|
Zwei Schnitte in die Wundpflaster gesetzt, lassen den Fingern jenen Bewegungsspielraum, den sie zum gleichermaßen festen wie gefühl-vollen Greifen des Lenkers brauchen. Und auf die richtige Dosierung beim Gasgeben, Kuppeln und Bremsen kommt es an, wenn man ein Gelände-Motorrad, eine „Enduro“, sicher und zügig über staubige Feld- und verschlammte Waldwege steuern will. Beispielsweise durch die weite Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns, beispiels-weise in das 200-Seelen-Dorf Breesen zwischen Gadebusch und Ratzeburg und zur heilkundigen Kellnerin in der „Bauernstube mit Agrarmuseum“.
Wenige Kilometer östlich der Großstadt Hamburg lockt ein Land, das sich treffend mit den Attributen „sanft, schön und aufregend“ ver-marktet. Im Sommer 2003 schob sich Mecklenburg-Vorpommern nach eigenen Angaben erstmals an die Spitze der beliebtesten deut-schen Ferienländer, vor Bayern und Schleswig-Holstein. Mit 7,6 Tou-risten zählte es in jenem Jahr viermal mehr Gäste als Einwohner. Freilich, sie konzentrieren sich an der Ostseeküste.
So bleiben der Kellnerin und ihrem Chef in Breesen viel Zeit zum Erzählen von Geschichten aus der Zeit nach der Wende. Sie handeln von geschäftstüchtigen „Wessis“, die sich mit Zuschüssen der „Treu-hand“ sanierten und leere Produktionsstätten zurück ließen, von Un-ternehmern, die Agrarbetriebe in astronomischen Größenordnungen zusammenkauften, von Umschulungen in immer neue Nischen der Arbeitslosigkeit (etwa zur Pflegehelferin) – und von dem Bestreben, zumindest Details der Vergangenheit zu retten: Hier ein alter Pflug, dort ein klappriger Mähdrescher und vielleicht eine rostige Diesello-komotive, die der neue Streutorf-Produzent am Ort nicht mehr brau-chen kann. Genauso wenig wie die große Zahl der Arbeitswilligen vor Ort. Arbeitsplätze finden die Menschen hier zumeist im nahen Wes-ten.
Die Hoffnung auf Touristen mit besonderen Ansprüchen bleibt den Menschen in einer Gegend, die in DDR-Zeiten unter dem Status ei-nes Grenzgebiets zum Klassenfeind gelitten hat. Es gibt viel zu ent-decken in dem Land zwischen (und in) dem Biosphärenreservat „Schaalsee“ bei Zarrentin, der Fliesen-Stadt Boitzenburg an der Elbe und dem großherzoglichen Schloß Ludwigslust. Touristen stoßen auf große und viele kleine Attraktionen, wie die Ziegenkäsemanufaktur in Rögnitz, mit der eine Künstlerin sich neue Ausdrucksformen schuf. Bekannter ist die weitläufige Anlage des Landesgestüts in Redefin mit klassizistischen Bauten von Karl Friedrich Schinkel. Hier treffen sich in einer beeindruckenden Mehrzweckhalle Reiter und Käufer edler Pferde mit Freunden klassischer Musik, dargeboten von nam-haften Orchestern. Lifestyle, Landschaft und Kultur: besser als Skep-tiker glauben, passen „Biker“ in diese Kreise.
Im dünn besiedelten Hinterland Lübecks und Hamburgs finden nicht zuletzt die „Off-Roader“ unter den Motorradfahrern auch ideale Be-dingungen für ihre Leidenschaft, den Alltagsstress auf Nebenpfaden abzuschütteln, auf einem starken Motor zwischen zwei Rädern. Hier finden sie sich selber, als Menschen auf der Suche nach den indivi-duellen psychischen und physischen Grenzen, als Beherrscher von Maschinen in einer Landschaft die man nur erfahren aber nicht be-siegen kann.
