit 1829, erhielt aber 1835 neben dem Kranken- bzw. Gästehaus eigene Räume – oder besser: den einzigen Raum in einem kleinen Bau, der einem griechischen Tempel nachempfunden war. Er hat dem Umbau Roms zur italienischen Hauptstadt bis heute äußerlich unverändert getrotzt. (13)

Von der prekären Kante des Kapitols aus genoss Hermann Allmers bei seinen beiden Besuchen die Nähe zum antiken Rom sowie einen grandiosen Rundblick und die Gesellschaft einiger der interessantesten deutschen Zeitgenossen. Der „preußische Parnaß“ auf dem Kapitol bot im 19. Jahrhundert Arbeits- und Lebensraum für gelehrte Diplomaten wie den Gesandten Christian Carl Josias Bunsen (1791-1860), Geistesgrößen wie den Historiker Ferdinand Gregorovius (1821-1891) und Künstler wie den Bremer Bildhauer Carl Steinhäuser (1813–1879), der die Werkstatt des wesentlich berühmteren Bertel Thorvaldsen (1770–1844) übernommen hatte. Im Palazzo Caffarelli ist später freilich auch der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. aufgetreten. Sein aufwändig gestalteter Thronsaal fiel denn auch dem Zorn der Italiener zum Opfer, als das deutsche Gastspiel auf dem Kapitol mit der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg sein Ende fand. Zu den Verlusten des Teilabrisses des Palastes zählt auch der schlichte Kirchenraum, in dem Hermann Allmers zu seinem persönlichen Glauben fand. Zu den Gewinnen gehört die erwähnte Terrasse.

Das architektonische Vorbild für die ideale protestantische Kirche hat Allmers übrigens weniger im realen Damals und Hier, als im Idealbild der antiken Basilika gefunden und in den „Schlendertagen“ beschrieben. (14) Ausgerechnet von diesem Bautyp hat sich zwar in Rom kein Beispiel unverfälscht erhalten, aber der Stil dieser vorchristlichen Markthallen konkurrierte in seiner neuromanischen Form im 19. Jahrhundert bei Kirchen-Neubauten heftig mit jenem neugotischen Stil, den man noch heutzutage in besonderem Maße mit dem „Historismus“ verbindet. Dass Allmers die Romanik als „deutsch“ empfand und die Gotik als eigentlich französischen Ursprungs und folglich als „undeutsch“ verdammt hat, verweist auf seine im Alter zunehmend erkennbaren nationalistischen Ansichten. Mit dierser Tendenz befand er sich, wie so oft, im Einklang mit dem Zeitgeist. Genauso wie mit seinem neu erwachten Interesse für religiöse Fragen – nur dass er in diesem Fall gegen die Strömung schwamm, die gerade in Norddeutschland die kirchlichen Strukturen veränderte.

Bevor Religionsfragen unter dem Reichskanzler Bismarck und seinem „Kirchenkampf“ weltweit die Öffentlichkeit beschäftigten, spielten sie in den letzten Jahren des Königreichs Hannover, also vor dessen Annexion durch Preußen im Jahre 1866, eine Rolle als innerprotestantisches Problem mit anfangs kaum erahnter politischer Bedeutung. Die Frontlage lässt sich so beschreiben: Die politisch fortschrittlich Denkenden im Lande wie Allmers ersehnten eine deutsche Republik, mindestens aber das Ende des Königreichs Hannover zugunsten des modernen preußischen Staates. Sie kämpften deshalb in kirchlichen Zusammenhängen – nur scheinbar widersprüchlich – für die Beibehaltung der damals traditionellen, aufklärerischen Kirchenordnung. Die politisch Konservativen kämpften ähnlich eifrig für die Legitimität der Herrscher „von Gottes Gnaden“ im Allgemeinen und der Welfen in Hannover im Speziellen – und für eine damals brandneue bibeltreue, lutherisch orientierte Theologie und Frömmigkeit. Die Anhänger dieser Strömung wurzelten in der Erweckungsbewegung, die sowohl die absolutistische Staatskirche als auch die rationalistische Aufklärung verwarf. (15)

