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Erste Annäherung Rom lässt niemanden kalt, außer vielleicht im Winter. Im Spätsommer 2006 – oder war es Frühherbst? - drückten nicht einmal Tropen taugliche Platzregen die gefühlte Temperatur unter die Fiebergrenze. Meinem Landsmann Hermann Allmers ging es offenbar ähnlich: „Das Bild einer grossen Vorzeit tritt einem hier mit einer solchen Gewalt vor die Seele, dass der Blick für die Verhältnisse der Gegenwart, man mag wollen oder nicht, sofort abgelenkt wird.“
Im vierwöchigen Delirium zwischen Trümmern, Kathedralen, Priestern, Touristen, Goethe, Garibaldi, Bars und Bussen erschien mir Rom als ein unbekannter Planet, irgendwo in der Galaxis - und Wurmlöcher begannen die strukturelle Integrität meines Verstandes zu bedrohen. Wo sich Päpste als antike Götter verkleideten, wo ein bayrischer Thronerbe zum deutschen Patrioten mutierte und Leitungswasser genießbarer als das Fernsehen ist, da sind selbst abgebrühte Rationalisten vor mystischen Anfechtung nicht gefeit. Und ich dachte immer, die "Nazarener“ hätten Bilsenkraut geraucht!
Etliche Reisende aus dem Norden haben den Trip am Tiber bekanntlich nicht überstanden, ruhen auf dem Ketzer-Friedhof bei der Cestius-Pyramide oder drängeln sich auf dem Campo Santo im Vatikan. Den Überlebenden blieb Zeit zur Niederschrift ihrer Erinnerungen an Rom. Bedeutende Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe waren darunter und originelle, wie Hermann Allmers. Man muss schon Landwirt sein, um beim Anblick des Tibers bedauernd festzustellen: „Was könnte dieser Strom für mächtige Marschen bilden, wenn überhaupt sein Lauf länger und ruhiger wäre und sein reiches Material, was er mit sich führt, Zeit hätte, sich zu lagern, statt nun sofort weit in eine schroff abfallende Meerestiefe gespült zu werden.“
Der Autodidakt Allmers lebte zwischen 1821 und 1902, überwiegend auf seinem Marschenhof an der Unterweser und 15 Monate (1858 und 1859) in Rom, ist aber auch ansonsten viel unterwegs gewesen. Ihm verdanken wir das Erinnerungsbuch "Römische Schlendertage" und ich persönlich die Möglichkeit zur Bewerbung um ein Stipendium in Rom.
Goethe hat bekanntlich ein paar Jahre verstreichen lassen, bis er sein Rom-Buch auf den Markt warf. Hermann Allmers rückte auch erst spät (1868) mit seinen italienischen Erinnerungen heraus - und nicht ohne nachvollziehbare Bedenken: „Nach Rom zu reisen, das ist heutzutage gar kein Wagnis mehr zu nennen, aber über Rom zu schreiben, über das bis in die neuesten Tage hinein so viel tausend Herzen und Federn sich ergossen haben, dazu gehört allerdings einiger Mut.“
Auch ich wollte die Welt vorsichtshalber mit den Ergebnissen meiner Abenteuer-Reise verschonen, bis ich der Kühle meines Kopfes gewisser wäre, als der Stichhaltigkeit der Warnung von Heinrich Heine: „Es gibt nichts Langweiligeres auf dieser Erde, als die Lektüre einer italienischen Reisebeschreibung - außer etwa das Schreiben derselben - und nur dadurch kann der Verfasser sie einigermaßen erträglich machen, daß er von Italien selbst so wenig als möglich darin redet.“
Zweite Annäherung Nach einigen Wochen in unserer Heimat – nämlich der Heimat von Allmers und mir – fühle ich mich fit genug für einen ersten Blick in den Rückspiegel. Und siehe da: Rom ist bereits weit weg, arg dicht an den Horizont gerutscht und wirkt verblüffend klein neben, sagen wir mal: Worpswede (wo Hermann Allmers gegen Ende seines Lebens zum Befremden alter ganz neue Künstlerfreunde fand).