Man muss das Gelände verstehen, man muss es begreifen, man muss sich anpassen: Meter für Meter, Welle für Welle, Kurve für Kur-ve, Stein für Stein. Gepflasterte Straßen dienen diesen Sportlern nur als ungeliebte Verbindungsstrecken zu den Pfaden, in denen die Stollenreifen ihrer Enduros sich in den Boden krallen können. Er-staunlich selten musste sich der Trupp der sieben sportlichen Män-ner, dem ich mich angeschlossen hatte, auf das Niveau der „Street-Fighter“ herablassen: Zahllose Nebenwege führen zu den landschaft-lichen und kulturellen Höhepunkten im Westen des nordöstlichsten Bundeslandes.
„Selbst-er-Fahrung auf dem Motorrad“ titelt Jochen Ehlers, der An-führer der Gruppe, denn auch seine Kurse für Manager, die sonst in Survival-Camps für den Überlebenskampf im Büro trainieren. „Nor-male Wege verlassen, eigenen Zielen folgen, sich motivieren, alte Grenzen überschreiten und das individuelle Limit neu setzen – das kann man auch auf dem Motorrad“, erklärt der drahtige Mitvierziger und stülpt den Helm über den grau melierten Lockenkopf. Vom schleswig-holsteinischen Städtchen Burg aus organisiert er Gruppen-reisen auf dem Motorrad, am liebsten „Off-Road“, vorzugsweise auf Korsika und Südfrankreich, aus gutem Grund auch in Mecklenburg-Vorpommern.
Der Begriff „Grenzerfahrung“ schoss mir durch den Kopf, wenn mir wieder die Zweige gegen das Visier knallten, weil der reifenschmale Streifen nassen Grases kein Ausweichmanöver zuließ. Bergsteiger und Einhand-Segler mögen ähnliche Stöße von Adrenalin und En-dorphin erleben, wie Enduro-Fahrer. Stöße in den Hintern, denen man ohnehin besser auf den Fußrasten stehend entgeht, um nicht von Bodenwellen in die Luft geschleudert zu werden, bleiben ihnen erspart. Genauso wie heikle Entscheidung in Bruchteilen von Sekun-den, etwa vor der unverhofft zehn Meter hinter der Schotterkurve auftauchende Schlamm-Passage: Gas aufdrehen oder zurück neh-men? Riskiere ich lieber einen Unfall oder einen Umfall? Nach der ersten Umsinken im Stand (und am Auspuff verschmurgelten Fin-gern) vertraute ich den 37 kW (50 PS) unter der Sitzbank der schwe-ren BMW sowie auf das Vorbild der erfahreneren Mitstreiter. Und ich wusste fortan, dass ich mich gegebenenfalls auf deren Beistand ver-lassen könnte.
Wer Motorrad fährt, hat auch außerhalb der eigenen Gruppe viele Freunde. Man winkt sich zu, man hilft sich und man unterhält sich. Keineswegs alle Gespräche handeln dabei von Benzin und Bremsen. Ein überdurchschnittlicher Bildungsgrad und Sinn für Naturschutz gehören (neben einem höheren Einkommen) zu den typischen Merkmalen von Enduro- und Motocross-Fahrern. Das schlossen Wissenschaftler 1999 der Universität Kassel aus einer Internet-Umfrage, die obendrein ergab: 92,5 % der Antwortenden waren männlich und das Durchschnittsalter lag bei knapp 37 Jahren.
Mir blieb es mit meinen 57 Lebensjahren lediglich vorbehalten, den Alters-Durchschnitt des Trupps deutlich anzuheben, der an einem strahlenden September-Wochenende auf einem Reiterhof bei Zar-rentin Gas zu Rundfahrten ins Abenteuer gab. Dass Männer in den besten Jahren ihre Liebe zum Motorrad entdecken – oder wieder entdecken -, gehört zu den auffälligsten Phänomenen der Szene. Die Tendenz zu schweren (und teuren) Maschinen, flaut hingegen ab, ließ der Industrie-Verband Motorrad Deutschland e.V. (IVM) auf der Fachmesse „Intermot“ in München im September 2004 wissen. Wie denn überhaupt eine gewisse Kaufzurückhaltung spürbar sei.