Der Kirchenkampf in Hannover
Hermann Allmers ist in einer Familie aufgewachsen, die im Geist der Aufklärung des 18. Jahrhunderts verwurzelt war. Seine Mutter stammte aus einer weltoffenen Pfarrersfamilie in Sandstedt, und auch sein Vater Wirich Allmers fühlte sich dem „christlichen Rationalismus“ der Aufklärung verpflichtet, der den „Ausgleich zwischen Vernunft und Offenbarung unter dem eindeutigen Primat der Vernunft“ suchte.(16) Wirich Allmers, ein auch politisch liberaler Großbauer, ließ seinen Sohn von Hauslehrern unterrichten, die seine Auffassungen teilten. So lernte Hermann Allmers die Bibel eher symbolisch als wörtlich zu interpretierten und unter Seelsorge Lebenshilfe zu verstehen. Für ihn war es selbstverständlich, dass Pastoren den Alltag ihrer Gemeindeglieder teilten, Pfeifen rauchten, Bier tranken und auf Dorffesten sogar tanzten. (17)

Bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert hatten in Deutschland Philosophen, Künstler und auch Theologen, letztere unter dem Begriff „Supranaturalismus“, begonnen, spirituelle und metaphysische Defizite in der theologischen Vernunftlehre der Aufklärung zu empfinden und zu beklagen. Innerlichkeit und Romantik gehören zu den bekannten Begriffen, mit denen die Werke von schreibenden, malenden und komponierenden Künstlern der Epoche nach der Aufklärung beschrieben werden. Auf dem Feld des protestantischen Christentums bildeten sich denn auch zahlreiche Sekten oder sektenähnliche Gruppen. Vor allem unter Lutheranern fand seit Beginn des 19. Jahrhunderts die sogenannte Erweckungsbewegung Zulauf. Ihren Anhängern und Anhängerinnen ging es „vorrangig um die Themen Sünde und Gnade, Schuld und Versöhnung, Rechtfertigung und Erlösung. Dabei wurde ein unmittelbarer und unkritischer Umgang mit der Bibel gepflegt“. (18) Ausgerechnet in Norddeutschland, nicht zuletzt bei den Bauern in der Lüneburger Heide, gewannen Erweckungsprediger seit den späten 1820er Jahren eine rasch wachsende Schar von Anhängern für dieses fundamentalistische Verständnis von Bibel und Christentum. Ihr „Neuluthertum“ fand in der 1849 gegründeten Hermannsburger Mission eine nachhaltig wirkende Zentrale. Die Bibel, so erklärte deren Gründer Louis oder Ludwig Harms (1808-1865), sei „entweder in jedem Worte Gottes Wort oder ein Lügenbuch“. (19) Den Eiferern war vor allem der hannoversche Landeskatechismus von 1790 in seiner rationalistischen Auslegung der Bibel ein Ärgernis. Diese bibeltreuen Lutheraner fanden in König Georg V. einen einflussreichen Mitstreiter. Er führte anlässlich der Konfirmation seines Sohnes per Dekret im Jahr 1862 einen neuen, neo-orthodox lutherischen Katechismus ein. „Herrschbegier und Glaubensknechtung“(20) witterten die Gegner dieser Neuerung hinter diesem Ansatz. Der Vorstoß der kirchlichen Neuerer unter dem Zeichen einer religiösen Orthodoxie mobilisierte die Anhänger des hergebrachten Rationalismus im Lande, die nicht zufällig auch politisch zur Opposition gehörten: Es waren die Liberalen, die Vorkämpfer des Verfassungsstaates, und somit auch die Veteranen der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848, die sich zur Wehr setzen. Erst wirkten sie in ihren Gemeinden, dann auf Landesebene. Es waren diese kirchlichen Traditionalisten und gleichzeitig politisch Fortschrittlichen, die dafür sorgten, dass der neue Katechismus „praktisch nirgends eingeführt werden konnte.“(21) Es waren überwiegend Laien, die ihren Einfluss auf die Kirchen-Gemeinden gegen pastorale Bevormundungen wahren wollten. Zu diesen kirchlichen Traditionalisten und politischen Liberalen im Königreich Hannover zählte auch Allmers. Er hatte sich in seiner Heimat als Redner bereits für die 1849 gescheiterte Revolution hervorgetan und sollte 1866 die Annexion Hannovers durch Preußen begrüßen. Der „Alt-48er“ Allmers gehörte sogar zu den Wortführern der Katechismus-Gegner um Rudolf von Bennigsen (1824-1902), den späteren Mitbegründer und Vorsitzenden der Nationalliberalen Partei im Deutschen Reich und Oberpräsidenten der preußischen Provinz Hannover.