Na ja, touristische Highlights kann ich aus der Silhouette der ewig interessierenden Stadt auch aus dieser Perspektive herausragen sehen. Dazu gehören selbstverständlich der Petersdom, das Kollosseum sowie diverse weitere Ruinen, ja ganze Trümmerfelder. Diese und jene Vespa, besetzt mit anmutigen jungen Damen, taucht ebenso ungefragt im Gedächtnis auf, auch dieser und jener Brunnen und der eine oder andere versteinerte Nackte, erstarrt in barocker Leidenschaft. Vertont ist die imaginäre Dia-Show, wenn ich ausreichend ungenau hinhöre, nicht mit Großstadtlärm, sondern mit musikalischen Impressionen aus den gängigen Werken von Tschaikowski, Puccini und Rossini.
Ich fürchte sehr, dass nicht nur die Vertonungen der aufdringlichsten Erinnerungsbilder auf den Umstand verweisen, dass ich weniger frische Eindrücke, als solche von früheren Besuchen aufrufe - von der Festplatte, die seit meiner Geburt unter meinen (inzwischen schütteren) Haaren routiert, ebenso bereit zur Aufnahme wie zur Wiedergabe. Und wer weiß, ob ich die Originale der Wiedergaben in der Wirklichkeit jemals so gesehen habe, wie die Reproduktionen es mir suggerieren. Kann unser Hirn die vor Ort empfangenen Bilder sauber von jenen Gemälden, Zeichnungen und Beschreibungen trennen, die wir als leidlich allgemein gebildete Mitteleuropäer im Laufe unseres Lebens abgespeichert haben?
Was für Artefakte gilt, das gilt ebenso für das Ambiente, für den Lebensraum der Einwohner Roms und den Erlebnisraum ihrer Besucher. Er ist angefüllt mir wechselseitigen Erwartungen an die jeweils andere Gruppe – und alle Beteiligten kommen auf ihre Kosten. Allenfalls stören sich Touristen an ihresgleichen. Vor allem bei der Würdigung von exotischen Details. Wer von uns hat nicht schon einmal mit Hermann Allmers tief befriedigt festgestellt: „Der große Touristenschwarm schreitet natürlich achtlos daran vorbei und darüber hinweg.“
Rom bleibt Rom, solange es Reisende gibt, die sie erleben wollen, die von Weihrauch durchwaberte Stadt der Antike, in der lauter unbekümmerte Menschen in den Tag hinein leben. Man kennt sich aus, als deutscher Tourist. Alle, die ich nach Motiven für ihrer Reise fragte, hielten sich für ebenso informiert von dem, was sie in Rom erwarten würde, wie befriedigt von dem, was sie dort vorfanden: „Man hat ja schon in der Schule so viel von der ewigen Stadt gehört“. Selten führte der Augenschein zu neuen Interpretationen – selbst wenn sich die tüchtigsten Profis vor Ort um Erweiterungen der Perspektive oder um deren Korrektur bemühen.
Gut gerüstete und ausgerüstete Reiseführerinnen und Reiseführer deutscher Zunge gibt es viele in Rom, frei schaffende und von Agenturen angestellte. Aber weder ihnen noch ihren Auftraggebern ist die aktuelle Invasion der Germanen zu verdanken, sondern den Kardinälen, die einen Ratzinger in einen Benedikt verwandelten – und der Propaganda, die Päpste gratis bekommen: „Wir sind Papst“. Selbst für Taxifahrer, so hörte ich, schlägt sich der BILD-Effekt zählbar nieder, vor allem in der Trinkgeldkasse: „Endlich kommen nicht nur Pauschaltouristen aus Deutschland nach Rom“.
Auch Roms ältestes Gewerbe dürfte von dem neuen Trend zum Individualtourismus profitieren: Bettler freuen sich, wenn sich ihre Opfer nicht in Gruppen verstecken können. Exklusivität hat eben seinen Preis. Schon gar in einer Stadt, deren Bewohner seit Jahrhunderten in der Vermarktung der Ewigkeit geübt sind, die bekanntlich ohnehin zu den kostbareren Gütern zählt. So wunderte es mich gar nicht, dass mir kein Individualreisender Enttäuschungen beim Versuch eingestand, die Realität mit den Erwartungen in Deckung zu bringen. Auch emotionaler Aufwand will belohnt werden: Mittwochs, zur Audienz des Papstes, werden auch Protestanten zu Pilgern und helfen, den Petersplatz zu bevölkern. Selbst wenn der Star des Tages selber die frische Luft am Lago di Albano bevorzugt und sich nur auf einem Bildschirm zeigt.