Vor allem unter Naturschützen hält sich das Bedauern über diese Botschaft vermutlich in Grenzen. Wer Motorrad fährt, kann sich näm-lich auch über einen Mangel an Feinden nicht beklagen, die er frei-lich gelegentlich phonstark selber provoziert. Gerade “Off-Roader“ trifft oft der Zorn von Nutzern und Liebhabern der gleichen Abseits-wege in die Landschaft. Wanderer, Radfahrer, Reiter und Natur-schützer sperren die motorisierten Naturfreunde gelegentlich mit Verbotsschildern aus; oder sperren sie ein, in Sportgelände. Der Na-turschutzbund Deutschland e.V. (NABU) lässt beispielsweise auf An-frage mitteilen: „Enduro-Fahrten abseits befestigter Straßen und speziell dafür ausgewiesener Strecken lehnt der NABU ab“ und for-dert „im Hinblick auf Motorräder die gleiche Position wie beim gesamten motorisierten Individualverkehr, d.h. Lärm- und Schadstoff-emissionen müssen weiter herabgesetzt werden.“
Als einziger Hersteller habe sich BMW diesbezüglich ausgezeichnet, heißt es. Und tatsächlich: 2001 verlieh der Deutsche Motor Sport Bund e. V. (DMSB) den Münchner Motorradbauern den ersten „DSMB-Umwelt-Preis“ für herausragende Leistungen zum Schutz und zur Erhaltung der Umwelt sowie zur Förderung der Umweltver-träglichkeit des Motorsports. Der geringe Verbrauch der 650er „Da-kar“, die ich fuhr, spricht für diese Auszeichnung: Elektronik reduziert den Verbrauch auf knapp vier Liter Normalbenzin auf 100 km. Das gewaltige Gewicht der Maschine (Die BMW F 650 GS Dakar wiegt betankt rund 200 kg) spricht gegen das Lob. Schon weil die technisch aufwendig realisierte Möglichkeit heftig mitwiegt, ABS einzuschalten – eine Hilfe, die nur auf festen Straßen segensreich wirkt.
Jochen Ehlers kennt die Vorbehalte gegen den Sport, dem er sich als Unternehmer verschrieben hat. Er nimmt sie als Naturfreund und als Naturwissenschaftler ernst. Er arbeitet denn auch mit einem Um-weltlabor zusammen, das ihm bescheinigt, Routen sorgsam zu wäh-len, auf den optimalen Zustand der Maschinen zu achten und den Teilnehmern seiner Touren mit den Anliegen des Umweltschutzes zu impfen.
Rücksicht gegenüber Reiter, Radfahrer und Wanderer gehört zumin-dest zur Imagepflege. Sie fällt freilich leicht im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern, das Platz für alle Naturfreunde zu bieten scheint. Oder haben die potentiellen Nutzer der Nebenwege die Möglichkeiten des Landes noch nicht entdeckt? In den Dörfern wink-ten jedenfalls freundliche Menschen den vorbeibrummenden Motor-radfahrern fröhlich zu und überließen ihnen das Vergnügen exklusiv, bei bestem Wanderwetter die Landschaft auf Wegen zu genießen, die sonst allenfalls von Treckern zerwühlt werden. Und die werden vorzugsweise an Wochentagen bewegt, wenn der typische Enduroist das Geld für sein Hobby verdient.
Adressen: Tourismusverband Mecklenburg-Schwerin, Alexandrinerplatz 7, 19288 Ludwigslust, Tel.: 02874/666922, www.mecklenburg-schwerin.de.
Amt für Biosphärenreservat Schaalsee, Wittenburger Chaussee 13, PAHLHUS, 19246 Zarrentin, Tel.: 038851/3020
ENDUROFUN Tours, Jochen Ehlers, Postach 43, 25710 Burg/Dithmarschen, Tel.: 04825/923737, www.endurofun-tours.de
|