Die Arbeit an den „Schlendertagen“ musste warten, als der Gemeindevogt Allmers 1863 seine Mitbürger ins Schulhaus von Rechtenfleth bat, um sie von der Bedeutung der Vernunft auch in religiösen Fragen zu informieren: „Es gilt, die Wahrheit an den Tag zu bringen und für sie einzutreten. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Wir sollen Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (22) Er scheint seine Leute überzeugt zu haben. Als ihr gewählter Vertreter versuchte er, anfangs durchaus erfolgreich, in der sogenannten Vorsynode von 1863, (23) seinem Ziel Bahn zu brechen, „das Gebäude unserer Landeskirche [...] mit neuem frischen Leben zu erfüllen, zu erweitern, daß alle Anschauungen Raum darin haben, und es aufs neue zu begründen auf Freiheit Wahrheit und Schönheit.“ (24)

Ihre Anfangserfolge verspielten die aufklärerisch-liberalen Laien um Bennigsen freilich schon bald, indem sie den Geistlichen ein größeres Stimmrecht in der Synode einräumten. „Jede folgende Synode trug aufs entschiedenste das Gepräge echter Priesterherrschaft“ erinnerte sich Allmers später. Er fühlte sich „widerwärtig berührt“ von den Opportunisten, dem „zelotischen Treiben der jüngeren Pastorengeneration“, und verachtete den im „Handumdrehen stattfindenden Glaubens- und Gesinnungswechsel bei den Kandidaten“.(25)

Die Vorsynode schuf die Grundlagen der am 9. Oktober 1864 verabschiedeten Verfassung der Evangelisch-Lutherischen Hannoverschen Landeskirche und damit auch der Auflösung der zuvor im Königreich bestehenden Landschaftskirchen. Sie hat das Ende des Königreichs Hannover 1866 überlebt und ist noch heute selbständig, als größte deutsche evangelische Landeskirche überhaupt. Mit dem eher orthodoxen Weg, den die Landeskirche bereits mit der Synodalordnung von 1864 zu beschreiten begann, war Allmers allerdings immer weniger einverstanden. Er verließ ihn bald darauf. „Indem sich Allmers immer mehr praktisch in kirchlichen Dingen betätigte“, schreibt sein Biograph Theodor Siebs, „war er dazu geführt, sich einer bestimmten Richtung anzuschließen, und zwar der freikirchlichen des Protestantenvereins“. (26)

Der Verein strebte „eine Erneuerung der protestantischen Kirche im Geist evangelischer Freiheit im Einklang mit der ganzen Kulturentwicklung seiner Zeit“ an. Es ging ihm unter anderem um die „Bekämpfung alles hierarchischen Wesens“, um die „Förderung christlicher Duldung zwischen den verschiedenen Konfessionen, Anregung und Förderung des christlichen Lebens sowie aller christlichen Unternehmungen und Werke, welche die sittliche Kraft und Wohlfahrt des Volkes bedingen.“ (27) Das passte zu Hermann Allmers. Und so ist es womöglich kein Zufall dass der dritte „Protestantentag“ des Vereins 1868 in Bremen stattfand, einem Zentrum der kulturellen Aktivitäten von Hermann Allmers.

Schluß
Viele Jahre nach seinem ersten Rom-Aufenthalt logierte Hermann Allmers im Jahre 1889 erneut in der Casa Tarpea. Rom hatte sich seit seinem ersten Besuch stark verändert, war die geschäftige Hauptstadt des endlich geeinten italienischen Königreichs geworden und taugte nicht mehr recht zum Schlendern. Auch die deutsche Kleinstaaterei hatte inzwischen ein Ende gefunden. Aus der preußischen Gesandtschaft im Kirchenstaat war eine kaiserlich-deutsche Botschaft geworden.