„Daß man unter Umständen katholisch werden mag, begreife ich sehr wohl“ – schrieb Hermann Allmers -, „daß man es aber in Rom werden kann – dabei steht mir der Verstand still.“
Dritte Annäherung In religiöser Hinsicht Bestätigung vorgefasster Meinungen zu finden, fällt Anhängern aller Konfessionen leicht. Liberale Protestanten, wie Hermann Allmers, können sich sogar relativ einfach gerade in Rom zur Toleranz gegenüber den einfältigen Katholiken aufschwingen: für Aufklärung ist hier einfach nicht der rechte Ort. Andere Facetten der Folklore drängen sich, wenn überhaupt, zäher auf.
Es fällt in Rom zum Beispiel nur oberflächlich gesehen leicht, Gerüchte aus dem Bereich des sozialen Verhaltens der Italiener, hier der Römer, zu überprüfen. Sie erwecken zwar durchweg den Eindruck weitaus entspannter durch das Leben, zumindest durch den Tag und durch ihre Stadt zu gehen, als der gemeine Deutsche. Aber wer weiß, welche Mühe es die Menschen kostet, stets heiter zu wirken und in keinem Augenblick erkennen zu lassen, dass sie etwa eine Sorge drückt?
Sicher, es ist erwartungsgemäß laut auf Roms Straßen, aber auf dieses akustische Phänomen können die Römer keinen Alleinvertretungsanspruch erheben. Selbst das Temperament, wenn der forschende Fremde überhaupt darauf stößt, teilen sie mit anderen Südländern – oder gar Nordländern: Aalverkäufer auf dem Hamburger Fischmarkt nehmen es mit jedem römischen Marktschreier auf.
Schnell, laut und lange dauern die Unterhaltungen, anhand derer der gemeine Tourist in Bus, Bahn und Metro sein Vorwissen von der Kommunikationsfreude gemeiner Römerinnen und Römer überprüfen kann. Aber selbst polyglotte Reisende bekommen, zumindest bei Kurzaufenthalten, selten die Gelegenheit zum Plausch mit echten Römerinnen und Römern, was die Erfüllung des verbreiteten Wunsches erschwert, sowohl das Land, als auch die Leute kennen zu lernen. Dort, wo die Touristen sich drängeln, kommt keine Konversation zustande. Die notwendiger Weise hektisch arbeitenden Menschen bleiben, englische Wortbrocken ausspuckend, gelegentlich sogar den Nachweis schuldig, überhaupt aus Italien zu stammen. Wo sich keine Touristen drängeln, in der Peripherie der Metropole, arbeiten die Menschen womöglich weniger heftig. Aber dafür stammen sie im Zweifelsfall aus Albanien.
Zahllose Reisende fahren auch deshalb enttäuscht nach Hause, weil ihnen weder Rucksack oder Handtasche abhanden gekommen ist. Selbst Hermann Allmers musste sich im „Land von Rinaldo Rinaldini“ mit einer Räubergeschichte vom Hörensagen begnügen. In ihr kam immerhin ein Geistlicher auf, mutmaßlich erotisch motivierten, Abwegen vor. In dieser Hinsicht – was die Kriminalität, nicht was die Abwege betrifft – kann ich mit einem persönlichen Erlebnis prahlen: Mir kam per Einbruch mein journalistisches Handwerkszeug abhanden. Ich gewann dafür Erfahrungen und Erkenntnisse.
So martialisch, günstigen Falls unnahbar, Uniformträger in Rom aus der Ferne erscheinen, so gutmütig können sie sein, wenn man ihnen als Opfer begegnet. Nicht nur abstrakt fühlte sich der Wachhabende auf der Gendarmerie in meine Rolle ein. Phantasievoll half er meinem Gedächtnis auf die Sprünge – als er begriff, dass ich mir von ihm lediglich ein Verlustprotokoll für die Versicherung erhoffte. Mit der Tatsache, dass er dessen Vorlage gleich mehrsprachig abgefasst aus dem Computer ziehen konnte, bestätigte er immerhin ungewollt die Vorurteile der Besucher seiner Stadt: Hermann Allmers hat wohl nur Pech gehabt – oder kein verlockendes Gepäck.
Von potentiellen Zeugen mochte der Obergendarm zwar gar nichts hören, aber die eigenen Erfahrungen hatten auch mir selber keinen überzeugenden Grund geliefert, ihn aus der heimeligen Amtsstube zur Befragung vor Ort zu locken. Italiener mögen so einmalig im Äußern von Gefühlen wie Mitleid und Mitzorn sein, wie es den Vorstellungen der Touristen entspricht – wenn sie mit Wort und Unterschrift Zeugnis ablegen sollen, dann werden sie schlagartig ebenso zurückhaltend wie du und ich.