Von den alten Bekannten fand Hermann Allmers nur noch wenige in Rom vor. Einer hatte es freilich zum Direktor des Archäologischen Instituts gebracht: Eugen Petersen (1836-1919), ein Mitbegründer der Colonna-Gesellschaft, in der sich einst die Allmers-Freunde versammelt hatten, war nun sein Gastgeber. (28)

Wer Allmers kennt, wundert sich nicht, dass er neue Freundschaften schloss. Ein Zimmernachbar, der junge Theologe Johannes Kessler (1865-1944), zeigte sich begeistert, den berühmten Autor der „Schlendertage“ kennenzulernen. Viele Jahre später erinnerte er sich als pensionierter Pastor an Hermann Allmers: „Wie manchmal habe ich in der kleinen Kapelle der Deutschen Botschaft neben ihm gesessen und ganz unmittelbar gespürt, wie die alten Gottesworte und Lieder ihm ans Herz griffen. Aber er war dabei ein freier Geist. Seine reiche Phantasie, sein Streben nach Wahrheit, sein Verkehr mit bedeutenden Vertretern der Naturwissenschaft, mancherlei trübe Erfahrungen mit religiöser Unduldsamkeit und kirchlicher Engherzigkeit hatten ihn unabhängig von manchen kirchlichen Dogmen und Institutionen gemacht. Bei einem Spaziergang auf dem Gianicolo habe ihm der mittlerweile 63 Jahre alte Allmers ans Herz gelegt: Junger Freund, wenn Sie mal in Amt und Würden sind, taufen Sie doch kein Kind mit Wasser! Nein, halten Sie es in die Sonne und sagen Sie: ‚Ich weihe dich zum Sonnenkind! Du sollst ein Sonnenmensch werden.“ (29)

Allmers selber hat seine Freundschaft zu Johannes Kessler nie sonderlich hervorgehoben. Grund genug hätte er gehabt, sich der Bekanntschaft zu rühmen, wurde der junge Theologe doch alsbald nach Berlin berufen als Hofprediger des kaiserlichen Hauses und als Erzieher der Prinzen Eitel Friedrich und Adalbert. (30) Deren Vater, Kaiser Wilhelm II; hat mit dem Deutschen Reich auch dessen italienische Botschaft über die tarpeische Kante des Kapitols gekippt: Der Caffarelli-Palast ist nach dem Ersten Weltkrieg weitgehend zerstört worden.31 Dieses Ereignis hat zwar Johannes Kessler, aber nicht Allmers miterlebt – genauso wenig wie die Erhebung seines Freundes Ernst Haeckel zum Gegenpapst.


Anmerkungen
Dank des „Daimler-Chrysler-Stipendiums der Casa di Goethe in Rom“ konnte sich der Autor auf Allmers‘ Spuren begeben.

1) Als unauffindbar außerhalb des Nachlasses Hermann Allmers erwies sich bei der Recherche hingegen Allmers’ Sammlung religiöser Gedichte, die er 1869 unter dem Titel „Fromm und frei“ in Oldenburg veröffentlichte. Vgl. Johannes Göhler: Fromm und Frei – Hermann Allmers als religiöser Denker, kirchlicher Reformer und Gegner der neulutherischen Orthodoxie, in: ders.: Wege des Glaubens. Beiträge zu einer Kirchengeschichte des Landes zwischen Elbe und Weser, Stade 2006, S. 278ff.

2) Brief Allmers’ an Haeckel vom 2. Jan.1861, in: Haeckel und Allmers. Die Geschichte einer Freundschaft in Briefen der Freunde, hrsg. von Rudolph Koop, Bremen 1941, S. 62.

3) Wikipedia, sv „Ernst Haeckel“.

4) Wikipedia, s. v. „Monistenbund“. Siehe auch Brockhaus Enzyklopädie von 1971, der zufolge sich der Monistenbund „in scharfer Polemik gegen christlich-dogmatische Überzeugungen wandte“.

5) Martin H. Jung: Der Protestantismus in Deutschland von 1815 bis 1870, Leipzig 2000, S. 48: „Als >konfessionell< oder >positiv< bezeichneten diese protestantischen Theologen ihr Anliegen, die normative Geltung der Bekenntnisse (Symbole) und natürlich auch der Bibel gegenüber der als zersetzend empfundenen historischen Kritik zu wahren. Ihre Gegner – Rationalisten und Liberale – etikettierten dieses Anliegen abwertend als ‚Konfessionalismus’ und ‚Positivismus‘ und polemisierten gegen den >Symbolzwang< […] Die bewußte Orientierung an Luther und am orthodoxen Zeitalter brachten die ursprünglich ebenfalls polemisch gebrauchten Begriffe >Neuluthertum< und >Neo<- oder >Neuorthodoxie< zum Ausdruck“.

6) Theologische Realenzyklopädie, Band XIV, Berlin / New York 1985, S. 433: „Während der Aufklärungszeit lockerten sich Kirchenzwang und Kirchenzucht, reformatorische Theologie und Bekenntnisbindung erfuhren durch die Betonung einer natürlichen christlichen Religion mit ethisch/humanitärer Akzentuierung eine starke Relativierung“. Vgl. auch Göhler: Fromm und frei (wie Anm. 1), S. 278ff; und Theodor Siebs: Hermann Allmers, Sein Leben und Dichten unter Benutzung seines Nachlasses, Berlin 1914, S. 262f.

7) Giovanni Maria Mastai-Feretti (1792-1878) war 1846 als Hoffnungsträger der liberalen Italiener Papst und damit auch weltliches Oberhaupt des Kirchenstaats geworden. Unter dem Eindruck der Revolution von 1848, in deren Folge Rom zeitweilig zur Republik mutierte, verwandelte er sich in einen entschiedenen Traditionalisten.

8) Hermann Allmers: Römische Schlendertage, 11. Aufl; Oldenburg 1904, S. 219 und 232.

9) Vgl. Johannes Göhler: Hermann Allmers als Verehrer der Jungfrau Maria – Der Marschendichter auf der Suche nach seiner religiösen Heimat, in: Das Land Oldenburg, Mitteilungsbl. der Oldenburg. Landschaft 109 (2000/ IV); derselbe Beitrag auch in: Jb.M.v.M 79 (2000), S. 99-114.

10) Hermann Allmers: Briefe von Hermann Allmers und Briefe aus seinem Freundeskreis, hrsg. von Kurd Schulz, Bremen 1939, S. 123.

11) Schlendertage (wie Anm. 8), S. 87.

12) Nach Golo Maurer (Preußen am Tarpeischen Felsen – Chronik eines absehbaren Sturzes. Die Geschichte des Deutschen Kapitols in Rom 1817-1918, Regensburg 2005, S. 26ff.), bezog Christian Carl Josias Bunsen zunächst als privater Mieter im Jahre 1817 eine Wohnung im zweiten Stockwerk des Palastes. Mit seiner Ernennung zum Gesandten des Königreichs Preußen 1824 wurde erst die Wohnung zur Botschaft und dann im Zuge eines halblegalen Kaufes das ganze Haus.

13) Ebda; S. 63 und 65ff.: Die amtliche Bezeichnung lautete damals „Casa Marescotti“. Umbauten in den Jahren 1877 und 1879 haben das Aussehen des Gebäudes verändert.

14) Allmers, Schlendertage (wie Anm. 8), S. 357ff.

15) Vgl. Hans-Walter Krumwiede: Kirchengeschichte Niedersachsens, II: Vom Deutschen Bund 1815 bis zur Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland 1948, Göttingen 1996, S. 297.

16) Jung (wie Anm. 5), S. 45, siehe auch Anm. 6.

17) Vgl. Siebs (wie Anm. 6), S. 262ff.

18) Jung (wie Anm. 5), S. 43; vgl. auch ebda; S. 42: „Die Supranaturalisten gaben ihrer Theologie eine positivistische Grundlegung, indem sie die Bibel als authentische Urkunde der göttlichen Offenbarung, als irrtumslos und buchstäblich wahr ansahen“ und ebda.: „Verwandt mit dem Supranaturalismus war die Erweckungstheologie. Auch sie wendete sich gegen den Rationalismus und seine bibelkritischen Konsequenzen.“

19) Göhler: Fromm und Frei (wie Anm. 1), S. 282, vgl. auch Theologische Realenzyklopädie, Band XIV, S. 428ff.