Vierte Annäherung Nicht nur gute Taten können, wie Kant meint, ihren Lohn in sich selber tragen. Ich kam jedenfalls dank der Befreiung von Kamera und Mikrofon, als unbewaffneter, ungeschützter und deshalb harmloser Mitmensch der römischen Wirklichkeit und sogar den Menschen viel näher, denn als erkennbar neugieriger Reporter.
Plötzlich outete sich ein erstaunlich entspannter Gastronom als ehemaliger Gastarbeiter und erinnerte sich seiner auf verblüffende Weise beschränkten Deutschkenntnisse: Er rezitierte unaufgefordert erbauliche Sprüche des Erweckungspredigers von Zinsendorf, deren Sinn er zum Glück für sein Seelenheil nicht begriff. Ich habe ihm vorsorglich geraten, mit diesen Kenntnissen nicht bei der Beichte zu prahlen. Ein anderer Gastwirt, den das Schicksal (oder eine andere Macht) einst ins Rheinland verschlagen hatte, verriet freimütig (oder meinen Scharfsinn unterschätzend) die Quelle seines Wohlstands: „Ich sollte in einer Spielhalle aufpassen, dass niemand mit Drogen dealt“. Ich kann übrigens bezeugen, dass er seinen Gästen bei tadellosem Service vorzügliche Gerichte serviert.
Hermann Allmers hat sich seinerzeit ebenfalls bemüht, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Auch er war kein Sprachgenie und plauderte vor allem mit Menschen, die ihn verstanden – also vorzugsweise mit Deutschen. Davon gab es bekanntlich im 19. Jahrhundert viele in Rom. Den Künstlern waren Wissenschaftler ins „Sehnsuchtsland“ Italien gefolgt und Diplomaten begannen die besten Immobilien zu besetzen. Sie versammelten sich in privaten Häusern und in öffentlichen Gaststätten, trafen sich in kleinen bis erlauchten Kreisen und in Vereinen. Hermann Allmers hat einen solchen eigens gegründet, um auch in Rom nicht auf einen Stammtisch verzichten zu müssen.
Seine Nachfolger haben es leichter, sich mit Landsleuten zu treffen. Ihnen stehen heutzutage etliche staatlich geförderte deutsche Einrichtungen zur Verfügung, Institute aller Art, hilfreiche Menschen, reichhaltige Bibliotheken und gut geführte Archive. Das Casa di Goethe erwähne ich hiermit nicht nur aus Höflichkeit!
Sogar Römer wissen es zudem zu schätzen, dass sich sogar eine kompetent geführte deutsche Buchhandlung in Rom etabliert hat. Wer nicht sucht, der findet – zumal in Rom. Im Idealfall sind es Kontakte zu italienischen Quellen der Erkenntnis, denn nicht nur im Archiv des Vatikans harren Schätze darauf, gehoben zu werden!
Zitate: Hermann Allmers: Römische Schlendertage, 11. Auflage, Oldenburg und Leipzig 1904
Anmerkung 1: Dieser Text ist im Jahre 2006 entstanden, während eines einmonatigen Aufenthalts (DaimlerChrysler-Stipendium der Casa di Goethe) des Autoren in Rom und kurz danach.
Anmerkung 2: Hermann Allmers (1821 – 1902) war Ende des 19. Jahrhunderts einer der bekanntesten norddeutschen Schriftsteller. Er ist als Pionier der Volkskunde (Marschenbuch) noch immer nicht ganz vergessen, wohl aber als Autor des Bestsellers Römische Schlendertage, in dem er einen 15monatigen Aufenthalt in Rom (1858/1859) verarbeitet hat. Allmers lebte auf einem Bauernhof in Rechtenfleth, wo er auch geboren wurde und aufgewachsen war. „Geistig beheimatet im Denken der Romantik und durch die Natur und seine Erziehung mit Selbstvertrauen, Witz und Enthusiasmus begabt“ entwickelte sich der Autodidakt zum „Genie der Freundschaft“, das sich lebenslang neue Zugänge zu „immer neuen Landschaften des Erlebens und der Tätigkeit“ öffnete. Heute zeugt Allmers’ „Marschenhof“ als Museum von der Vielfalt der Interessen seines ehemaligen Besitzers und von dessen Begeisterung für Italien. Zitate in der Anmerkung: www.Hermann-Allmers.de, Hompage der Hermann-Allmers-Gesellschaft.
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