20) Göhler: Verehrer (wie Anm. 9), S. 3 (Siebs zitierend).

21) Göhler: Fromm und Frei (wie Anm. 1), S. 285.

22) Ebda; S. 288.

23) Krumwiede (wie Anm. 15), S. 357: „Die Vorsynode trat am 10. Oktober 1863 in Hannover zusammen, um über die neue Verfassung zu beraten. Die geistliche >Fraktion’< bestand fast ausschließlich aus bekenntnistreuen Geistlichen, die weltliche aus liberalen dem Protestantenverein nahestehenden Laien. Auf den Flügeln standen einmal die neuorthodoxen Lutheraner, auf der Linken Deputierte, denen die kirchliche Plattform eine Chance zur politischen Opposition bot.“

24) Brief Allmers’ an Haeckel vom 25. Aug. 1863, in: Haeckel und Allmers (wie Anm. 2), S. 93.

25) Siebs (wie Anm. 6), S. 270.

26) Ebda; S. 273. Vgl. Jung (wie Anm. 5), S. 85: „Der 1863 in Frankfurt a. M. gegründete ‚Deutsche Protestantenverein‘ war eine Organisation des kirchlichen Liberalismus. Insbesondere südwestdeutsche und preußische Liberale engagierten sich in ihm.“

27) Vgl. Wikipedia, s. v. „Deutscher Protestantenverein“ und Rudolf Hey: Hermann Allmers’ religiöse Haltung, in: Stader Jahrbuch 1957, S. 59-85, hier S. 77.

28) Franz Strednicska: Eugen Petersen 1836-1919, Leipzig 1928 (Auszug aus: Jahresbericht für Altertumswissenschaft 1928), S. 89: „Mit dem Verfasser der Schlendertage Hermann Allmers und mit nicht wenigen Künstlern freute sich Petersen des anmutigen Lebens im alten päpstlichen Rom“.

29) Johannes Kessler: Ich schwöre mir ewige Jugend, München 1951, die Ausführungen über Allmers S. 102-106, hier S. 105.

30) Ebenda S. 115ff

31) Maurer (wie Anm. 12), S. 145ff.

Quellen und Literatur
Hermann Allmers: Marschenbuch, Gotha 1858 (neu herausgegeben und ergänzt von H. Th Wenner, Osnabrück 1979)

Hermann Allmers: Römische Schlendertage, Oldenburg 1869 (mehrfach ergänzt, hier: 11. Aufl; Oldenburg 1904)

Hermann Allmers: Briefe (Hg. Kurd Schulz), Göttingen 1968

Hermann Allmers: Briefe aus dem Süden (Hg. William Söder), Bremen 1943

Hermann Allmers: Briefe von Hermann Allmers und Briefe aus seinem Freundeskreis (Hg. Kurd Schulz), Bremen 1939

Martin H. Jung: Der Protestantismus in Deutschland von 1815 bis 1870

Golo Maurer: Preußen am Tarpeischen Felsen. Chronik eines absehbaren Sturzes. (Die Geschichte des Deutschen Kapitols in Rom 1817-1918), Regensburg 2005

Johannes Göhler: Fromm und Frei – Hermann Allmers als religiöser Denker, kirchlicher Reformer und Gegner der neulutherischen Orthodoxie. In: Johannes Göhler: Wege des Glaubens, Stade 2006.

Johannes Kessler: Ich schwöre mit ewige Jugend, Dresden 1934 (hier: München 1951)

Rudolph Koop: Haeckel und Allmers. Die Geschichte einer Freundschaft in Briefen der Freunde, Bremen 1941

Rudolph Koop: Hermann Allmers und Detlef Detlefsen. Hamburg 1959.

Theodor Siebs: Hermann Allmers, Sein Leben und Dichten unter Benutzung seines
Nachlassen, Berlin 1914.

Theologische Realenzyklopädie: Berlin und New York 1989

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